In diesem Kapitel werden die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts zusammengefasst und seine Politikempfehlungen dargelegt. Zunächst bietet es einen Überblick über die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie, einschließlich ihrer indirekten Auswirkungen auf nicht übertragbare Krankheiten. Anschließend geht es auf den potenziellen Tribut ein, den fünf potenzielle Pandemieszenarien fordern würden, darunter ein Ebola-, ein Vogelgrippe-, ein Influenza-A-, ein Coronavirus- und ein Masern-ähnliches Szenario. Dabei zugrunde gelegt wurde das OECD-Modell Strategic Public Health Planning for Pandemic Preparedness and Response, das 51 Länder des OECD-Raums, der Europäischen Union/des Europäischen Wirtschaftsraums und der Gruppe der 20 abdeckt. Außerdem werden die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen, die sich aus der Ausweitung von acht nicht pharmazeutischen Interventionen ergeben, und die Grundlagen erörtert, von denen ihre Wirksamkeit abhängt. Das Kapitel schließt mit einer Darstellung der Investitionen, die zur Stärkung der Kapazitäten zur Pandemievorsorge und ‑reaktion erforderlich sind, und des damit verbundenen Nutzens.
Wirtschaftliche Argumente für die Pandemievorsorge und ‑reaktion (Auszugsweise Übersetzung)
1. Beurteilung und Empfehlungen
Copy link to 1. Beurteilung und EmpfehlungenAbstract
In Kürze
Copy link to In KürzeKernaussagen
Pandemien und gesundheitliche Notlagen von internationaler Tragweite sind Ereignisse mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber weitreichenden Auswirkungen: Sie sind zwar selten, können jedoch alle Bereiche der Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern
Die Grippepandemie von 1918 forderte weltweit schätzungsweise 40–50 Millionen Todesopfer und lähmte die Arbeitsmärkte und die Wirtschaftsproduktion. In jüngerer Zeit hat sich gezeigt, dass selbst Ausbrüche kleineren Ausmaßes einen hohen wirtschaftlichen Tribut fordern: Der Ausbruch des schweren akuten respiratorischen Syndroms (SARS) 2002–2003 kostete rd. 50 Mrd. USD, der Ausbruch der hochpathogenen Vogelgrippe (A/H5N1) 2005 rd. 40 Mrd. USD und der Ausbruch der H1N1-Influenza 2009 rd. 50 Mrd. USD. Diese Risiken sind nicht auf die Vergangenheit beschränkt. Ein anhaltender Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo zeigt, dass die Bedrohung nach wie vor real ist. Gleichzeitig geben Berichte über zunehmende Infektionen des Menschen mit einem anderen hochpathogenen Vogelgrippevirus Anlass zur Sorge, dass es zu einem weiteren großflächigen Ausbruch kommen könnte.
Die COVID-19-Pandemie hat uns zuletzt vor Augen geführt, wie destabilisierend Pandemien sein können
Offiziellen Angaben zufolge hat sie zwischen 2020 und Mai 2023 weltweit fast sieben Millionen Menschen das Leben gekostet. Die globalen Gesundheitssysteme waren weit über ihre Kapazitäten hinaus ausgelastet und sahen sich einem akuten Mangel an Gesundheitsfachkräften, Krankenhausbetten und lebenswichtigen medizinischen Gütern gegenüber. Zudem war die Routineversorgung von Menschen, die nicht an COVID-19 erkrankt waren, stark beeinträchtigt. Das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf schrumpfte 2020 um nahezu 4 % gegenüber 2019. Dieser Rückgang war mit dem vergleichbar, der während der globalen Finanzkrise von 2008 verzeichnet worden war.
Die tatsächliche Belastung durch die COVID-19-Pandemie ist höher und könnte noch Jahrzehnte andauern. Die Pandemie hat die Entwicklung der lebensstilbezogenen Risikofaktoren (z. B. die Muster in Bezug auf Tabakkonsum, Alkoholkonsum und Adipositas) für nicht übertragbare Krankheiten (non-communicable diseases – NCD) verändert und die Versorgungspfade chronisch kranker Menschen in nahezu jedem Schritt beeinträchtigt. Aus den Analysen der OECD geht hervor, dass die Lebenserwartung im Durchschnitt von 28 OECD-Ländern bis zum Jahr 2050 um 1,9 Monate niedriger sein könnte als ohne COVID-19, wenn die während der COVID-19-Pandemie beobachteten Veränderungen der NCD-bezogenen Risikofaktoren andauern sollten. Dies entspricht zusätzlichen Kosten in Höhe von 0,6 % der gesamten Gesundheitsausgaben pro Jahr und einem jährlichen BIP-Verlust von 0,2 %.
Eine weitere Pandemie ist keine Frage des Ob, sondern des Wann
Seit den 1940er Jahren nehmen Häufigkeit und Intensität kleinerer Ausbrüche zu. Heute ist das Risiko hoch, dass sich lokale Ausbrüche zu globalen Pandemien ausweiten. Die rasche Verstädterung, Entwaldung und Intensivlandwirtschaft, der extensive und häufig unregulierte Wildtierhandel und die steigende Nachfrage nach Flugreisen sind Faktoren, die das Pandemierisiko erhöhen.
Auch veränderte Witterungsbedingungen tragen zu einem erhöhten Risiko von Ausbrüchen bei. Extremwetterereignisse wie steigende Temperaturen und lang anhaltende Dürreperioden schaffen ein günstigeres Umfeld für die Entwicklung und Ausbreitung vieler Krankheiten. Durch Vektoren und Zecken übertragene Krankheiten stellen in den OECD-Ländern eine immer größere Bedrohung dar.
Ohne Anstrengungen zur Eindämmung von Pandemieausbrüchen wären die Gesundheitssysteme schnell überlastet, und die menschlichen und wirtschaftlichen Verluste wären verheerend
Das OECD-Modell Strategic Public Health Planning (SPHeP) for Pandemic Preparedness and Response (PPR) zeigt, dass Pandemieausbrüche die Gesundheitssysteme erneut überlasten können, wenn sie nicht frühzeitig und effektiv eingedämmt werden. Dabei werden fünf Ausbruchsszenarien zugrunde gelegt, die auf Krankheitserregern basieren, die Erregern mit Pandemiepotenzial ähneln (d. h. Ebola-, Vogelgrippe-, Influenza-A-, Coronavirus- und Masern-ähnliche Ausbrüche). Alle fünf Szenarien einer nicht eingedämmten Pandemie können potenziell große Ausbrüche zur Folge haben. Einige Szenarien würden zu raschen und schweren Ausbrüchen führen, andere hingegen könnten sich über einen längeren Zeitraum hinziehen.
Ohne Anstrengungen zu ihrer Eindämmung könnten die Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung verheerend sein. So könnte der Anteil der Menschen, die dabei ums Leben kämen, von 1,2 % bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch bis zu 5,4 % bei einem Vogelgrippe-ähnlichen Ausbruch reichen und bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch auf bis zu 20 Prozent ansteigen. Selbst den fortschrittlichsten Gesundheitssystemen würde es schwerfallen, den Bedarf an intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten in nur ein bis zwei Monaten zu decken. Überlaufkapazitäten (surge capacity) können zwar vorübergehend für eine Entlastung sorgen, die rasche Ausbreitung eines sich schnell verbreitenden Krankheitserregers aber nicht kompensieren. Die einzig gangbare Strategie besteht daher darin, die Ausbreitung einzudämmen, um den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme zu verhindern.
Wenn Gesundheitssysteme überlastet sind, geraten Volkswirtschaften ins Straucheln. Ohne entschlossene Anstrengungen zur Eindämmung jedes einzelnen Ausbruchs wären die wirtschaftlichen Folgen erheblich: Je nach Szenario ergab sich im neunmonatigen Simulationszeitraum ein drastischer Rückgang des BIP um durchschnittlich 2,7–16,2 %. Die Auswirkungen würden je nach Sektor unterschiedlich ausfallen. In fast allen Ländern und Szenarien wären die Bereiche Verkehr und Lagerei am stärksten betroffen.
Gezielte nicht pharmazeutische Interventionen (NPI) schützen die Gesundheit der Bevölkerung und die Volkswirtschaften in den frühen Phasen einer Pandemie
Der Zeitpunkt für die Ausweitung nicht pharmazeutischer Interventionen ist von entscheidender Bedeutung. Frühzeitig ergriffene und gut umgesetzte NPI verringern die Notwendigkeit von Lockdowns. Die Verhängung von Ausgangssperren als letztes Mittel ist sowohl die ineffektivste Maßnahme, um Leben zu retten, als auch die schädlichste Option für die Wirtschaft (Rückgang des BIP um 11,7–28,9 %), wenn nicht gleichzeitig andere NPI gefördert werden. Die daraus resultierende Kontraktion des BIP fällt häufig stärker aus als bei nicht eingedämmten Pandemieausbrüchen. In den meisten Ausbruchsszenarien lassen sich Lockdowns durch eine robuste und zeitnahe Umsetzung weniger restriktiver Maßnahmen vermeiden.
Mit allen modellierten NPI-Maßnahmenpaketen kann der gesundheitliche Tribut, den Pandemien fordern, erheblich verringert werden. Selbst die am wenigsten strenge Option, die lokale Infektionsschutzmaßnahmen und freiwillige Quarantänen umfasst (d. h. das Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“), könnte mindestens 40 % der Todesfälle verhindern, die bei einem unkontrollierten Ausbruch mit moderaten Auswirkungen auf die Wirtschaft aufgetreten wären (Rückgang des BIP um 2,5–8,6 %). Die Wirksamkeit von NPI hängt jedoch in hohem Maße davon ab, inwieweit die empfohlenen öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen von der Öffentlichkeit befolgt werden. Werden sie nur unzureichend befolgt, können Lockdowns erforderlich sein.
Ein mehrstufiger Ansatz zur Umsetzung von NPI mit je nach Bedarf zunehmender Strenge kann die Gesundheit der Bevölkerung schützen, ohne die Wirtschaft wesentlich zu belasten. Eine Kombination aus Telearbeitsregelungen, Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs und Quarantänepflichten (d. h. das Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“) würde ausreichen, um die überwiegende Mehrzahl der Todesfälle zu verhindern. Außerdem könnten auf diese Weise in allen Ausbruchsszenarien wirtschaftliche Verluste abgefedert werden.
Durch einen frühzeitigen und effektiven Übergang vom Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ zum Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ können Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs vermieden werden, die einen geringfügigen gesundheitlichen Nutzen haben, aber mit höheren wirtschaftlichen Kosten verbunden sind.
Sowohl im Hinblick auf den Gesundheitsschutz der Bevölkerung als auch auf die Wirtschaft hängt die Wirksamkeit von NPI in hohem Maße von der Akzeptanz der breiten Öffentlichkeit ab.
PPR-Kapazitäten können erheblich ausgeweitet werden, wenn NPI eine solide Basis haben
Abwasser-Surveillance kann die Schutzwirkung von NPI deutlich verbessern, da sie ein früheres und gezielteres Eingreifen ermöglicht. Bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch beispielsweise könnten durch die Überwachung von Abwasser als Indikator für die Umsetzung des Maßnahmenpakets „Sicherere Kontakte“ zusätzlich 41 % der Todesfälle verhindert werden, die bei einem Szenario aufgetreten wären, in dem nur durch klinische Surveillance gewonnene Daten verwendet werden. Durch Abwasser-Surveillance können Lockdowns in vielen Fällen ganz vermieden und, wenn sie erforderlich sein sollten, gezielter verhängt werden. In bestimmten Szenarien kann ihre Dauer um bis zu 90 % verkürzt werden, wodurch sich soziale und wirtschaftliche Verwerfungen auf ein Minimum reduzieren lassen.
Bevorratung ist ein wichtiger Teil der Kapazitäten zur zeitnahen und wirksamen Pandemievorsorge und ‑reaktion. In gesundheitlichen Notlagen besteht die erste Verteidigungslinie darin, nationale und regionale Vorräte an wichtigen medizinischen Gütern zu errichten, die für einen Puffer sorgen, wenn die Nachfrage sprunghaft ansteigt und Lieferketten ins Stocken geraten. Über Pandemien hinaus unterstützt die Bevorratung die Reaktion auf Naturkatastrophen, chemische, biologische, radiologische und nukleare Bedrohungen sowie die Bedrohung durch antimikrobielle Resistenzen. Eine wirksame Bevorratungspolitik setzt klare Governance-Strukturen, eine nachhaltige Finanzierung und ein effektives Risiko- und Bestandsmanagement voraus.
Die Verbesserung der PPR-Kapazitäten ist finanzierbar
Investitionen in PPR bieten in zweierlei Hinsicht Vorteile. Länder können effizienter auf Ausbrüche reagieren, wenn PPR-Systeme vorhanden sind, da sie keine neuen Strukturen aufbauen müssen, sondern auf etablierte zurückgreifen können. Dieselben Infrastrukturen, Surveillance-Systeme und Koordinierungsmechanismen, die die Bevölkerung und die Wirtschaft während eines Ausbruchs schützen, verbessern in „normalen Zeiten“ auch die Routineversorgung, beschleunigen die Erkennung anderer Gesundheitsbedrohungen und tragen dazu bei, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Institutionen zu stärken.
Analysen der OECD zeigen, dass Schätzungen zufolge allein im OECD-Raum Investitionen in Höhe von durchschnittlich 7,1 Mrd. USD-KKP (5,9 USD-KKP pro Kopf) pro Jahr nötig sind, um die Vorbereitung der einzelnen Länder auf den nächsten Ausbruch zu verbessern. Dies deckt sich mit den verschiedenen Schätzungen, die im Rahmen früherer globaler PPR-Kostenberechnungen erstellt wurden; ihnen zufolge belaufen sich die Kosten auf 1,4–5,4 USD pro Kopf und Jahr. Der größte Teil der jährlichen PPR-Investitionen würde in den Aufbau und die Aufrechterhaltung nationaler Reserven an persönlicher Schutzausrüstung und Hygieneartikeln fließen (3,2 USD-KKP pro Kopf im OECD-Raum), gefolgt von Maßnahmen zur verstärkten Umsetzung kontaktreduzierender NPI, wie z. B. Maßnahmen zur physischen Distanzierung (2,5 USD-KKP pro Kopf im OECD-Raum). Die Verbesserung der Abwasser-Surveillance ist mit wesentlich geringeren Kosten verbunden: Die meisten Länder müssten dafür weniger als 1 USD-KKP pro Person und Jahr ausgeben.
1.1. Eine weitere Pandemie ist keine Frage des Ob, sondern des Wann
Copy link to 1.1. Eine weitere Pandemie ist keine Frage des Ob, sondern des WannPandemien und gesundheitliche Notlagen von internationaler Tragweite sind klassische Beispiele für Ereignisse mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber weitreichenden Auswirkungen: Sie sind zwar selten, können jedoch alle Bereiche der Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern – ein Risiko, das auch durch den anhaltenden Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo unterstrichen wird. Bereits vor COVID-19 haben mehrere Pandemien gezeigt, wie Krankheitsausbrüche Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften stark beeinträchtigen können. Die Grippepandemie von 1918 führte weltweit zu rd. 40–50 Millionen Todesfällen, lähmte die Arbeitsmärkte und beeinträchtige die Wirtschaftsproduktion (Beach, Clay und Saavedra, 2022[1]). Die Grippepandemien 1957 und 1968 verliefen weniger tödlich, führten aber dennoch zu Investitions- und Produktivitätseinbußen. Der SARS-Ausbruch im Jahr 2003 war zwar von begrenztem Ausmaß, hatte jedoch enorme wirtschaftliche Auswirkungen. Die globalen Verluste beliefen sich auf 50 Mrd. USD (Lee und McKibbin, 2004[2]).
Die COVID-19-Pandemie hat uns zuletzt vor Augen geführt, wie destabilisierend Pandemien sein können. Offiziellen Angaben zufolge hat sie zwischen 2020 und Mai 2023, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte, dass sie nicht mehr als gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite eingestuft werde (WHO, o. J.[3]), weltweit etwa sieben Millionen Menschen das Leben gekostet. Die globalen Gesundheitssysteme waren weit über ihre Kapazitäten hinaus ausgelastet und sahen sich einem akuten Mangel an Gesundheitsfachkräften, Krankenhausbetten und grundlegenden medizinischen Gütern gegenüber. Zudem war die Routineversorgung von Menschen, die nicht an COVID-19 erkrankt waren, stark beeinträchtigt. Das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf schrumpfte 2020 um nahezu 4 % gegenüber 2019. Dieser Rückgang war mit dem vergleichbar, der während der globalen Finanzkrise von 2008 verzeichnet worden war (Weltbankgruppe, o. J.[4]).
Das Risiko einer weiteren Pandemie steigt. Aus einer vielzitierten Studie geht hervor, dass die kumulative Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 25 Jahren eine weitere Pandemie im Ausmaß von COVID-19 zu erleben, bei etwa 50 % liegt (Madhav et al., 2023[5]). Die Ergebnisse derselben Studie deuten darauf hin, dass das kumulative 25-Jahres-Risiko einer Pandemie, die durch ein Atemwegsvirus ausgelöst werden könnte, je nach Schwere zwischen 14 % und 80 % beträgt, wobei Pandemien mit höherer Letalität weniger wahrscheinlich sind. Die rasche Verstädterung, Entwaldung und Intensivlandwirtschaft, der extensive und häufig unregulierte Wildtierhandel und die steigende Nachfrage nach Flugreisen erhöhen das Risiko von Pandemieausbrüchen (GPMB, 2024[6]). Durch das zunehmende Auftreten extremer Wetterereignisse steigt das Risiko zusätzlich (Kasten 1.1). Neueres Datenmaterial zeigt außerdem, dass die Zahl der menschlichen Infektionen mit hochpathogenen Vogelgrippeviren zunimmt, was Anlass zur Sorge gibt, dass es zu einem weiteren großflächigen Ausbruch kommen könnte (Rolfes et al., 2025[7]).
Kasten 1.1. Extremwetterereignisse verändern die Landschaft der übertragbaren Krankheiten
Copy link to Kasten 1.1. Extremwetterereignisse verändern die Landschaft der übertragbaren KrankheitenExtremwetterereignisse schaffen neue Möglichkeiten für die Entstehung, Ausbreitung und Entwicklung von Krankheiten
Weltweit nimmt die Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Starkniederschlägen, lang anhaltenden Dürreperioden, Waldbränden und Küstenhochwasser zu. Dadurch entsteht ein Umfeld, das die Entwicklung und Ausbreitung vieler Krankheiten begünstigt. Eine neuere Studie ergab, dass witterungsbedingte Faktoren 58 % aller bekannten Infektionskrankheiten, die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben (218 von 375 Krankheiten), verschlimmert haben (Mora et al., 2022[8]). In Europa werden nahezu zwei Drittel der Krankheitserreger, die Menschen und Haustiere befallen, durch klimatische Bedingungen beeinflusst (McIntyre et al., 2017[9]). Dazu einige Beispiele:
Höhere Temperaturen führten zu einer zunehmenden Verbreitung vieler Vektoren in neuen geografischen Gebieten, wie der Lyme-Borreliose in Nordeuropa (Estrada-Peña und Fernández-Ruiz, 2020[10]) und dem West-Nil-Virus in Europa (Semenza und Paz, 2021[11]). Außerdem tragen sie zu einer verstärkten Kontamination von Nahrungsmitteln mit gefährlichen Bakterien bei; zu nennen sind hier z. B. Salmonelleninfektionen in Europa, Australien und den Vereinigten Staaten (Morgado et al., 2021[12]; D’Souza et al., 2004[13]; Kovats et al., 2004[14]).
Extreme Regenfälle und Überschwemmungen können neue Brutstätten für Stechmücken schaffen, die als Lebensraum für Vektoren wie Aedes aegypti dienen können. Starkniederschläge und Überschwemmungen können die Sanitär- und Abwassersysteme überlasten und Krankheitserreger aus kontaminierten Böden und Abwasserkanälen in Trinkwasserressourcen, Flüsse und Erholungsgewässer spülen.
Höhere Wassertemperaturen fördern das Wachstum und die Verbreitung vieler durch Wasser übertragener Krankheitserreger. In den letzten 40 Jahren stieg der Anteil der Gebiete an der Ostseeküste und an der Nordostküste der Vereinigten Staaten, die für Bakterien der Gattung Vibrio günstige Bedingungen bieten, von 47,5 % auf 86,3 % (Romanello et al., 2022[15]).
Lang anhaltende Dürreperioden können das Risiko ebenfalls erhöhen, da sie zu einer Konzentration von Krankheitserregern in kleineren Gewässern und unsicheren Praktiken bei der Wasserspeicherung führen.
Durch Vektoren und Zecken übertragene Krankheiten stellen in den Ländern des OECD-Raums und Europas eine immer wichtigere Infektionsquelle dar
Nachdem viele durch Vektoren und Zecken übertragene Krankheiten jahrzehntelang nahezu vollständig verschwunden waren, breiten sie sich in Europa nun wieder aus. Frankreich, Spanien und Kroatien haben seit 2010 Fälle von lokal erworbenen Dengue- oder Chikungunya-Infektionen gemeldet. Als zentraler Treiber dieser Entwicklungen werden wärmere und feuchtere Bedingungen angesehen, die es den als Vektoren fungierenden Stechmücken ermöglichen, in neuen geografischen Regionen zu überleben und sich zu vermehren.
Quelle: Mora et al. (2022[8]), „Over half of known human pathogenic diseases can be aggravated by climate change“, http://doi.org/10.1038/s41558-022-01426-1; McIntyre et al. (2017[9]), „Systematic Assessment of the Climate Sensitivity of Important Human and Domestic Animals Pathogens in Europe“, http://doi.org/10.1038/s41598-017-06948-9; Estrada-Peña und Fernández-Ruiz (2020[10]), „A Retrospective Assessment of Temperature Trends in Northern Europe Reveals a Deep Impact on the Life Cycle of Ixodes ricinus (Acari: Ixodidae)“, http://doi.org/10.3390/pathogens9050345; Semenza und Paz (2021[11]), „Climate change and infectious disease in Europe: Impact, projection and adaptation“, http://doi.org/10.1016/j.lanepe. 2021.100230; Morgado et al. (2021[12]), „Climate change, extreme events, and increased risk of salmonellosis: foodborne diseases active surveillance network (FoodNet), 2004–2014“, http://doi.org/10.1186/s12940-021-00787-y; D’Souza et al. (2004[13]), „Does Ambient Temperature Affect Foodborne Disease?“, http://doi.org/10.1097/01.ede.0000101021.03453.3e; Kovats et al., (2004[14]), „The effect of temperature on food poisoning: a time-series analysis of salmonellosis in ten European countries“, http://doi.org/10.1017/s0950268804001992; Romanello et al. (2022[15]), „The 2022 report of the Lancet Countdown on health and climate change: health at the mercy of fossil fuels“, http://doi.org/10.1016/s0140-6736(22)01540-9.
Auch wenn aus COVID-19 gelernt wurde, muss weltweit mehr getan werden, um die Kapazitäten zur Pandemievorsorge und -reaktion (PPR) zu stärken (Kasten 1.2). Viele Länder haben die für den Ausbau ihrer PPR-Kapazitäten zur Verfügung stehenden Mittel zurückgefahren. 2022 beliefen sich die globalen PPR-Ausgaben auf 230 Mrd. USD, nachdem sie 2021 mit 267 Mrd. USD einen Höchststand erreicht hatten (Penn et al., 2025[16]). Die globalen Gesundheitssysteme sind weiterhin mit chronischen Arbeitskräfteengpässen und unzureichenden Investitionen in die Überwachung neu auftretender Gesundheitsbedrohungen konfrontiert (OECD/Europäische Kommission, 2024[17]). Hinzukommt, dass die globalen Lieferketten für lebenswichtige medizinische Güter nach wie vor fragil sind (OECD, 2024[18]) und die globale Architektur für die Prävention, Vorsorge und Reaktion auf gesundheitliche Notlagen unterfinanziert und fragmentiert bleibt (WHO, OECD und Weltbank, 2025[19]). Darüber hinaus sind die Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) für neuartige Impfstoffe, Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten immer noch suboptimal: Die Ausgaben für die Forschung und Entwicklung im Gesundheitsbereich sind weltweit von 13 Mrd. USD im Jahr 2021 auf 10 Mrd. USD im Jahr 2022 zurückgegangen (Penn et al., 2025[16]).
Kasten 1.2. Weltweite Fortschritte bei der Pandemievorsorge und -reaktion seit COVID-19
Copy link to Kasten 1.2. Weltweite Fortschritte bei der Pandemievorsorge und -reaktion seit COVID-19Im Gefolge der COVID-19-Pandemie hat eine Reihe von Reflexionsprozessen wichtige Erkenntnisse darüber geliefert, was aus den Fehlern der internationalen Reaktion auf die Krise gelernt und wie die Resilienz gegenüber künftigen Gesundheitsschocks erhöht werden kann. Besonders hervorzuheben sind hier das Independent Panel for Pandemic Preparedness and Response, das systemische Reformen im globalen Gesundheitssystem forderte, und das G20 High Level Independent Panel on Financing the Global Commons for Pandemic Preparedness and Response, dessen Schwerpunkt darauf lag, die Finanzierungslücke von schätzungsweise 15 Mrd. USD pro Jahr zu schließen, um die Surveillance, die Gesundheitssysteme, die Impfstoffversorgung und die Governance im Bereich der Gesundheitssicherheit zu stärken, wobei die Lücke in den Entwicklungsländern am größten ist (G20 High Level Independent Panel, 2021[20]). 2025 brachte die COVID-19 Global Evaluation Coalition Evaluierungseinheiten von Staaten, multilateralen Institutionen und Organisationen der Vereinten Nationen zusammen, um evidenzbasierte Erkenntnisse und empfehlenswerte Vorgehensweisen für künftige globale Krisen zu erarbeiten (OECD, 2025[21]).
Diese Initiativen haben deutlich gemacht, dass die internationale Zusammenarbeit und Koordinierung verbessert werden muss, um globale Gesundheitsbedrohungen zu bewältigen. Auf Ersuchen der G20 gründete der Verwaltungsrat der Weltbank 2022 den Pandemic Fund. Dabei handelt es sich um den ersten multilateralen Finanzierungsmechanismus, der ausschließlich der Stärkung kritischer Kapazitäten zur Pandemieprävention, -vorsorge und -reaktion auf lokaler, regionaler und globaler Ebene dient. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Ländern der unteren und mittleren Einkommensgruppe. Die gemeinsame G20-Taskforce „Finanzen-Gesundheit“ hat internationale Organisationen in den vergangenen Jahren gebeten, jährlich aktualisierte Versionen des Global Report on the Framework for Health, Social and Economic Vulnerabilities and Risks Related to Pandemics vorzulegen. Diese sollen durch ein Operational Playbook for Pandemic Response Financing (ein nicht verbindliches Referenzinstrument, das das Tempo, den Umfang und die Koordinierung der Finanzierung künftiger Pandemiebekämpfungsmaßnahmen verbessern soll) ergänzt werden (FMCBG, 2025[22]). 2025 legten die OECD, die Weltbank und die Weltgesundheitsorganisation unter dem G20-Vorsitz Südafrikas zudem einen neuen Bericht vor, der sich mit der Nachhaltigkeit der Gesundheits- und PPR-Finanzierung befasste. Im Zentrum der Betrachtung stand dabei die dringende Notwendigkeit, in einer Zeit zunehmender Haushaltszwänge und eines raschen Rückgangs der ODA-Finanzierung neue, innovative Finanzierungsquellen zu erschließen (Penn et al., 2025[16]).
Im Mai 2025 hat die Weltgesundheitsversammlung das Pandemieabkommen angenommen und damit den Weg für die Unterzeichnung und Ratifizierung durch die Mitgliedstaaten geebnet. Darüber hinaus sind inzwischen Änderungen der Internationalen Gesundheitsvorschriften in Kraft getreten, mit denen der zunehmenden Gefahr von Infektionskrankheiten und anderen Risiken für die öffentliche Gesundheit sowie der Notwendigkeit einer besseren internationalen Koordinierung Rechnung getragen wird (WHO, 2025[23]; WHO, 2025[24]).
Wie in einem neuen Bericht des unter dem G20-Vorsitz Südafrikas erneut einberufenen G20 High Level Independent Panel hervorgehoben wird, bleibt jedoch noch viel zu tun, u. a. um die Messung und Verwaltung der PPR-Finanzierung in Zukunft zu verbessern. In diesem Kontext wird die hochrangige Tagung der Vereinten Nationen zu Pandemieprävention, -vorsorge und -reaktion im Jahr 2026 von entscheidender Bedeutung sein, um in einer Zeit komplexer globaler Herausforderungen für eine neuerliche Fokussierung auf die Vereinbarung und Operationalisierung von PPR-Reformen zu sorgen (G20 High-Level Independent Panel, 2025[25]).
Quelle: G20 High Level Independent Panel (2021[20]), „A Global Deal for Our Pandemic Age: Financing the Global Commons for Pandemic Preparedness and Response“, https://www.g20.utoronto.ca/2021/G20-HLIP-Report.pdf; OECD (2025[21]), Strategic Joint Evaluation of the Collective International Development and Humanitarian Assistance Response to the COVID-19 Pandemic, http://doi.org/10.1787/680e2786-en; FMCBG (2025[22]), „Finance Track Communiqué 3rd Finance Ministers & Central Bank Governors Meeting“, https://g20.org/g20-media/3rd-finance-ministers-central-bank-governors-meeting/; Penn et al (2025[16]), „Smart spending to combat global health threats: Tracking expenditure on prevention, preparedness, and response, and other global public goods for health“, http://doi.org/10.1787/166d7c57-en; WHO (2025[23]), „Amended International Health Regulations enter into force“, https://www.who.int/news/item/19-09-2025-amended-international-health-regulations-enter-into-force; WHO (2025[24]), „Pandemic prevention, preparedness and response agreement“, https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/pandemic-prevention--preparedness-and-response-accord; G20 High-Level Independent Panel (2025[25]), Closing the Deal: Financing Our Security Against Pandemic Threats, https://nam.edu/pandemic-financing/.
Ziel dieses Berichts ist es, überzeugende wirtschaftliche Argumente für Investitionen in die PPR-Kapazitäten in 51 OECD-, EU/EWR- und G20-Ländern sowie darüber hinaus zu liefern. Seine wichtigsten Erkenntnisse und Politikempfehlungen sind in diesem Kapitel zusammengefasst. In ihm werden die Auswirkungen von COVID-19 auf die öffentliche Gesundheit und die Gesundheitssysteme geschätzt, einschließlich der indirekten Auswirkungen auf nicht übertragbare Krankheiten (NCD) durch veränderte Lebensgewohnheiten. Außerdem werden die Risiken künftiger Pandemien untersucht, mithilfe des OECD-Modells Strategic Public Health Planning (SPHeP) for PPR potenzielle Ausbruchsszenarien analysiert und die Wirksamkeit von acht nicht pharmazeutischen Interventionen (NPI) evaluiert. Auch die Rolle der Abwasser-Surveillance als Frühwarninstrument wird in diesem Kapitel beleuchtet. Ferner werden PPR-Indizes verglichen und die Bedeutung der nationalen Bevorratung hervorgehoben. Abschließend werden die Investitionen geschätzt, die zur Stärkung der PPR-Kapazitäten erforderlich sind.
1.2. Bestandsaufnahme der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die öffentliche Gesundheit, die Gesundheitssysteme und die Volkswirtschaften
Copy link to 1.2. Bestandsaufnahme der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die öffentliche Gesundheit, die Gesundheitssysteme und die Volkswirtschaften1.2.1. In vielen OECD-Ländern halten die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von COVID-19 an
Bis zum Ende der Notlage im Mai 2023 hatte die COVID-19-Pandemie weltweit fast sieben Millionen Menschen das Leben gekostet (WHO, o. J.[3]). Dies hatte demografische Auswirkungen, die bis heute andauern. 2020 sank die durchschnittliche Lebenserwartung im OECD-Raum um sieben Monate, was dem stärksten Rückgang seit Jahrzehnten entspricht (OECD, 2021[26]). Bis 2023 hatten 13 OECD-Länder das Vorpandemieniveau noch nicht wieder erreicht (OECD, 2025[27]). Zudem betrug der Verlust an Lebenserwartung, gemessen als die Differenz zwischen der Lebenserwartung im Jahr 2019 und dem niedrigsten Wert, den die einzelnen Länder während der Pandemiejahre erreichten, im OECD-Durchschnitt 0,9 Jahre.
1.2.2. Die COVID-19-Pandemie hat den längerfristigen Verlauf chronischer Erkrankungen geprägt
Die COVID-19-Pandemie war Stresstest und Spiegel des gesellschaftlichen Gesundheitsverhaltens zugleich. Bei manchen hat sie positive Gewohnheiten verstärkt, bei anderen hingegen die Risikofaktoren für nicht übertragbare Krankheiten erhöht. Veränderungen bei den Risikofaktoren haben in Verbindung mit erheblichen Beeinträchtigungen bei der Vorsorge, Diagnose und Behandlung die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass nicht übertragbare Krankheiten in den kommenden Jahren möglicherweise zunehmen werden (Xu et al., 2024[28]). Die OECD hat die potenziellen indirekten Auswirkungen von COVID-19 im Hinblick auf die gesundheitliche und wirtschaftliche Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten untersucht (Kasten 1.3).
Kasten 1.3. Von den Alltagsgewohnheiten bis zur Organisation in Krankhäusern: Wie COVID-19 die Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten verändert hat
Copy link to Kasten 1.3. Von den Alltagsgewohnheiten bis zur Organisation in Krankhäusern: Wie COVID-19 die Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten verändert hatCOVID-19 wirkte sich auf die Lebensstilfaktoren, die die Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten beeinflussen, unterschiedlich aus
Die COVID-19-Pandemie führte zu erheblichen Veränderungen einiger mit NCD assoziierter lebensstilbedingter Risikofaktoren. Im Durchschnitt von 28 OECD-Ländern war die Prävalenz des Tabakkonsums etwa 10 % höher als in den Projektionen, die auf den linearen Trends vor der Pandemie beruhten. Dies deutet darauf hin, dass COVID-19 den Rückgang der Raucherprävalenz insgesamt verlangsamte. Im Gegensatz dazu war der Pro-Kopf-Alkoholkonsum im gleichen Zeitraum und in der gleichen Ländergruppe insgesamt 4 % niedriger als vorhergesagt. Schätzungen zufolge sind die Auswirkungen auf Adipositas marginal. Im Durchschnitt sind sie weniger als 1 % höher als erwartet, was möglicherweise auf die Verzögerung zwischen den Veränderungen der Energiebilanz und den beobachtbaren Gewichtsveränderungen zurückzuführen ist, die durch den kurzen Untersuchungszeitraum noch verstärkt wird.
COVID-19 hat die Versorgungspfade chronisch kranker Menschen in nahezu jedem Schritt beeinträchtigt
Die Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund lebensbedrohlicher kardiovaskulärer Ereignisse ging in den ersten Monaten des Jahres 2020 zurück. Bei verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sank sie in 17 OECD-Ländern um durchschnittlich 26 %, bei akuten Schlaganfällen in 11 OECD-Ländern um durchschnittlich 24 %. Selbst wenn die Menschen in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, kam es bei der Versorgung häufig zu Verzögerungen. Diese Störungen hatten schwerwiegende Folgen. Beispielsweise stieg die durch Herzinfarkte und Schlaganfälle bedingte Sterblichkeit in Spanien (Rodríguez-Leor et al., 2020[29]), den Vereinigten Staaten, (Mefford et al., 2021[30]) und Litauen (Čelutkienė et al., 2022[31]) um rd. 45 %.
In der Krebsversorgung kam es zu ähnlichen Einbrüchen. In vielen OECD-Ländern wurden Screeningprogramme ausgesetzt (Fujisawa, 2022[32]). In sechs OECD-Ländern ging dadurch die Zahl der Untersuchungen 2020 über mehrere Monate hinweg gegenüber dem Vorjahresniveau um rd. 26 % zurück. Bei den Krebsoperationen wurde in fünf OECD-Ländern ein Rückgang um rd. 15 % verzeichnet. Außerdem verlängerten sich die Wartezeiten, da die Krankenhäuser mit einem Behandlungsrückstau und Personalengpässen zu kämpfen hatten. Frühere Studien zeigten, dass die mediane Gesamtüberlebenszeit bei Patient*innen mit metastasiertem Kolorektalkarzinom in Frankreich von Mai bis September 2020 um 26,5 % (Thierry et al., 2021[33]) und bei Patient*innen mit einem Karzinom des Ösophagus und des Magens in Schottland von März bis September 2020 um etwa drei Monate zurückging (Baxter et al., 2023[34]).
Die langfristigen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 auf NCD wurden mit dem SPHeP-NCD-Modell quantifiziert
Um die langfristigen Folgen von COVID-19 zu erfassen, hat die OECD zwei hypothetische Pandemieszenarien modelliert, die die Veränderungen der Lebensgewohnheiten und der Gesundheitsversorgung widerspiegeln. In beiden Szenarien wird von einer veränderten Exposition gegenüber wichtigen Risikofaktoren (z. B. Tabakkonsum, Alkoholkonsum und Adipositas) und einem vorübergehenden Rückgang der Überlebensraten bei Krebserkrankungen ausgegangen. Im Szenario eines vorübergehenden Schocks sind diese Störungen von kurzer Dauer: Die Risikofaktoren verändern sich im Jahresverlauf 2021, bleiben bis 2023 stabil und kehren 2024 zu ihrem vor der Pandemie verzeichneten Niveau zurück. In der Praxis bedeutet dieses Szenario, dass Menschen, die ihre Gewohnheiten während der COVID-19-Pandemie änderten, 2024 wieder zu ihren früheren Lebensgewohnheiten zurückkehren. Das zweite Szenario (d. h. ein dauerhafter Schock) geht von anhaltenden Veränderungen aus: Die Risikofaktoren verändern sich im Jahresverlauf 2021 und bleiben bis 2050 dauerhaft auf diesem Niveau. Dabei wird unterstellt, dass die während der Pandemie angenommenen Lebensstiländerungen während des gesamten Simulationszeitraums beibehalten werden.
COVID-19 könnte anhaltende Auswirkungen auf die Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten, die Gesundheitsausgaben und die Wirtschaft haben (Abbildung 1.1). Auf kurze Sicht (d. h. zwischen 2020 und 2024) sind die Lebenserwartung und die gesunde Lebenserwartung in den 28 untersuchten OECD-Ländern durch COVID-19-bedingte Veränderungen der Lebensgewohnheiten und vorübergehende Rückgänge der Krebsüberlebenschancen geschätzt um 2,4 bzw. 2,5 Monate gesunken. Diese Gesundheitsbelastung schlägt sich in einem durchschnittlichen Anstieg der jährlichen Gesundheitsausgaben um 0,4 % und jährlichen BIP-Einbußen von 0,1 % nieder.
Abbildung 1.1. Indirekte gesundheitliche und wirtschaftliche Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf NCD
Copy link to Abbildung 1.1. Indirekte gesundheitliche und wirtschaftliche Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf NCDJahresdurchschnitt für den Zeitraum 2020–2024 (kurzfristige Auswirkungen) und 2025–2050 (langfristige Auswirkungen); in die Analyse wurden 28 OECD-Länder einbezogen
Anmerkung: „Kurzfristige Auswirkungen“ bezieht sich auf die geschätzten NCD-bezogenen Auswirkungen von COVID-19 im Zeitraum 2020–2024. Dabei werden Veränderungen bei wichtigen Risikofaktoren und ein Rückgang der Überlebensraten von Krebspatient*innen unterstellt. „Langfristige Auswirkungen“ beziehen sich auf Schätzungen der NCD-bezogenen Auswirkungen von COVID-19 im Zeitraum 2025–2050. Dazu wird auf zwei Szenarien zurückgegriffen, einen „vorübergehenden Schock“, bei dem die Veränderungen bei Risikofaktoren bis 2024 nur von kurzer Dauer sind, und einen „dauerhaften Schock“, bei dem für die Dauer des Modells bis 2050 anhaltende Veränderungen unterstellt werden. Der vorübergehende Schock kann als untere Approximation der NCD-bezogenen Auswirkungen von COVID-19 interpretiert werden, der dauerhafte Schock als obere Approximation.
Quelle: OECD-Analysen auf Basis des OECD-Modells SPHeP-NCDs.
Auf lange Sicht (d. h. zwischen 2025 und 2050) lassen die negativen Auswirkungen von COVID-19 auf Gesundheit und Wirtschaft mit der Zeit nach, wenn die Risikofaktoren und Verhaltensweisen allmählich wieder das Vorpandemieniveau erreichen (Szenario eines vorübergehenden Schocks). Sollten die während der COVID-19-Pandemie beobachteten Veränderungen bei der Prävalenz der Risikofaktoren jedoch dauerhaft bestehen bleiben, könnte die Lebenserwartung 2050 in 28 OECD-Ländern im Durchschnitt 1,9 Monate niedriger sein als in einem Szenario ohne Pandemie. Im Durchschnitt von 28 OECD-Ländern könnten die jährlichen Gesundheitsausgaben für nicht übertragbare Krankheiten im Zeitraum 2025–2050 weiterhin um 0,6 % höher und das BIP um bis zu 0,2 % niedriger ausfallen.
Quelle: Rodríguez-Leor et al. (2020[29]), „Impact of COVID-19 on ST-segment elevation myocardial infarction care. The Spanish experience“, http://doi.org/10.1016/j.rec.2020.08.002;.Mefford et al. (2021[30]), „Rates of Acute Myocardial Infarction During the COVID-19 Pandemic“, http://doi.org/10.7812/TPP/21.074; Čelutkienė et al (2022[31]), „Collateral effect of the COVID-19 pandemic on cardiology service provision and cardiovascular mortality in a population-based study: COVID-COR-LT“, http://doi.org/10.1007/s00392-022-02033-y; Fujisawa et al (2022[32]), „Impact of the COVID-19 pandemic on cancer care in OECD countries“, http://doi.org/10.1787/c74a5899-en; Thierry et al. (2021[33]), „Association of COVID-19 Lockdown With the Tumor Burden in Patients With Newly Diagnosed Metastatic Colorectal Cancer“, http://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2021.24483; Baxter et al. (2023[34]), „“Diagnosis, treatment, and outcome of patients with oesophagogastric cancer during the COVID-19 pandemic: national study“, http://doi.org/10.1093/bjs/znad003.
1.3. Künftige Pandemien werden einen doppelten Tribut fordern: zahlreiche Todesopfer und gravierende wirtschaftliche Verwerfungen
Copy link to 1.3. Künftige Pandemien werden einen doppelten Tribut fordern: zahlreiche Todesopfer und gravierende wirtschaftliche VerwerfungenDas SPHeP-PPR-Modell der OECD simuliert die mögliche Ausbreitung von Krankheiten in 51 OECD-, EU/EWR- und G20-Ländern, um die potenziellen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen künftiger Pandemien zu untersuchen (Kasten 1.4). Der Analysezeitraum erstreckt sich auf die ersten neun Monate von fünf simulierten Ausbrüchen, bei denen davon ausgegangen wird, dass wirksame pharmazeutische Interventionen oder Impfstoffe nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen.
Kasten 1.4. Das SPHeP-PPR-Modell quantifiziert die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Pandemien
Copy link to Kasten 1.4. Das SPHeP-PPR-Modell quantifiziert die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von PandemienUm die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Pandemieausbrüchen besser zu verstehen, hat die OECD das SPHeP-PPR-Modell entwickelt. Dabei handelt es sich um einen Analyserahmen der nächsten Generation, der epidemiologische und makroökonomische Modellierung integriert. Das Modell baut auf dem klassischen Modellierungsansatz für Infektionskrankheiten auf und erweitert ihn, um der Komplexität der Ausbruchsdynamik in der realen Welt Rechnung zu tragen.
Es ist länderspezifisch und altersstratifiziert und stützt sich auf Kontaktmatrizen und die räumliche Bevölkerungsdichte, ausgedrückt in Rastern von 5 x 5 km. Dadurch können detaillierte Analysen durchgeführt werden, wie sich eiwn Krankheitserreger in verschiedenen Bevölkerungsgruppen ausbreitet, wie viele Menschen möglicherweise schwer erkranken und wie viele Todesfälle es geben könnte. Das Modell berücksichtigt das demografische Profil der einzelnen Länder und die sozialen Kontaktmuster zwischen Personen in verschiedenen Kontexten (z. B. Schule und Beruf) (Prem et al., 2021[35]) und liefert so ein detailliertes Bild davon, wie sich Infektionen entwickeln und auf die Bevölkerung auswirken könnten. Neben der Erfassung von Infektionen und Todesfällen berücksichtigt das Modell auch Kapazitätsengpässe im Gesundheitssystem, darunter die Zahl der verfügbaren Krankenhausbetten und die Ressourcen auf Intensivstationen. So kann abgeschätzt werden, wie sich die sprunghaft ansteigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen im Zeitverlauf entwickelt und ob in den Gesundheitssystemen mit Engpässen zu rechnen ist. Das Modell ermöglicht es zudem, die Auswirkungen von NPI auf die Gesundheitsergebnisse zu beurteilen.
Das SPHeP-PPR-Modell der OECD bündelt epidemiologische, demografische, gesundheitssystembezogene und wirtschaftliche Daten in einem einzigen Analyserahmen, sodass die möglichen Folgen von Ausbrüchen und die als Reaktion darauf ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen einheitlich bewertet werden können. Wie bei jedem Modell handelt es sich auch hier um eine Vereinfachung der Dynamik der realen Welt. Die Schätzungen der OECD sind daher mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Die beobachteten Auswirkungen können stärker variieren, als die Analyse vermuten lässt. Die im Bericht vorgestellten Schätzungen sollten daher eher als Richtwerte denn als exakte Werte betrachtet werden. Die tatsächlichen Auswirkungen könnten stärker variieren als projiziert.
Um die wirtschaftliche Dimension von Pandemien zu erfassen, hat die OECD mit dem französischen Konjunkturforschungsinstitut Observatoire français des conjonctures économiques (OFCE) an der Hochschule Sciences Po zusammengearbeitet. Das makroökonomische Modell des OFCE überträgt die epidemiologischen Ergebnisse in wirtschaftliche Schocks und erfasst, wie sich Störungen des Arbeitsangebots, der Produktionskapazitäten und der Verbrauchernachfrage in den einzelnen Sektoren ausbreiten (Dauvin und Sampognaro, 2021[36]). Bei diesem integrierten Ansatz werden sowohl angebotsseitige Engpässe (z. B. geringere Erwerbsbeteiligung aufgrund von Krankheit) als auch nachfrageseitige Reaktionen (z. B. geringerer Verbrauch während der Eindämmungsmaßnahmen) mit einbezogen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sollten unter Berücksichtigung der spezifischen Gegebenheiten der Wirtschaftsstruktur des jeweiligen Landes interpretiert werden. Da die makroökonomischen Gesamtindikatoren durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst werden können, wie z. B. die sektorale Konzentration, die Exporttätigkeit oder die Präsenz multinationaler Unternehmen, erfassen die geschätzten wirtschaftlichen Auswirkungen möglicherweise nicht alle Veränderungen des wirtschaftlichen Wohlstands im Inland. Dennoch bieten sie eine einheitliche Basis für länderübergreifende Vergleiche. Die mit dem OFCE-Modell erfassten wirtschaftlichen Schätzungen sollten als konservative Messgröße des gesamtwirtschaftlichen Verlusts betrachtet werden, da das Modell den langfristigen Verlust an künftiger Produktion aufgrund vorzeitiger Sterblichkeit nicht berücksichtigt.
Mit diesen miteinander verknüpften Modellen lassen sich die Folgen von Pandemien unter verschiedenen Szenarien bewerten. Die Ergebnisse tragen dazu bei, ein klareres Bild der positiven Nebeneffekte zu zeichnen, die der Schutz der öffentlichen Gesundheit und der Wirtschaft mit sich bringt. Darüber hinaus helfen sie den Ländern, resilientere und evidenzbasierte Maßnahmen für künftige Ausbrüche zu planen.
Quelle: Prem et al. (2021[35]), „Projecting contact matrices in 177 geographical regions: An update and comparison with empirical data for the COVID-19 era“,https://doi.org/10.1371/journal.pcbi.1009098; Dauvin und Sampograno (2021[36]), „Dans les coulisses du confinement: modelisation de chocs simultanes d'offre et de demande. Une application au confinement du mois d’avril 2020 en France”, https://www.ofce.sciences-po.fr/pdf/dtravail/OFCEWP2021-05.pdf.
Die Pandemieszenarien wurden strategisch so ausgewählt, dass sie ein breites Spektrum glaubwürdiger Bedrohungen abbilden. Dadurch sind die Erkenntnisse direkt auf die realen PPR-Anstrengungen übertragbar. Der Auswahlprozess basierte auf einer Reihe von Kriterien. Erstens entsprechen die in den einzelnen Szenarien modellierten Krankheitserreger den Erregern, die von der WHO als Erreger mit erheblichem Pandemiepotenzial eingestuft wurden. Zweitens spiegeln die Szenarien aktuelle und drängende politische Anliegen der OECD-, EU/EWR- und G20-Länder wider. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Bedrohungen, die aktiv überwacht werden (z. B. Vogelgrippe). Drittens beruhen alle Szenarien auf einem Fundament qualitativ hochwertiger wissenschaftlicher Evidenz, das eine robuste Modellierung der jeweiligen epidemiologischen Merkmale ermöglicht.
Folgende Ausbruchsszenarien wurden ausgewählt:
Ebola-ähnlicher Ausbruch: In diesem Ausbruchsszenario wird ein Krankheitserreger dargestellt, der zwar weniger leicht übertragen werden kann, dafür aber zu einer extrem schweren Erkrankung führt und die Fähigkeit der Gesundheitssysteme, kritische Fälle zu behandeln, auf die Probe stellt.
Vogelgrippe-ähnlicher Ausbruch: Hierbei wird ein neuer Stamm von Influenzaviren modelliert, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden und mit einer hohen Hospitalisierungs- und Letalitätsrate verbunden sind.
Influenza-A-ähnlicher Ausbruch: In diesem Szenario wird ein leicht übertragbares, aber weniger schweres Grippevirus simuliert. Das Szenario entspricht einer klassischen, sich schnell ausbreitenden Pandemie.
Coronavirus-ähnlicher Ausbruch: Hierbei handelt es sich um eine Simulation eines neuartigen Coronavirus, das SARS-CoV-2 ähnelt und durch eine asymptomatische Ausbreitung und einen altersabhängig schweren Verlauf gekennzeichnet ist.
Masern-ähnlicher Ausbruch: Dies ist das extremste Szenario mit einem hyperinfektiösen Erreger in einer nicht immunen Bevölkerung, der großflächig zu schweren Erkrankungen führt.
Jedes Szenario des OECD-Modells basiert auf den epidemiologischen Merkmalen eines realen Krankheitserregers, die Parameter sollen diese Krankheiten jedoch nicht genau nachbilden. Sie stehen vielmehr für eine Reihe plausibler Archetypen von Krankheitsausbrüchen, die sich hinsichtlich ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit, ihres Schweregrads und der Belastung, die sie für die Gesundheitssysteme darstellen, unterscheiden. Die Simulationen wurden mit einer naiven Population durchgeführt. Dabei wurde unterstellt, dass keine vorherige Immunität gegen die betrachteten Krankheiten bestand. Dieser Ansatz ermöglicht es, mit dem Modell die gesamte Bandbreite der Pandemierisiken zu untersuchen, anstatt lediglich den Verlauf vergangener Ausbrüche nachzubilden.
1.3.1. Pandemien, die nicht eingedämmt werden, gehen mit einer hohen Mortalität einher und überlasten die Gesundheitssysteme
In einem ersten Schritt wurden mithilfe des SPHeP-PPR-Modells Szenarien eines nicht eingedämmten Ausbruchs modelliert. Dabei wurde unterstellt, dass im Simulationszeitraum keine NPI umgesetzt wurden. Eine Pandemie, gegen die keine Eindämmungsmaßnahmen ergriffen werden, ist in der realen Welt unwahrscheinlich, da Bürger*innen und Staat unweigerlich reagieren würden. Diese Erwartung deckt sich mit Befunden, denen zufolge die Menschen ihr Verhalten während der COVID-19-Pandemie über die gesetzlich vorgeschriebenen Beschränkungen hinaus angepasst haben; das beobachtete Verhalten korrelierte mit der lokalen COVID-19-bedingten Sterblichkeit (Goolsbee und Syverson, 2021[37]). Die Modellierung dieses „Worst-Case“-Ansatzes schafft jedoch eine Ausgangsbasis, um das Ausmaß jeder einzelnen Bedrohung zu verstehen und die potenzielle Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen zu messen. Die Szenarien einer nicht eingedämmten Pandemie dienen auch als Stresstest für Gesundheitssysteme, da sie in einer simulierten Umgebung Schwachstellen und Anfälligkeiten aufzeigen.
Die Ergebnisse der Modellrechnungen zeigen, welche schwerwiegenden Folgen unkontrollierte Pandemien haben können. Je nach den Merkmalen der Erreger und länderspezifischen Faktoren, wie z. B. der demografischen Zusammensetzung, weisen sie dabei deutlich unterschiedliche Verläufe auf. Zu den wichtigsten Ergebnissen für die 51 in der Analyse berücksichtigten Länder zählen u. a. folgende:
In einem Szenario, in dem keine Eindämmungsmaßnahmen ergriffen werden, infiziert sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung. Der Verlauf des Ausbruchs hängt dabei von der Übertragbarkeit des Erregers und den Merkmalen der Bevölkerung ab (Abbildung 1.2). Ein Masern-ähnlicher Erreger stellt das Worst-Case-Szenario dar: Der Höhepunkt ist bereits nach 83 Tagen erreicht, und 62 % der Bevölkerung infizieren sich. Am anderen Ende des Spektrums käme es bei einem Ebola-ähnlichen Ausbruch zu einer nur langsam voranschreitenden Krise, deren Höhepunkt nicht innerhalb von neun Monaten erreicht wird. Alle anderen Szenarien liegen zwischen diesen Extremen.
Die unterschiedlichen Pandemieverläufe führen in den einzelnen Ländern zu großen Unterschieden bei den Sterberaten. Mit einer projizierten Sterblichkeitsrate von fast 20 % der Gesamtbevölkerung ist das Masern-ähnliche Szenario das mit Abstand verheerendste Szenario. Dies legt die Vermutung nahe, dass sich ein hyperinfektiöser Erreger wie der im Masern-ähnlichen Szenario so schnell ausbreitet, dass er einen großen Teil der Bevölkerung infiziert. Die hohe Zahl an Todesopfern ist durch die hohen Fallzahlen bedingt. Im Vergleich dazu könnte die Zahl der Todesopfer bei einem extrem tödlichen Erreger, wie z. B. dem in einem Ebola-ähnlichen Ausbruch, geringer ausfallen, da er sich langsamer ausbreitet. In diesem Fall würden rd. 3,4 % der Bevölkerung sterben. Ein Ausbruch einer leicht übertragbaren Influenza-A-ähnlichen Krankheit würde zwar mit einer geringeren Letalitätsrate einhergehen, aber dennoch zu hohen Todeszahlen führen: 4–5 % der Bevölkerung würden ums Leben kommen. Die Ergebnisse der anderen Szenarien sind uneinheitlicher, aber immer noch schwerwiegend.
Abbildung 1.2. Wie sich eine Pandemie im Fall einer Reaktion ohne Eindämmungsmaßnahmen entwickelt, hängt von den Merkmalen des Erregers und der Bevölkerung ab
Copy link to Abbildung 1.2. Wie sich eine Pandemie im Fall einer Reaktion ohne Eindämmungsmaßnahmen entwickelt, hängt von den Merkmalen des Erregers und der Bevölkerung abAnmerkung: Die Abbildung zeigt den Durchschnitt der 51 in die Analyse einbezogenen OECD-, EU/EWR- und G20-Länder; die schattierten Bereiche stellen die Variationsbreite zwischen den Ländern dar. Die Entwicklung der Pandemie wird in Tagen ausgedrückt. Für jeden Ausbruch wird eine Dauer von neun Monaten simuliert.
Quelle: Ergebnisse des SPHeP-PPR-Modells.
Bei Ausbleiben von Eindämmungsmaßnahmen stellen alle Ausbruchsszenarien in den 51 in der Analyse berücksichtigten Ländern einen immensen, nicht tragbaren Druck auf die Gesundheitssysteme dar, auch wenn das Tempo des Zusammenbruchs erheblich variiert (Abbildung 1.3):
In jedem Ausbruchsszenario wären die Intensivkapazitäten in den OECD-Ländern je nach Szenario bereits nach 9–139 Tagen ausgeschöpft. Ausbrüche, die durch leicht übertragbare Influenzastämme hervorgerufen werden, würden zu den gefährlichsten zählen. Bei einem Vogelgrippe-Szenario wäre die volle Kapazität an Intensivbetten im Durchschnitt in etwas mehr als einem Monat und bei einem Influenza-A-ähnlichen Ausbruch in rd. 42 Tagen erreicht.
Bei einem Masern-ähnlichen Szenario wären die Intensivstationen in den OECD-Ländern nach etwa 6 Wochen (im Durchschnitt nach 47 Tagen) vollständig ausgelastet. Ein Coronavirus-ähnlicher Ausbruch würde die Gesundheitssysteme zwar erst einmal weniger unter Druck setzen, die volle Intensivbetten-Kapazität wäre im Durchschnitt aber trotzdem nach rd. 80 Tagen erreicht.
Selbst eine Ausweitung der Intensivbetten-Kapazität auf 130 % – was einer außerordentlichen Anstrengung gleichkommt – würde die Fähigkeit der Gesundheitssysteme, mit den simulierten Ausbrüchen zurechtzukommen, nur geringfügig erhöhen. Je nach Ausbruch würde sie einer Verlängerung um rd. 5,5–20,6 Tage im Vergleich zum Basisszenario mit einer Bettenkapazität von 100 % entsprechen. Unabhängig vom Zeitpunkt steigt die Sterblichkeitsrate für alle Patient*innen, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen, sobald die Intensivstationen vollständig belegt sind.
Abbildung 1.3. Alle Szenarien eines nicht eingedämmten Ausbruchs setzen die Gesundheitssysteme unter enormen Druck
Copy link to Abbildung 1.3. Alle Szenarien eines nicht eingedämmten Ausbruchs setzen die Gesundheitssysteme unter enormen DruckDurchschnittliche Dauer in Tagen bis zum Erreichen der maximalen Kapazität auf Intensivstationen im OECD‑Raum, ohne Eindämmung der Pandemie
Anmerkung: Die Abbildung zeigt die durchschnittliche Zahl der Tage, die in den in die Analyse einbezogenen OECD-Ländern erforderlich sind, um bei einem gegebenen Ausbruchsszenario 100 %, 120 % und 130 % der Krankenhauskapazitäten zu erreichen (z. B. bedeutet ein Wert von 43,3 im Ebola-ähnlichen Ausbruchsszenario, dass es in den OECD-Ländern im Durchschnitt 43,3 Tage dauern würde, bis bei einem Ebola-ähnlichen Ausbruch eine Intensivkapazität von 100 % erreicht ist). Für jeden Ausbruch wird eine Dauer von neun Monaten simuliert.
Quelle: OECD-Analyse auf der Basis des SPHeP-PPR-Modells der OECD.
Die Ergebnisse dieser Analyse bestätigen, dass Überlaufkapazitäten zwar vorübergehend für eine Entlastung sorgen, die rasche Ausbreitung eines sich schnell verbreitenden Krankheitserregers aber nicht kompensieren können. Daher besteht die einzig gangbare Strategie darin, die Ausbreitung einzudämmen, um den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme zu verhindern.
1.3.2. Wenn Gesundheitssysteme überlastet sind, geraten Volkswirtschaften ins Straucheln
Die ökonomischen Folgen einer nicht eingedämmten Pandemie könnten gravierend sein. Analysen der OECD zufolge könnte das BIP in den 50 berücksichtigten Ländern in den ersten 9 Monaten eines nicht eingedämmten Ausbruchs je nach Szenario im Durchschnitt zwischen 2,7 % und 16,2 % sinken (Abbildung 1.4). Das verheerendste Szenario wäre ein Masern-ähnlicher Ausbruch, der in nahezu allen Sektoren einen wirtschaftlichen Zusammenbruch auslösen würde; die gesamtwirtschaftliche Produktion würde um rd. 16 % oder mehr zurückgehen. Im Vergleich dazu würde ein Coronavirus-ähnlicher Ausbruch eine schwächere, aber immer noch signifikante Kontraktion von durchschnittlich rd. 2,7 % nach sich ziehen. Andere Ausbruchsszenarien, beispielsweise solche, die durch Ebola- oder Influenza-A-ähnliche Erreger ausgelöst werden, würden zwischen diesen Extremen liegen und zu einem durchschnittlichen BIP‑Rückgang um 3,4–5,5 % führen.
Abbildung 1.4. Werden während einer Pandemie keine Maßnahmen ergriffen, nimmt die Wirtschaft erheblichen Schaden
Copy link to Abbildung 1.4. Werden während einer Pandemie keine Maßnahmen ergriffen, nimmt die Wirtschaft erheblichen SchadenProzentualer BIP-Rückgang nach Sektoren in den einzelnen Pandemieszenarien
Anmerkung: Die Abbildung zeigt den durchschnittlichen BIP-Rückgang nach Sektoren in den 50 in der Analyse berücksichtigten OECD-, EU/EWR- und G20-Ländern.
Quelle: Analyse auf der Basis des SPHeP-PPR- und des OFCE-Modells.
Pandemieschocks wirken sich auf die einzelnen Sektoren ungleichmäßig aus; ihre Auswirkungen hängen davon ab, wie stark diese von Nachfrage- und Angebotsstörungen beeinflusst werden (Abbildung 1.4). Am stärksten getroffen wird die Wirtschaftsleistung von Sektoren, die räumliche Nähe erfordern oder von diskretionären Ausgaben abhängig sind (z. B. Verkehr). Die stärksten Einbußen würde der Wirtschaftszweig Verkehr und Lagerei verzeichnen. Hier würde die Wirtschaftsleistung je nach Ausbruch um 13,4–18,9 % zurückgehen, während das Verarbeitende Gewerbe aufgrund der zum Stillstand gekommenen globalen Lieferketten um 5,9–16,2 % schrumpfen würde. Auch bei den sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen sowie den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen wäre mit einem starken Rückgang zu rechnen. In den milderen Szenarien würde der Rückgang 4 % bis fast 6 % und im schlimmsten Szenario bis zu 16 % betragen. Diese Einbußen sind nicht nur auf den Nachfrageeinbruch infolge sinkender Ausgaben der privaten Haushalte und des Rückgangs der Mobilität zurückzuführen, sondern auch auf die Kaskadeneffekte von Angebots- und Produktionsengpässen.
Dagegen scheinen Sektoren, die grundlegende Dienstleistungen erbringen oder ortsungebunden agieren können, besser vor unmittelbaren Schocks geschützt zu sein. In den meisten Szenarien würde der Rückgang in dienstleistungsbasierten Sektoren wie Bildung, Gesundheit und Sozialwesen, öffentliche Verwaltung sowie Information und Kommunikation moderat ausfallen: in der Regel zwischen 0,5 % und 4,5 % in den Bereichen Bildung und Gesundheit sowie zwischen 1,5 % und 4,4 % in der öffentlichen Verwaltung und bei den Informationsdienstleistungen. Doch auch diese Sektoren sind nicht immun gegen schwere Ausbrüche. Bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch würden diese Sektoren Einbußen im zweistelligen Bereich verzeichnen, und die Wirtschaftstätigkeit würde um rd. 16 % zurückgehen. Dies zeigt, dass eine Pandemie tatsächlich universelle wirtschaftliche Auswirkungen hat, sobald sie ein ausreichend großes Ausmaß erreicht.
1.4. Gezielte nicht pharmazeutische Interventionen schützen die öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft in den ersten Tagen einer Pandemie
Copy link to 1.4. Gezielte nicht pharmazeutische Interventionen schützen die öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft in den ersten Tagen einer PandemieNPI stehen für eine Reihe öffentlicher Gesundheitsmaßnahmen, deren Ziel es ist, die Ausbreitung von Krankheitsausbrüchen einzudämmen. In den frühen Phasen von Krankheitsausbrüchen ist eine effektive Umsetzung von NPI besonders wichtig, da zu diesem Zeitpunkt pharmazeutische Interventionen/Impfstoffe möglicherweise noch nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen oder Unsicherheit hinsichtlich ihrer Wirksamkeit besteht. Allgemein können NPI die Ausbreitung von Infektionen eindämmen, indem sie die Zahl der zwischenmenschlichen Kontakte verringern (z. B. durch Förderung von Telearbeit) oder Kontakte sicherer machen (z. B. indem das Tragen von Schutzmasken empfohlen wird).
NPI sind seit Langem fester Bestandteil der gesundheitspolitischen Maßnahmen zur Bekämpfung von Krankheitsausbrüchen. Vor COVID-19 spielten NPI eine Schlüsselrolle bei der Eindämmung des SARS-Ausbruchs im Jahr 2003, der H1N1-Grippepandemie 2009 und der MERS-CoV-Epidemie 2012. Doch erst die COVID-19-Pandemie rückte diese Maßnahmen in den Fokus und stellte ihre Wirksamkeit, ihre Grenzen und ihre Kosten für die Wirtschaft insgesamt auf die Probe. Die Länder führten unterschiedlichste NPI-Kombinationen ein, darunter Maßnahmen zur physischen Distanzierung und lokale Infektionsschutzmaßnahmen wie Händehygiene, das Tragen von Masken und die Einhaltung der Husten- und Niesetikette. Einige Regierungen verhängten landesweit strenge Beschränkungen, andere hingegen setzten stärker auf die freiwillige Befolgung der empfohlenen Maßnahmen und das Engagement der Bevölkerung. Unabhängig davon, welche Kombination nicht pharmazeutischer Interventionen umgesetzt wird, ist gemeinhin anerkannt, dass NPI am effektivsten sind, wenn sie als Maßnahmenpaket und nicht als Einzelmaßnahmen umgesetzt werden, insbesondere wenn die Übertragung in der Bevölkerung hoch ist (Rizvi et al., 2021[38]).
Die OECD hat die Wirksamkeit von acht NPI modelliert, die dazu beitragen können, die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Pandemieausbrüchen zu begrenzen (Tabelle 1.1). Diese NPI wurden nach drei Hauptkriterien ausgewählt: Sie entsprechen den internationalen Leitlinien zur Unterstützung der PPR, sie wurden während der COVID-19-Pandemie in den OECD-Ländern umfassend umgesetzt und ihre Modellierung und Bewertung beruht auf belastbaren, qualitativ hochwertigen Daten. Die Analyse konzentriert sich auf die Frage, wie diese Maßnahmen die Übertragung innerhalb einer Gemeinschaft eindämmen, und nicht auf ihre potenzielle Rolle bei der Verhinderung einer grenzüberschreitenden Ausbreitung.
Während der COVID-19-Pandemie führten viele OECD-Länder COVID-19-Warnsysteme ein, um die Entwicklung des Ausbruchsgeschehens zu überwachen und die Politikentscheidungen über die Einführung von NPI zu unterstützen (OECD, 2021[39]). Diese Warnsysteme unterschieden sich hinsichtlich der verwendeten Indikatoren und der Kriterien für das Ergreifen von Maßnahmen. Viele Warnsysteme stützten sich bei ihren Entscheidungen bezüglich der Umsetzung von NPI auf eine Kombination von Indikatoren wie COVID-19-Inzidenz, Hospitalisierungsraten, Intensivkapazitäten und Todesfälle (Yang et al., 2021[40]). Neuseeland, Südafrika und das Vereinigte Königreich führten beispielsweise nationale Rahmenkonzepte mit drei bis fünf Warnstufen ein, die Daten zu Infektionen, Hospitalisierungen, Todesfällen und Kapazitäten der Gesundheitsversorgung kombinierten (UK Health Security Agency, 2022[41]; Resolve to Safe Lives, 2020[42]). In Südafrika berücksichtigte das System sowohl wirtschaftliche als auch gesundheitliche Aspekte, während in Neuseeland das Hauptaugenmerk auf der öffentlichen Gesundheit lag.
Tabelle 1.1. Zusammenfassung der wichtigsten Merkmale der in die OECD-Analyse einbezogenen NPI
Copy link to Tabelle 1.1. Zusammenfassung der wichtigsten Merkmale der in die OECD-Analyse einbezogenen NPI|
Maßnahme |
Maßnahmenebene |
Die Maßnahme wird aktiviert, wenn mindestens einer der unten genannten Schwellenwerte erreicht ist |
Wichtigste Merkmale |
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L1 |
L2 |
L3 |
L4 |
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Lokale Infektions-schutzmaß-nahmen |
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Freiwillige Quarantäne-maßnahmen |
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Maßnahmen, die Telearbeit erleichtern |
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Beschränkungen des Inlandsreise-verkehrs |
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Obligatorische Quarantänemaß-nahmen |
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Vorübergehende Schulschließungen |
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Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs |
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Nur Lockdown |
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Anmerkung: IPC = Infektionsprävention und -bekämpfung; 𝑅0 = Basisreproduktionszahl; L = Ebene.
Maßnahmenpaket „Sicherer Kontakt“
Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“*
Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Einschränkungen“
Maßnahmenpaket „Nur Lockdown“
Quelle: Gestützt auf eine umfassende Überprüfung der verfügbaren Daten durch die OECD.
Unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Evidenz und Erfahrungen aus der realen Welt wurden die NPI in der OECD-Analyse vier Eskalationsebenen zugeordnet, die dem Grad der Beeinträchtigung des täglichen Lebens und der Mobilität entsprechend farblich gekennzeichnet sind (Tabelle 1.1). Das Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ (Ebene 1, grün) umfasst lokale Infektionsschutzmaßnahmen wie Händehygiene, das Tragen von Masken und das Lüften von Innenräumen sowie freiwillige Quarantänen. Das Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ (Ebene 2, orange) beinhaltet die Umsetzung von Maßnahmen des Pakets „Sicherere Kontakte“ und die Einführung strengerer Beschränkungen physischer Interaktionen. Zu nennen sind hier z. B. Maßnahmen zur Förderung von Telearbeit und die Beschränkung des Inlandsreiseverkehrs auf das Nötigste. Quarantänen sind nun Pflicht. Das Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ (Ebene 3, blau) umfasst alle Maßnahmen des Pakets „Weniger Kontakte“ und weitet die Beschränkungen auf Schul- und Grenzschließungen aus. Das Maßnahmenpaket „Nur Lockdown“ (Ebene 4, rot) schließlich ist die strengste Maßnahmenebene. Lockdowns, durch die die Mobilität stark einschränkt wird, werden strikt durchgesetzt. Zu Vergleichszwecken werden in der OECD-Analyse auch die marginalen Auswirkungen betrachtet, die sich ergeben, wenn zusätzlich zu den weniger strengen Maßnahmen Lockdowns verhängt werden.
Die Anordnung der Maßnahmen auf den Ebenen 1–4 spiegelt den Grad der Beeinträchtigung wider, der mit den einzelnen NPI verbunden ist. Dieser ergibt sich daraus, in welchem Umfang eine Maßnahme den Alltag und die Mobilität einschränkt. Sie entspricht der typischen Reihenfolge, in der die Länder die NPI während der COVID-19-Pandemie verschärften (Hale et al., 2021[46]). Eine höhere Ebene steht für eine restriktivere Maßnahme, die jedoch nicht zwangsläufig einen größeren Effekt auf die Übertragung hat. Da die Maßnahmen auf den einzelnen Ebenen kumulativ angewendet werden, lässt sich die Wirksamkeit einer bestimmten Ebene nicht durch einen einzelnen vorab festgelegten Wert ausdrücken. Sie ergibt sich vielmehr aus der kombinierten Wirkung aller Maßnahmen, die auf der jeweiligen Ebene in Kraft sind.
Die Schwellenwerte für die einzelnen Maßnahmen sind exemplarische Modellierungsparameter. Sie wurden gewählt, um in der gesamten Analyse eine einheitliche Eskalationsregel anzuwenden. Durch die Anwendung identischer Schwellenwerte auf alle Szenarien wird sichergestellt, dass die Varianz der Ergebnisse nicht auf die Entscheidungsregel selbst, sondern auf die epidemiologischen Merkmale der einzelnen Krankheitserreger und die Eigenschaften der NPI zurückzuführen ist. Die Schwellenwerte beruhen auf empirischen Erfahrungen und der bisherigen politischen Praxis, sie sind jedoch nicht als empirisch validierte operative Auslöser zu interpretieren. Ihre Anwendung in einem bestimmten nationalen Kontext würde eine Validierung anhand der Merkmale des Krankheitserregers, der Kapazitäten des Gesundheitssystems und der jeweiligen Politikziele erfordern.
Die OECD-Analyse geht zudem davon aus, dass die Umsetzung der ausgewählten NPI auf der Basis der Abwasser-Surveillance erfolgt, die sich als wirkungsvolles Instrument zur Überwachung von Infektionen in der Bevölkerung erwiesen hat (Kasten 1.5).
Kasten 1.5. Abwasser-Surveillance kann frühzeitige Maßnahmen ermöglichen und die Wirksamkeit von Krankheitsüberwachungssystemen und der Umsetzung von NPI stärken
Copy link to Kasten 1.5. Abwasser-Surveillance kann frühzeitige Maßnahmen ermöglichen und die Wirksamkeit von Krankheitsüberwachungssystemen und der Umsetzung von NPI stärkenKrankheitsüberwachungs- und Frühwarnsysteme sind Grundpfeiler einer effektiven PPR. Bereits vor COVID-19 sind viele Länder von papierbasierten zu digitalen Plattformen übergegangen. Die Pandemie hat diesen Wandel beschleunigt und die Einführung von Big Data und künstlicher Intelligenz vorangetrieben, um Ausbrüche vorherzusagen und die Mobilität der Bevölkerung zu beobachten (WHO, 2023[47]).
Während der COVID-19-Pandemie hat sich die Abwasser-Surveillance als wirksame Strategie zur Unterstützung der klinischen Surveillance erwiesen
Da viele Krankheitserreger vor oder während einer Infektion über Körperflüssigkeiten ausgeschieden werden, kann durch die Untersuchung von Abwasser auf biologische oder chemische Marker das Vorhandensein einer Krankheit in einer Gemeinschaft erkannt werden, lange bevor Fälle in klinischen Settings auftreten. Vor COVID-19 wurde die Abwasser-Surveillance genutzt, um die „stille“ Übertragung von Polio in Israel (Bonanno Ferraro et al., 2021[48]) und Noroviren in Schweden (Hellmér et al., 2014[49]) nachzuweisen. Während der COVID-19-Pandemie wurde SARS-CoV-2 bereits Wochen vor den ersten bestätigten Fällen in italienischen Abwassersystemen nachgewiesen (La Rosa et al., 2021[50]). Dies zeigt, dass die Abwasser-Surveillance als Frühwarnsystem für die Übertragung von Krankheiten in der Bevölkerung fungieren kann, sodass Politikverantwortliche zeitnah und gezielt Maßnahmen ergreifen können. Dieser proaktive Ansatz unterstützt die Umsetzung weniger restriktiver Maßnahmen, was sowohl für die öffentliche Gesundheit als auch für die Wirtschaft erhebliche Vorteile bietet.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf die Grenzen der Abwasser-Surveillance hinzuweisen. Virusdaten geben zwar Aufschluss über Übertragungstrends, lassen sich jedoch nur schwer in Fallzahlen ausdrücken (Wang et al., 2026[51]; Li et al., 2021[52]). Da die Daten in einem Einzugsgebiet aggregiert werden, können sie nicht zur Identifizierung infizierter Personen beitragen oder ohne Weiteres nach Alter, Risikogruppe oder Setting aufgeschlüsselt werden. Aufgrund dieser Limitation kann die Abwasser-Surveillance die klinische Surveillance ergänzen, nicht aber ersetzen (National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine, 2023[53]). Die Sensitivität sinkt, wenn eine Krankheit selten ist oder ein Abwasserkanalnetz für eine große Bevölkerungszahl ausgelegt ist (Ahmed et al., 2022[54]). Da es an standardisierten Protokollen fehlt, lassen sich die Ergebnisse der verschiedenen Standorte und Labore nur schwer vergleichen (Davis et al., 2023[55]; Wilhelm et al., 2023[56]; Aßmann et al., 2025[57]). Die Abwasser-Surveillance setzt den Anschluss an eine zentrale Kanalisationsinfrastruktur voraus, sodass Bevölkerungsgruppen ohne einen solchen Anschluss in den überwachten Einzugsgebieten nicht erfasst werden (Li et al., 2021[52]; Shrestha et al., 2021[58]).
Aufbauend auf den konkreten Erfahrungen mit der abwasserbasierten Überwachung hat die OECD die möglichen Auswirkungen einer Einbindung der Abwasser-Surveillance in die Maßnahmen zur Stärkung der PPR-Kapazitäten in 51 OECD-, EU/EWR- und G20-Ländern untersucht. Die Wirksamkeit der einzelnen NPI-Ebenen wurde anhand von zwei Surveillance-Ansätzen bewertet. Beim auf klinischer Surveillance basierenden Ansatz wurden im Modell ausschließlich Daten aus der klinischen Surveillance berücksichtigt; dabei wurden die in den vorangegangenen drei Tagen gemeldeten Hospitalisierungen und Todesfälle herangezogen, um die Entwicklung für die folgenden zwei Wochen zu prognostizieren. Dieser Ansatz ähnelt den von OECD-Ländern verfolgten Ansätzen (Yang et al., 2021[40]). Beim abwasserbasierten Ansatz wurde derselbe Prognoserahmen angewendet, die Projektionen stützten sich jedoch auch auf die Abwasser-Surveillance, die über die Zahl der Infektionen in der Bevölkerung Aufschluss gibt.
Aus der Analyse der OECD geht hervor, dass die Abwasser-Surveillance die Schutzwirkung von NPI und Lockdown-Maßnahmen verstärken kann (Abbildung 1.5). Bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch könnten durch die Überwachung von Abwasser als Indikator für die Umsetzung des Maßnahmenpakets „Sicherere Kontakte“ rd. 41 % der Todesfälle verhindert werden, die bei einem auf klinischer Surveillance basierenden Ansatz aufgetreten wären. Mit dem Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ wäre der Nutzen noch größer: Hier könnten 51 % der Todesfälle vermieden werden. Selbst das Maßnahmenpaket „Nur Lockdown“ wäre deutlich wirksamer, wenn es durch Abwasser-Surveillance flankiert würde. Dadurch würden rd. 73 % der Todesfälle verhindert, die bei einer ausschließlich auf klinischer Surveillance basierenden Steuerung der Lockdown-Maßnahmen aufgetreten wären. Hierzu dürften mehrere Faktoren beitragen. Ein zentraler Faktor besteht darin, dass die Politikverantwortlichen den Verlauf der Epidemie besser antizipieren und gezielte Maßnahmen ergreifen können. Werden Maßnahmen frühzeitig umgesetzt, bevor der Ausbruch ein exponentielles Wachstum erreicht, lässt sich seine Ausbreitung wirksamer eindämmen. Zeitnahe Daten ermöglichen zudem eine frühere Lockerung der restriktiven Maßnahmen und verkürzen so die Dauer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Einschränkungen.
Abbildung 1.5. Abwasser-Surveillance verstärkt die Schutzwirkung von NPI bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch
Copy link to Abbildung 1.5. Abwasser-Surveillance verstärkt die Schutzwirkung von NPI bei einem Coronavirus-ähnlichen AusbruchAnteil der durch eine Kombination aus klinischer Surveillance und Abwasser-Surveillance verhinderten Todesfälle (in %), die andernfalls bei ausschließlicher klinischer Surveillance während eines Coronavirus-ähnlichen Ausbruchs aufgetreten wären, nach Ebenen des NPI-Maßnahmenpakets
Anmerkung: Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ = lokale Infektionsschutz- und begrenzte Quarantänemaßnahmen; Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ und LD (Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ mit Lockdown) = lokale Infektionsschutz- und freiwillige Quarantänemaßnahmen sowie Ausgangsbeschränkungen. Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit und Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs; Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, Einführung von Quarantänemaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit, Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs, Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs. Das Maßnahmenpaket „Nur Lockdown“ schränkt die Mobilität erheblich ein und gestattet es nur systemrelevanten Arbeitskräften, sich frei zu bewegen. Beim Coronavirus-ähnlichen Ausbruch werden keine Ausgangsbeschränkungen ausgelöst, wenn das Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ in Kraft ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die simulierten Ausbrüche nach Aktivierung dieser Maßnahmen niemals die vorstehend aufgeführten Schwellenwerte erreichen, die einen Lockdown auslösen würden.
Quelle: Die Analyse basiert auf dem SPHeP-PPR-Modell der OECD.
Da die Wirksamkeit von NPI zunimmt, wenn ihre Umsetzung von der Abwasser-Surveillance geleitet wird, nimmt die Notwendigkeit länger andauernder Lockdowns deutlich ab. Wird die Abwasser-Surveillance in die mehrstufige Umsetzung von NPI, einschließlich bis zum Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“, integriert, wird die Belastung der Bevölkerung und der Gesundheitssysteme bei allen drei durch Atemwegserreger verursachten Ausbrüchen so stark reduziert, dass Politikverantwortliche möglicherweise nicht mehr auf Lockdowns zurückgreifen müssen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Lediglich bei Ebola- und Masern-ähnlichen Ausbrüchen müssten Politikverantwortliche je nach ihren gesundheitspolitischen Zielen und den Kapazitäten des Gesundheitssystems noch in Erwägung ziehen, das Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ um Lockdowns zu ergänzen. Doch selbst in diesen Fällen würde sich die Zahl der Tage, an denen Lockdown-Maßnahmen erforderlich wären, gegenüber einer ausschließlich auf Daten aus der klinischen Surveillance beruhenden Umsetzung dieser Maßnahmen um mehr als 90 % verringern.
Quelle: WHO (2023[47]), Future surveillance for epidemic and pandemic diseases: a 2023 perspective, https://www.who.int/publications/i/item/9789240080959; Boanno Ferraro et al. (2021[48]), „A State-of-the-Art Scoping Review on SARS-CoV-2 in Sewage Focusing on the Potential of Wastewater Surveillance for the Monitoring of the COVID-19 Pandemic“, http://doi.org/10.1007/s12560-021-09498-6; Hellmér et al. (2014[49]), „ Detection of Pathogenic Viruses in Sewage Provided Early Warnings of Hepatitis A Virus and Norovirus Outbreaks“, http://doi.org/10.1128/aem.01981-14; La Rosa et al. (2021[50]), „SARS-CoV-2 has been circulating in northern Italy since December 2019: Evidence from environmental monitoring“, http://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2020.141711; Wang et al. (2026[51]), „From wastewater to epidemiological insights: A systematic review of modeling strategies for infectious disease surveillance“, http://doi.org/10.1016/j.watres.2025.124977; Li et al (2021[52]), „Uncertainties in estimating SARS-CoV-2 prevalence by wastewater-based epidemiology“, http://doi.org/10.1016/j.cej.2021.129039; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (2023[53]), Wastewater-based Disease Surveillance for Public Health Action, https://www.nationalacademies.org/projects/DELS-WSTB-21-02/publication/26767 ; Davis et al. (2023[55]), „Evaluation of intra- and inter-lab variability in quantifying SARS-CoV-2 in a state-wide wastewater monitoring network“, http://doi.org/10.1039/d2ew00737a; Wilhelm et al. (2023[56]), „Interlaboratory comparison using inactivated SARS-CoV-2 variants as a feasible tool for quality control in COVID-19 wastewater monitoring“, http://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2023.166540; Aßmann et al. (2025[57]), „Augmentation of wastewater-based epidemiology with machine learning to support global health surveillance“, http://doi.org/10.1038/s44221-025-00444-5; Shrestha et al. (2021[58]), „Wastewater-Based Epidemiology for Cost-Effective Mass Surveillance of COVID-19 in Low- and Middle-Income Countries: Challenges and Opportunities“, http://doi.org/10.3390/w13202897; Yang et al. (2021[40]), „Design of COVID-19 staged alert systems to ensure healthcare capacity with minimal closures“, http://doi.org/10.1038/s41467-021-23989-x.
1.4.1. Lockdowns sind die Ultima Ratio, um gesundheitliche und wirtschaftliche Ziele zu erreichen, lassen sich jedoch durch eine robuste und zeitnahe Umsetzung weniger restriktiver Maßnahmen vermeiden
Lockdowns sind ein letztes Mittel, um unkontrollierte Epidemien einzudämmen, stellen jedoch einen der am wenigsten effizienten Ansätze dar. Werden sie allein eingesetzt (Maßnahmenpaket „Nur Lockdown“), führen sie in den meisten Szenarien zu den geringsten Rückgängen der Sterblichkeit. Eine Ausnahme bilden Ebola- und Masern-ähnliche Ausbrüche, bei denen Lockdowns mehr Menschenleben retten könnten als die Einführung lokaler Infektionsschutzmaßnahmen und freiwilliger Quarantänen (Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“) allein. In allen Ausbruchsszenarien bliebe der gesundheitliche Nutzen von Lockdown-Maßnahmen allein jedoch hinter dem zurück, der durch eine zeitnahe Umsetzung des Maßnahmenpakets „Weniger Kontakte“ erzielt werden könnte (Abbildung 1.6). In den meisten Ausbruchsszenarien lassen sich durch die Hinzufügung von Lockdowns zu den NPI-Maßnahmenpaketen (d. h. bis zum Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“) nur marginale gesundheitliche Zugewinne erzielen.
Abbildung 1.6. Frühzeitig ergriffene und gut umgesetzte NPI retten Leben
Copy link to Abbildung 1.6. Frühzeitig ergriffene und gut umgesetzte NPI retten LebenProzentsatz der vermiedenen Todesfälle, die in Szenarien mit einer unkontrollierten Pandemie eingetreten wären, nach Maßnahmenebene
Anmerkung: Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ = lokale Infektionsschutz- und begrenzte Quarantänemaßnahmen; Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ und LD (Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ mit Lockdown) = lokale Infektionsschutz- und freiwillige Quarantänemaßnahmen sowie Ausgangsbeschränkungen. Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit und Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs; Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ und LD (Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ mit Lockdown) = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit und Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs und von Ausgangsbeschränkungen; Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit, Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs, Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs. Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ und LD („Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ mit Lockdown) = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit, Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs, Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs sowie Ausgangsbeschränkungen. Das Maßnahmenpaket „Nur Lockdown“ schränkt die Mobilität erheblich ein und gestattet es nur systemrelevanten Arbeitskräften, sich frei zu bewegen. In der OECD-Analyse wurden die Lockdowns in den Szenarien mit Vogelgrippe- und Influenza-A-ähnlichen Ausbrüchen nicht ausgelöst, wenn das Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ umgesetzt war, und im Szenario des Coronavirus-ähnlichen Ausbruchs, wenn das Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ in Kraft war. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die simulierten Ausbrüche nach Aktivierung dieser Maßnahmen niemals die vorstehend aufgeführten Schwellenwerte erreichen, die einen Lockdown auslösen würden.
Quelle: Die Analyse basiert auf dem SPHeP-PPR-Modell der OECD.
Die Einführung von Lockdowns als letztes Mittel ist mit hohen wirtschaftlichen Kosten verbunden. Werden sie allein eingeführt, geht das BIP im Verlauf des neunmonatigen Simulationszeitraums bei einem Vogelgrippe-ähnlichen Ausbruch um 11,7 % und bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch um bis zu 28,9 % zurück (Abbildung 1.7). In den meisten Fällen führen Lockdowns, die zusätzlich zu den im Modell berücksichtigten Maßnahmen eingeführt werden, zu noch größeren wirtschaftlichen Verlusten. So erhöht sich der BIP-Rückgang bei einem Ebola-ähnlichen Ausbruch von 2,6 % auf 12,8 % und bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch von 8,6 % auf 16 %, wenn das Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ um Lockdowns ergänzt wird. In jedem Ausbruchsszenario führen Maßnahmen, die ausschließlich Lockdowns vorsehen, zu einem stärkeren Rückgang der Wirtschaftsleistung als eine nicht eingedämmte Pandemie.
Abbildung 1.7. NPI verringern die starken wirtschaftlichen Auswirkungen von Ausbrüchen
Copy link to Abbildung 1.7. NPI verringern die starken wirtschaftlichen Auswirkungen von AusbrüchenProzentualer BIP-Rückgang in den einzelnen Ausbruchsszenarien, nach Maßnahmenebene
Anmerkung: Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ = lokale Infektionsschutz- und begrenzte Quarantänemaßnahmen; Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ und LD (Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ mit Lockdown) = lokale Infektionsschutz- und freiwillige Quarantänemaßnahmen sowie Ausgangsbeschränkungen. Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit und Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs; Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ und LD (Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ mit Lockdown) = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit und Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs und von Ausgangsbeschränkungen; Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit, Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs, Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs. Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ und LD („Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ mit Lockdown) = lokale Infektionsschutzmaßnahmen, obligatorische Quarantänemaßnahmen, Förderung von Telearbeit, Einführung von Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs, Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs sowie Ausgangsbeschränkungen. Das Maßnahmenpaket „Nur Lockdown“ schränkt die Mobilität erheblich ein und gestattet es nur systemrelevanten Arbeitskräften, sich frei zu bewegen. In der OECD-Analyse wurden die Lockdowns in den Szenarien mit Vogelgrippe- und Influenza-A-ähnlichen Ausbrüchen nicht ausgelöst, wenn das Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ umgesetzt war, und im Szenario des Coronavirus-ähnlichen Ausbruchs, wenn das Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ in Kraft war. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die simulierten Ausbrüche nach Aktivierung dieser Maßnahmen niemals die vorstehend aufgeführten Schwellenwerte erreichen, die einen Lockdown auslösen würden.
Quelle: Die Analyse basiert auf dem SPHeP-PPR-Modell der OECD.
1.4.2. Lokale Infektionsschutzmaßnahmen sind die erste Verteidigungslinie bei Ausbrüchen
Frühzeitig ergriffene und gut umgesetzte NPI können die pandemiebedingte Sterblichkeitsbelastung deutlich verringern. Das am wenigsten strenge NPI-Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“, das lokale Infektionsschutzmaßnahmen und freiwillige Quarantänen umfasst, könnte durchschnittlich 80 % der Todesfälle verhindern, die bei einem unkontrollierten Ebola-ähnlichen Ausbruch aufgetreten wären. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Maßnahmen frühzeitig und effektiv umgesetzt werden. Das legt den Schluss nahe, dass diese Maßnahmen das Fundament für eine wirksame Pandemiebekämpfung bilden und umgehend umgesetzt werden müssen (Kasten 1.6). Bei Ausbrüchen, die durch Erreger ausgelöst werden, die dem Vogelgrippe-, dem Influenza-A- und dem Coronavirus ähneln, ließe sich durch die alleinige Umsetzung des Maßnahmenpakets „Sicherere Kontakte“ die überwiegende Mehrzahl der Todesfälle verhindern. Bei einer hohen Krankheitsübertragungsrate reicht es jedoch nicht aus, sich ausschließlich auf diese Maßnahmen zu stützen. Dies wäre bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch der Fall, bei dem das Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ allein nur rd. 40 % der Todesfälle verhindern würde, die bei einem unkontrollierten Ausbruch aufgetreten wären (Abbildung 1.6).
Das Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ trägt auch dazu bei, die stärkeren Rückgänge der Wirtschaftsleistung zu vermeiden, die mit nicht eingedämmten Ausbrüchen einhergehen. Im Durchschnitt bleiben die mit dem Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“ verbundenen BIP-Einbußen moderat: Sie reichen von rd. 2,5 % bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch bis zu 8,6 % bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch (Abbildung 1.7). In allen Ausbruchsszenarien könnte die Einführung des Maßnahmenpakets „Sicherere Kontakte“ dazu beitragen, die nachteiligen Auswirkungen eines nicht eingedämmten Ausbruchs auf die Wirtschaft zu verringern.
Kasten 1.6. Lokale Infektionsschutzmaßnahmen sind die erste Verteidigungslinie bei Pandemien
Copy link to Kasten 1.6. Lokale Infektionsschutzmaßnahmen sind die erste Verteidigungslinie bei PandemienDie Bedeutung lokaler Infektionsschutzmaßnahmen ist allgemein anerkannt, bei ihrer zeitnahen Umsetzung gibt es jedoch erhebliche Lücken
Die COVID-19-Pandemie hat deutlich gemacht, wie wichtig lokale Infektionsschutzmaßnahmen sind, um die Ausbreitung von Ausbrüchen einzudämmen. In der 2023–2024 durchgeführten OECD-Erhebung über die Aufrechterhaltung von Infektionsschutzmaßnahmen in der Bevölkerung wurden Informationen über vier lokale Infektionsschutzmaßnahmen erfasst: a) Händehygiene, b) Husten- und Niesetikette, c) Tragen von Masken und d) Lüften von Innenräumen. An der Erhebung nahmen insgesamt 24 Länder teil, darunter 22 OECD-Mitgliedsländer und 2 Beitrittsländer.
Die OECD-Erhebung von 2023–2024 ergab, dass alle 24 teilnehmenden Länder während der COVID‑19-Pandemie die Händehygiene, das Tragen von Masken, die Husten- und Niesetikette und das Lüften von Innenräumen gefördert haben. Die meisten OECD-Mitgliedsländer und Beitrittsländer, die an der OECD-Erhebung teilgenommen haben, erkennen heute die zentrale Rolle lokaler Infektionsschutzmaßnahmen an. Bei ihrer Umsetzung gibt es jedoch noch erhebliche Lücken.
Im Allgemeinen berichten die Länder häufiger über Aufklärungskampagnen und verhaltensbezogene Maßnahmen im öffentlichen Raum, etwa in Form visueller Hinweise (Abbildung 1.8). Viele beziehen zudem relevante Akteure ein, z. B. Kommunen und Fachleute, um sicherzustellen, dass die Programme evidenzbasiert sind und wirksam umgesetzt werden. Demgegenüber berichten weniger Länder über Maßnahmen zur Verteilung von Infektionsschutzmaterialien und zur Durchführung von Kampagnen in den Massenmedien. Insgesamt scheinen Maßnahmen zur Förderung der Händehygiene weiter verbreitet zu sein als solche, die zum Tragen von Masken oder zur Einhaltung der Husten- und Niesetikette anregen. Bei mehreren Fragen haben die Länder mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit Initiativen zur Händehygiene angegeben als andere Maßnahmenbereiche. Die einzige Ausnahme bildet die Einbeziehung von Fachleuten, bei der das Engagement in allen drei Bereichen ähnlich hoch ist.
Abbildung 1.8. Nach COVID-19 greifen OECD- und Partnerländer häufig auf Aufklärungskampagnen und verhaltensbezogene Maßnahmen zurück, um lokale Infektionsschutzmaßnahmen zu fördern
Copy link to Abbildung 1.8. Nach COVID-19 greifen OECD- und Partnerländer häufig auf Aufklärungskampagnen und verhaltensbezogene Maßnahmen zurück, um lokale Infektionsschutzmaßnahmen zu fördern
Anmerkungen: Es liegen keine Daten zur Verteilung von Infektionsschutzmaterialien vor, die für die Husten- und Niesetikette relevant wären. Zu Kampagnen in den Massenmedien, zum Zugang zu korrekten Informationen und zu verhaltensbezogenen Maßnahmen zum Lüften von Innenräumen liegen ebenfalls keine Daten vor.
Quelle: Eigenangaben der Länder im Rahmen der 2023–2024 durchgeführten OECD-Erhebung über die Aufrechterhaltung von Infektionsschutzmaßnahmen in der Bevölkerung.
1.4.3. In vielen Fällen schützt ein mehrstufiger Ansatz zur Umsetzung von NPI die Gesundheit der Bevölkerung, ohne die Wirtschaft wesentlich zu belasten
Die zusätzliche Einführung von Telearbeit, Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs und Quarantänepflichten (Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“) bringt in bestimmten Ausbruchskontexten beträchtliche gesundheitliche und wirtschaftliche Vorteile. Bei einem Ebola-ähnlichen Ausbruch könnten mit diesem mehrstufigen Ansatz beispielsweise bis zu 90 % der Todesfälle verhindert werden, gegenüber rd. 80 % beim alleinigen Einsatz des Maßnahmenpakets „Sicherere Kontakte“. Dieser Ansatz trägt auch dazu bei, wirtschaftliche Verluste abzufedern. Im Vergleich zum alleinigen Einsatz des Maßnahmenpakets „Sicherere Kontakte“ würde sich der durchschnittliche BIP-Rückgang bei einem Ebola-ähnlichen Ausbruch geringfügig von 2,6 % auf 2,5 %, bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch von knapp über 2,5 % auf knapp unter 2,5 % und bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch von 8,6 % auf 2,5 % verringern (Abbildung 1.7). Bei einem Vogelgrippe- und Influenza-A-ähnlichen Ausbruch wären die potenziellen wirtschaftlichen Vorteile geringer.
1.4.4. Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs können vermieden werden
Schulschließungen und Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs (Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“) tragen kaum zu den bereits durch weniger strenge NPI erzielten Gesundheitsgewinnen bei, wenn sich der Ausbruch im Land bereits etabliert hat. In den meisten Ausbruchsszenarien verhindern diese strengeren Maßnahmen weniger als 1 % der zusätzlichen Todesfälle (Abbildung 1.6). Selbst bei einem Ebola-ähnlichen Ausbruch würden die vermiedenen Todesfälle nur geringfügig um etwa 3 Prozentpunkte steigen. Die wirtschaftlichen Kosten würden jedoch deutlich steigen. Der Übergang vom Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“ (Ebene 1–2) zum Maßnahmenpaket „Gezielte Schließungen und Beschränkungen“ führt bei allen Ausbruchsarten konsistent zu höheren wirtschaftlichen Verlusten: In einem Ebola-ähnlichen Szenario würde der BIP-Rückgang von 2,5 % auf 3,1 % und in einem Masern-ähnlichen Szenario von 2,5 % auf 2,9 % steigen (Abbildung 1.7). Zu beachten ist außerdem, dass Schulschließungen Auswirkungen auf die Bildung von Humankapital hätten, die in dieser Analyse nicht erfasst werden, da lediglich die ersten neun Monate eines Ausbruchs betrachtet werden. Diese potenziellen Auswirkungen wären über einen längeren Zeitraum zu beobachten.
1.5. PPR-Kapazitäten können erheblich ausgeweitet werden, wenn NPI eine solide Basis haben
Copy link to 1.5. PPR-Kapazitäten können erheblich ausgeweitet werden, wenn NPI eine solide Basis haben1.5.1. Strategische Bevorratung bietet bei Ausbrüchen einen wichtigen kurzfristigen Puffer
Neben gut ausgebauten Krankheitsüberwachungs- und Frühwarnsystemen (Kasten 1.5) ist die strategische Bevorratung von persönlicher Schutzausrüstung (PSA) eine weitere wichtige Voraussetzung für die effektive und zeitnahe Umsetzung von NPI, insbesondere im Kontext lokaler Infektionsschutzmaßnahmen. Vorräte dienen in gesundheitlichen Notlagen als erster Puffer. Sie sollen sicherstellen, dass kritische Güter in der Anfangsphase eines Gesundheitsnotstands, wenn zwischen dem unmittelbaren Bedarf und der für den Ausbau der Fertigungs- und Produktionskapazitäten erforderlichen Zeit eine Diskrepanz besteht, sofort verfügbar sind. Die Erfahrungen der OECD- und Partnerländer verdeutlichen mehrere wichtige Politikdimensionen, die die Wirksamkeit von Bevorratungssystemen beeinflussen (OECD, 2024[18]):
Strategische Planung und Risikoabschätzung: Eine zentrale Herausforderung bei der strategischen Bevorratung besteht darin zu entscheiden, welche Güter in welchen Mengen und für welche Art von Gesundheitsnotständen vorrätig gehalten werden sollen. Nationale Reserven umfassen in der Regel einen Mix aus Arzneimitteln, persönlicher Schutzausrüstung, Medizinprodukten, Impfstoffen und anderen Gegenmaßnahmen. Bei der Zusammensetzung ihrer Vorräte stützen sich heute viele Länder auf Risikobewertungen, die von Sachverständigengruppen oder nationalen Sicherheitsgremien durchgeführt werden. In Australien z. B. berät das oberste Entscheidungsgremium für gesundheitliche Notlagen bei der Verwaltung der Bestände (Australian Government Department of Health and Aged Care, o. J.[59]), während in Korea das Ministerium für Ernährung und Arzneimittelsicherheit eine Liste der essenziellen Produkte erstellt, die bevorratet werden müssen. Die Auswahl weiterer bevorrateter Produkte richtet sich nach den Krankheiten, die von den koreanischen Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten als prioritär eingestuft wurden (Ministry of Food and Drug Safety, 2019[60]).
Governance-Modell und Management: Strategische Bevorratung erfordert klare Governance- und Aufsichtsstrukturen. In einer früheren Untersuchung gaben Frankreich, Lettland, Litauen, die Niederlande und Norwegen an, dass die strategischen Reserven dort hauptsächlich von staatlichen Stellen gehalten werden. Die Bevorratung erfolgt dabei auf Grundlage nationaler Rechtsvorschriften, in denen die Zuständigkeiten für die Vorratshaltung und die Verfahren zur Erneuerung der Bestände festgelegt sind (HIQA, 2023[61]). In einigen Ländern halten auch Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen eigene Reserven vor, um die nationalen Systeme zu ergänzen. Um im Notfall einen zeitnahen Zugang zu den benötigten Vorräten zu gewährleisten, wird zudem eine dezentrale Bevorratung unter zentraler Aufsicht empfohlen (HIQA, 2023[61]). In den Vereinigten Staaten und Australien ist dies bereits der Fall. Dort werden dezentrale Vorräte strategisch auf verschiedene Standorte verteilt, um eine zeitnahe Bereitstellung zu ermöglichen. Zudem werden sie in beiden Ländern zentral koordiniert.
Finanzierungs- und Erstattungsregelungen: Strategische Bevorratung ist eine langfristige Investition, die eine nachhaltige Finanzierung erfordert. Die Finanzierungsmodelle sind von Land zu Land unterschiedlich. Einige Länder stellen dafür innerhalb des Gesundheitsministeriums zweckgebundene Mittel bereit, während andere auf Mittel der Zentralregierung zurückgreifen oder Ressourcen verschiedener Ministerien bündeln.
Bestandsverwaltung und -logistik: Eine gute Bestandsverwaltung und -logistik bildet die Grundlage jedes effektiven Bevorratungssystems. Der Beschaffungsprozess wird in der Regel von nationalen Behörden mit einschlägiger Erfahrung in der Bevorratung und Vorbereitung auf den Katastrophenfall beaufsichtigt, es können aber auch Einkaufsgemeinschaften von Krankenhäusern beteiligt sein. Neben der Bestandsverwaltung umfasst dies auch die operative Abwicklung, z. B. die Verteilung der Vorräte. Sie erfolgt in der Regel über festgelegte Mechanismen, die vom Gesundheitsministerium gesteuert werden und in einigen Fällen eine ressortübergreifende Zusammenarbeit umfassen. Darüber hinaus werden auch Großhandelsvertriebsnetze und nationale medizinische Notdienste genutzt.
Voraussetzung für resiliente Bevorratungsstrategien ist ein ausgewogenes Verhältnis von finanzieller Tragfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, operativer Effizienz und Koordinierung. Die Aufrechterhaltung strategischer Reserven setzt eine stabile langfristige Finanzierung voraus. Diese Kosten sind jedoch gering im Vergleich zu den überhöhten Preisen, die Staaten bei der Beschaffung von Vorräten in Krisenzeiten zahlen müssen (OECD, 2024[18]). Da Gesundheitsbedrohungen – von Pandemien über Naturkatastrophen bis hin zu chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Ereignissen – nicht vorhersehbar sind, müssen Bevorratungspläne flexibel bleiben und auf der Grundlage von Risikobewertungen regelmäßig aktualisiert werden. Voraussetzung für eine effektive Rotation, Abfallreduzierung und zeitnahe Verteilung sind solide Logistiksysteme und klare Betriebsabläufe. Eine nahtlose Koordinierung zwischen nationalen und lokalen Behörden, Gesundheitsdienstleistern und Partnern aus der Industrie ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung, da eine schlechte Kommunikation die Bereitstellung verzögern und damit die Wirksamkeit einer ansonsten gut vorbereiteten Reaktion mindern kann.
1.5.2. Die erfolgreiche Bewältigung von Ausbrüchen hängt auch von einer wirksamen Governance sowie wirtschaftlichen und sozialen Faktoren ab
Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, nationale Schwachstellen zu bewerten, um die strategische Entscheidungsfindung zu unterstützen. Die PPR-Kapazitäten werden in der Regel anhand von Indizes gemessen, mit denen die Bereitschaft gegenüber Gesundheitsschocks bewertet und verglichen wird. Gut konzipierte und evidenzbasierte PPR-Indizes bieten Entscheidungsträger*innen ein praktisches Instrument, um
Gefahren frühzeitig zu erkennen und Ressourcen effektiver zu verteilen, indem Lücken bei den Erkennungs-, Überwachungs- und Reaktionskapazitäten aufgezeigt werden,
die eigene Leistungsfähigkeit anhand internationaler Standards und vergleichbarer Länder zu bewerten und
durch einen gemeinsamen Sprach- und Messrahmen, der den Austausch von Erfahrungen und Ressourcen zwischen den Ländern erleichtert, zu einer stärkeren globalen Zusammenarbeit und Sicherheit beizutragen.
Die OECD hat die wesentlichen Merkmale von sechs wichtigen, vor der COVID-19-Pandemie entwickelten PPR-Indizes untersucht: Epidemic Preparedness Index (EPI), Global Health Security Index (GHSI), Infectious Disease Vulnerability Index (IDVI), INFORM Risk Index, Joint External Evaluation (JEE) und State Party Self-Assessment Annual Report (SPAR) im Rahmen der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV). Diese Indizes wurden für die Analyse ausgewählt, weil sie sich nicht auf einen einzigen Aspekt konzentrieren, sondern die allgemeine Vorbereitung eines Landes auf Pandemien in mehreren Dimensionen untersuchen. Zudem ermöglichen sie alle internationale Vergleiche.
Die sechs in der OECD-Analyse berücksichtigten PPR-Indizes verfolgen zwar insgesamt ähnliche Ziele, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer Struktur. Außerdem bewerten sie anhand unterschiedlicher Methoden, wie gut die Länder künftige Pandemien verhindern, erkennen und darauf reagieren. In der Regel greifen sie auf Sekundärdaten und/oder auf Eigenangaben beruhende Daten zurück, um einen allgemeinen Überblick über die Bereitschaft eines Landes zu geben.
Die PPR-Indizes decken in der Regel ein breites Spektrum an Themen ab, die sich häufig in Kernbereichen wie Kapazitäten im Gesundheitswesen, Infrastruktur, Surveillance und Reaktionsfähigkeiten überschneiden. Allerdings hat jeder Index entsprechend seiner Konzeption und seinem Zweck bestimmte thematische Schwerpunkte. Koordination und Governance sind Schlüsseldimensionen der meisten PPR-Bewertungen. Die Indizes GHSI, IDVI, JEE und SPAR achten insbesondere auf die Einhaltung internationaler Normen, vor allem derjenigen, die durch die IGV festgelegt wurden. Zu den gemeinsamen Indikatoren gehören die Teilnahme an internationalen Übereinkommen, die Berichterstattung im Rahmen der IGV und grenzüberschreitende Koordinierungsmechanismen. Im Einklang mit früheren Arbeiten zeigte die OECD-Analyse jedoch auch, dass wichtige soziale und kulturelle Dimensionen bei den meisten Indizes außer Acht gelassen werden (z. B. der Grad des Vertrauens in den Staat oder das Verhalten der lokalen Bevölkerung, die sich darauf auswirken können, in welchem Maße NPI befolgt werden) (Kachali et al., 2022[62]).
Die untersuchten PPR-Indizes unterscheiden sich erheblich darin, inwieweit sie die Situation vulnerabler Bevölkerungsgruppen und deren Bewältigungskapazitäten erfassen. Die Indizes GHSI, JEE und SPAR zählen zu den umfassendsten Instrumenten, die verschiedenste Dimensionen der PPR-Kapazitäten abdecken, GHSI und JEE enthalten jedoch keine expliziten Messgrößen für vulnerable Bevölkerungsgruppen oder deren Krisenbewältigungskapazitäten. Schlüsselindikatoren (z. B. Alphabetisierungsraten), die für das Verständnis von Vulnerabilitäten von entscheidender Bedeutung sind, fehlen häufig. Im Vergleich dazu bildet der IDVI, obwohl er enger gefasst ist, gesundheitliche Disparitäten und Vulnerabilitäten innerhalb der Bevölkerung besonders gut ab.
Aus der OECD-Analyse ging hervor, dass die vor COVID-19 entwickelten PPR-Indizes die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Länder während des Ausbruchs häufig nicht zutreffend abbildeten. Die Erfahrungen mit COVID-19 haben sowohl den Nutzen als auch die Grenzen der bestehenden Messgrößen für die PPR-Kapazitäten deutlich gemacht. Die OECD hat untersucht, wie gut die sechs vor der Pandemie entwickelten Indizes die Leistungsfähigkeit eines Landes während der COVID-19-Krise vorhersagen konnten. Die Leistungsfähigkeit wurde anhand der prozentualen Veränderung der Lebenserwartung zwischen 2019 und 2021 gemessen. Dieser Indikator erfasst sowohl die direkte Mortalität durch den Ausbruch als auch die indirekten Gesundheitsfolgen überlasteter Gesundheitssysteme.
Die OECD-Analyse ergab, dass die Vorhersagekraft der PPR-Indizes moderat bis niedrig war (Abbildung 1.9). Von den sechs untersuchten Indizes wies der SPAR den stärksten, aber moderaten Zusammenhang mit Veränderungen der Lebenserwartung während COVID-19 auf. Sein Korrelationskoeffizient von ‒0,44 deutet auf einen negativen Zusammenhang hin: Länder mit höheren SPAR-Werten, d. h. höheren PPR-Kapazitäten, verzeichneten im Allgemeinen geringere Rückgänge oder sogar Zuwächse bei der Lebenserwartung. Der SPAR-Wert eines Landes erklärte rd. 19 % der Unterschiede bei den Veränderungen der Lebenserwartung im Ländervergleich. Auch der IDVI zeigte einen eindeutigen, wenn auch deutlich schwächeren Zusammenhang (Korrelationskoeffizient –0,3; R2 = 0,09). INFORM und EPI bildeten dagegen nur in geringem Maße ab, wie sich die Lebenserwartung während der Pandemie veränderte. Der Korrelationskoeffizient des EPI von –0,14 und sein R2-Wert von 0,02 weisen auf einen nur minimalen Zusammenhang hin, während die gleichen Messgrößen für INFORM auf nahezu keinen Zusammenhang hindeuten (Korrelationskoeffizient 0,06; R2 = 0,003).
Abbildung 1.9. Vorhersagekraft von PPR-Indizes und prozentuale Veränderung der Lebenserwartung, 2019–2021
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Anmerkung: R2-Werte zwischen 0 und 1 geben an, inwieweit Veränderungen der Lebenserwartung durch den jeweiligen Index erklärt werden. Ein höherer R2-Wert bedeutet, dass der Index Veränderungen der Lebenserwartung besser vorhersagen kann. Die R2-Werte geben den Anteil der Varianz der Veränderung der Lebenserwartung an, der durch den jeweiligen Index erklärt wird, wobei höhere Werte eine höhere Vorhersagekraft widerspiegeln (z. B. bedeutet ein R2-Wert von 0,02 für den GHSI, dass dieser Index 2 % der Veränderung der Lebenserwartung erklärt und dass rd. 98 % der Veränderung bei diesem Ergebnis auf andere Faktoren zurückzuführen sind, die in der Analyse nicht berücksichtigt wurden). Die Korrelationskoeffizienten beschreiben die Richtung und die Stärke des Zusammenhangs. Negative Werte bedeuten, dass Länder, die als besser vorbereitet eingestuft wurden (niedrigere Indexwerte), im Allgemeinen einen geringeren Rückgang der Lebenserwartung verzeichneten, während positive Werte auf einen geringen oder keinen signifikanten Zusammenhang hindeuten. EPI = Epidemic Preparedness Index, GHSI = Global Health Security Index, IDVI = Infectious Disease Vulnerability Index, JEE = Joint External Evaluation, SPAR = State Party Self-Assessment Annual Report.
Quelle: OECD-Analyse.
Die uneinheitliche Vorhersagekraft der vor COVID-19 entwickelten Indizes lässt in Verbindung mit der Evidenz aus der COVID-19-Pandemie darauf schließen, dass die nächste Generation von PPR-Indizes in mehrfacher Hinsicht verbessert werden kann:
Die PPR-Kapazitäten müssen im Kontext betrachtet werden. Die COVID-19-Pandemie zeigte, dass viele vor COVID-19 entwickelte PPR-Indizes Länder der oberen Einkommensgruppe tendenziell begünstigten, auch wenn bestimmte Länder der unteren Einkommensgruppe oder kleinere Länder häufig besser abschnitten als erwartet. Ein Grund für diese Inkongruenz ist, dass PPR-Indizes Ländermerkmale, die die Reaktionsfähigkeit beeinflussen könnten, häufig nicht vollständig berücksichtigten. Dazu zählen etwa die geografische Anbindung, die demografische Zusammensetzung, frühere Erfahrungen mit der Bewältigung von Gesundheitskrisen, Kapazitäten und Zusammenhalt auf lokaler Ebene und in der Bevölkerung, Governance-Variablen, die Fähigkeit zur Koordinierung einer sektorübergreifenden Reaktion sowie verschiedene Dimensionen der Vulnerabilität (z. B. gesundheitliche, soziale, wirtschaftliche, institutionelle und kognitive Aspekte). Bei der Entwicklung künftiger Indizes sollten diese Faktoren stärker berücksichtigt werden, um ihre Vorhersagekraft zu verbessern.
Messgrößen der operativen Bereitschaft integrieren. Bei gesundheitlichen Notlagen kann schnelles Handeln Leben retten. Unter den vor COVID-19 entwickelten Indizes zeichnete sich der SPAR dadurch aus, dass er die Fähigkeit eines Landes erfasste, im Fall eines Gesundheitsschocks schnell zu handeln (d. h. die operative Bereitschaft). Dazu wurde beispielsweise bewertet, ob Systeme für die Kommunikation und Meldung von Risiken für die öffentliche Gesundheit und für die Einhaltung internationaler Rechtsvorschriften vorhanden sind. Der IDVI ergänzte diese operative Perspektive durch strukturelle Faktoren wie die Stabilität der Governance und den sozioökonomischen Kontext. Künftige Indizes können noch weiter gehen. Sie sollten nicht nur bewerten, ob Reaktionsmechanismen vorhanden sind, sondern auch, wie schnell sie in Echtzeit aktiviert und skaliert werden können.
Die Rolle der epidemiologischen Surveillance stärken. Surveillance bleibt das Fundament einer wirksamen Reaktion auf Ausbrüche. Frühwarnsysteme können dazu beitragen, Ausbrüche rasch zu erkennen. Die Wirksamkeit solcher Systeme hängt jedoch in hohem Maße davon ab, ob zeitnah auf qualitativ hochwertige Echtzeitinformationen zugegriffen werden kann. Eine kurz vor der Pandemie durchgeführte OECD-Erhebung zeigte jedoch, dass nur wenige Länder (d. h. Dänemark, Estland, Korea und Lettland) vor COVID-19 über die nötige Infrastruktur verfügten, um in wichtigen Bereichen, wie stationäre Krankenhausversorgung, Notfallversorgung, Primärversorgung, Langzeitpflege und verschreibungspflichtige Arzneimittel, Daten nahezu in Echtzeit zu melden (Oderkirk, 2021[63]). Auch Luxemburg gab an, vor der Pandemie über vergleichbare Strukturen für Gesundheitsdaten verfügt zu haben. Robuste Laborkapazitäten sind eine weitere entscheidende Voraussetzung für eine genaue Diagnostik und Überwachung im Rahmen der epidemiologischen Surveillance. Gesundheitssysteme sollten zudem in der Lage sein, sowohl symptomatische als auch asymptomatische Fälle effektiv zu erfassen, z. B. durch Abwassermonitoring.
Die bessere Vorhersagekraft des SPAR war u. a. darauf zurückzuführen, dass er Indikatoren zur Erfassung der Laborkapazitäten und der Surveillance enthielt. Im Vergleich dazu wurde die Surveillance bei INFORM und EPI nur begrenzt berücksichtigt. INFORM konzentrierte sich hauptsächlich auf die allgemeine Vulnerabilität gegenüber Katastrophen, während beim EPI die strukturellen Aspekte der Vorbereitung auf den Katastrophenfall (z. B. Gesundheitssysteme und Ressourcen) im Vordergrund standen; er erfasste weder die Fähigkeit, Krankheiten schnell zu erkennen, noch die Kapazitäten, das Ausbruchsgeschehen zu verfolgen. Keiner der PPR-Indizes untersuchte, welche Rolle die Bereitschaft von Gesundheitsinformationssystemen spielt.
Sozioökonomische und Governance-Dimensionen einbeziehen. Vertrauen in Institutionen, sozialer Zusammenhalt und Führungsqualität, auch auf lokaler Ebene, waren während der COVID‑19-Pandemie entscheidend. Diese Dimensionen wurden in den PPR-Bewertungen jedoch häufig nicht berücksichtigt. Die Fähigkeit, während gesundheitlicher Notlagen Risiken klar und konsistent zu kommunizieren, kann beeinflussen, inwieweit die Bevölkerung die ergriffenen Maßnahmen befolgt und den Institutionen vertraut. Der SPAR war einer der wenigen Rahmen, in dem die Fähigkeit, Risiken für die öffentliche Gesundheit zu kommunizieren, explizit bewertet wurde. Eine Ausweitung dieser Dimension, z. B. durch die Bewertung von Transparenz und Engagement im Gemeinwesen, würde ein präziseres Bild der sozioökonomischen und Governance-Dimensionen liefern, die die PPR-Kapazitäten beeinflussen.
Die Dimensionen der internationalen Zusammenarbeit stärken. Kein Land kann eine Pandemie allein bewältigen. Die ersten Monate der COVID-19-Pandemie offenbarten Schwächen bei der globalen Koordinierung, die von fragmentierten Lieferketten bis hin zu uneinheitlichen Reisebestimmungen und Regelungen für den Datenaustausch reichten. Künftige Indizes sollten die Kapazität und Bereitschaft eines Landes zur internationalen Zusammenarbeit explizit messen, einschließlich Mechanismen für den Informationsaustausch, die gemeinsame Beschaffung und die rasche gegenseitige Unterstützung.
Eine One-Health-Perspektive einnehmen. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch Zoonosen sollte sich die Erfassung der PPR-Kapazitäten nicht ausschließlich auf die menschliche Gesundheit konzentrieren. Viele neu auftretende Krankheitserreger haben ihren Ursprung im Tierreich; ihre Verbreitung wird durch Landnutzungsänderungen, Praktiken der Nahrungsmittelproduktion und die Umweltzerstörung begünstigt. Künftige Indizes sollten eine One-Health-Perspektive einnehmen und die Überwachung der Tiergesundheit, Umweltmonitoring und Interaktionen zwischen Menschen und Wildtieren berücksichtigen, um Risiken frühzeitig zu erkennen und Ausbrüche zu verhindern, bevor sie die Bevölkerung erreichen.
1.6. Investitionen in PPR-Kapazitäten machen sich nicht nur in Krisenzeiten bezahlt
Copy link to 1.6. Investitionen in PPR-Kapazitäten machen sich nicht nur in Krisenzeiten bezahltBeim Ausbruch einer Pandemie sind Länder mit stärkeren PPR-Systemen besser gerüstet, um rasch zu reagieren und den hohen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Tribut zu vermeiden, den der Ausbruch fordert. Die Ausgaben für die Pandemievorsorge und -reaktion können im Vorfeld kostspielig erscheinen, ihre Vernachlässigung führt jedoch dazu, dass die Ausgaben in der Reaktionsphase erhöht werden. Dies war während der COVID-19-Pandemie der Fall, als unzureichende Vorräte zu einem weltweiten Wettlauf um persönliche Schutzausrüstung führten. Auch ist es weitaus teurer und weniger effizient, essenzielle öffentliche Gesundheitssysteme in Krisenzeiten völlig neu aufzubauen, als sie vorher einzurichten.
Über das Krisenmanagement hinaus bieten PPR-Investitionen in zweierlei Hinsicht Vorteile. Dieselben Infrastrukturen, Surveillance-Systeme und Koordinierungsmechanismen, die die Bevölkerung und die Wirtschaft während eines Ausbruchs schützen, verbessern in „normalen Zeiten“ auch die Routineversorgung, beschleunigen die Erkennung anderer Gesundheitsbedrohungen und stärken das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Institutionen. Mit Abwasser-Surveillance können z. B. auch die saisonale Influenza und andere endemische Erkrankungen überwacht werden; und größere Vorräte können für andere gesundheitliche Notlagen genutzt werden. In diesem Sinne ist Vorbereitung auf den Katastrophenfall nicht nur eine Versicherung, sondern eine langfristige Investition in die Stabilität und Effizienz der Gesundheitssysteme.
Die OECD hat mithilfe des OECD SPHeP Costing Tool die Investitionen geschätzt, die in den nächsten zehn Jahren zur Stärkung der PPR-Kapazitäten in 51 OECD-, EU/EWR- und G20-Ländern auf Länderebene erforderlich sind. Tabelle 1.2 beschreibt die wichtigsten Merkmale der in der Bewertung berücksichtigten Maßnahmen.
Tabelle 1.2. Wichtigste Merkmale der Bestandteile des PPR-Maßnahmenpakets
Copy link to Tabelle 1.2. Wichtigste Merkmale der Bestandteile des PPR-Maßnahmenpakets|
Maßnahme |
Schlüsselaktivitäten |
Wichtigste Kostenpositionen in der Vorbereitungsphase |
Wichtigste Kostenpositionen in der Reaktionsphase |
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|---|---|---|---|---|
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Aufbau einer nationalen Reserve an persönlicher Schutzausrüstung und Hygieneartikeln |
Anlegen der nationalen Reserve |
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Bestandsverwaltung |
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Lagerverwaltung |
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Monitoring und Evaluierung (MuE) |
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Entfällt |
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Kontakt-reduzierende NPI |
Sicherstellung einer besseren Befolgung der Maßnahmen zur physischen Distanzierung |
Erarbeitung und Umsetzung operativer Leitlinien |
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Verbesserung des öffentlichen Zugangs zu korrekten Informationen |
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Durchsetzung |
Entfällt |
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Monitoring und Evaluierung |
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Gewährleistung der Bildungskontinuität |
Erarbeitung und Umsetzung operativer Leitlinien |
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Erhöhung der Bereitschaft für Online-Unterricht |
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Förderung innovativer Arbeitsplatzlösungen |
Erarbeitung und Umsetzung operativer Leitlinien |
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Sicherstellung eines sicheren Inlands- und Auslandsreiseverkehrs |
Erarbeitung und Umsetzung operativer Leitlinien |
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Verbesserung des öffentlichen Zugangs zu korrekten Informationen |
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Durchsetzung |
Entfällt |
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Verbesserung der Abwasser-Surveillance |
Erarbeitung und Umsetzung operativer Leitlinien |
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Stärkung der Laborkapazitäten |
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Stärkung der Forschungs- und Datenaustauschkapazitäten |
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Anmerkung: LMS = Lernmanagementsysteme; MuE = Monitoring und Evaluation; PSA = persönliche Schutzausrüstung; RT-qPCR = quantitative Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktion; SOP = Standardarbeitsanweisungen.
Quelle: Gestützt auf OECD-Analysen der verfügbaren Literatur.
1.6.1. Eine Stärkung der PPR-Kapazitäten würde im OECD-Raum knapp 6 USD-KKP pro Person und Jahr erfordern
Laut Schätzungen der OECD beläuft sich der durchschnittliche jährliche Investitionsbedarf für die Stärkung der PPR-Kapazitäten in den 51 in der Analyse berücksichtigten Ländern auf über 20 Mrd. USD-KKP, d. h. rd. 5,6 USD-KKP pro Person (Abbildung 1.10). Für den OECD-Raum entspricht dies einem Durchschnittswert von 7,2 Mrd. USD-KKP pro Jahr bzw. rd. 5,9 USD-KKP pro Kopf. Für die EU/EWR-Länder beträgt der entsprechende Wert rd. 2,6 Mrd. USD-KKP pro Jahr bzw. 6,3 USD-KKP pro Kopf. In den G20-Volkswirtschaften belaufen sich die geschätzten jährlichen Kosten im Durchschnitt auf über 18 Mrd. USD-KKP, was rd. 4,7 USD-KKP pro Kopf entspricht. Der Investitionsbedarf variiert erheblich von Land zu Land, wobei die jährlichen Pro-Kopf-Kosten von 3,3 USD-KKP in Indonesien bis zu 11 USD-KKP in Luxemburg reichen.
Schätzungen zufolge erfordert die Stärkung der PPR-Kapazitäten in den OECD-Ländern jährlich rd. 5,9 USD-KKP pro Person. Rund ein Drittel dieser zusätzlichen Mittel würden in Anfangsinvestitionen zur Stärkung der grundlegenden Systeme (z. B. Entwicklung von Standardarbeitsanweisungen, Daten- und Managementsystemen), Institutionen und Infrastrukturen fließen, auf denen die Vorbereitung auf den Katastrophenfall beruht. Ein ähnlicher Betrag wäre jedes Jahr erforderlich, um die Betriebskosten für die langfristige Aufrechterhaltung dieser Systeme zu decken. Es gilt darauf hinzuweisen, dass es sich bei diesen Kostenschätzungen um Obergrenzen handelt. Für die in der Analyse berücksichtigten Maßnahmen wird dabei angenommen, dass die Länder zunächst nur über begrenzte PPR-Kapazitäten verfügen. In bereits weiter fortgeschrittenen Ländern, in denen einige Elemente dieser Systeme bereits vorhanden sind, wäre der Gesamtinvestitionsbedarf entsprechend geringer. Wenn in den Ländern beispielsweise bereits 30 % der PPR-Kapazitäten vorhanden wären, würden die durchschnittlichen jährlichen PPR-Kosten für die OECD-Länder auf 6,4 Mrd. USD-KKP (5,3 USD-KKP pro Kopf), für die EU/EWR-Länder auf 2,4 Mrd. USD-KKP (5,7 USD-KKP pro Kopf) und für die G20-Länder auf 17,7 Mrd. USD-KKP (4,2 USD-KKP pro Kopf) sinken.
Im Vergleich dazu würden sich die Kosten in der Reaktionsphase, in der die Kapazitäten zur Eindämmung eines aktiven Ausbruchs erweitert und nicht von Grund auf neu aufgebaut werden, im OECD-Raum auf rd. 1,7 USD-KKP pro Kopf und Jahr belaufen. Dieser niedrigere Wert unterstreicht einen wichtigen Punkt. Wenn Katastrophenmanagementsysteme vorhanden sind, können Länder effizienter reagieren, da sie auf etablierte Strukturen zurückgreifen können, anstatt in Krisenzeiten neue aufbauen zu müssen.
Abbildung 1.10. Durchschnittliche jährliche Kosten für Investitionen in PPR
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Anmerkung: KKP = Kaufkraftparitäten; Mrd. = Milliarden; Mio. = Millionen.
Quelle: OECD-Analyse auf der Basis des OECD SPHeP Costing Tool.
1.6.2. Der Aufbau einer nationalen Reserve ist der kostenintensivste Bestandteil des PPR-Maßnahmenpakets
Der Aufbau und die Aufrechterhaltung einer nationalen Reserve an persönlicher Schutzausrüstung und Hygieneartikeln ist mit Abstand der kostenintensivste Bestandteil des Maßnahmenpakets. Die durchschnittlichen jährlichen Kosten belaufen sich in den OECD-Ländern auf fast 4,4 Mrd. USD-KKP (3,2 USD-KKP pro Kopf) (Abbildung 1.11. Angesichts der Komplexität, die mit dem Aufbau und der Aufrechterhaltung von Reserven verbunden ist, ist dieses Ergebnis nicht überraschend. Ein erheblicher Teil dieser Kosten ist auf die Beschaffung von Verbrauchsmaterialien zurückzuführen. Dabei handelt es sich nicht um eine einmalige Ausgabe, da kontinuierliche Investitionen in die Wiederauffüllung und Rotation der Bestände erforderlich sind. Allerdings können Artikel, deren Verfallsdatum bald abläuft, auf den Markt gebracht und genutzt werden, wodurch sich die Gesamtkosten verringern. So wird es bereits in vielen Ländern gehandhabt. Ein weiterer Kostenfaktor ist die laufende Verwaltung der Bestände (z. B. Personalkosten, sichere Lagerstätten, Logistiksysteme). Dies verdeutlicht, dass es sich bei der Bevorratung um einen komplexen logistischen Vorgang und nicht einfach um die Lagerung medizinischer Waren handelt.
Die jährlichen Kosten für die verstärkte Umsetzung kontaktreduzierender NPI, wie z. B. Maßnahmen zur physischen Distanzierung und innovative Arbeitsplatzlösungen, würden sich in den OECD-Ländern im Durchschnitt auf nahezu 2,8 Mrd. USD-KKP (2,5 USD-KKP pro Kopf) belaufen. In den EU/EWR-Ländern wären es rd. 1,1 Mrd. USD-KKP (2,8 USD-KKP pro Kopf) und in den G20-Ländern knapp 4,2 Mrd. USD-KKP (1,6 USD-KKP pro Kopf). Die Ausweitung der Abwasser-Surveillance ist vergleichsweise kostengünstig: Die geschätzten durchschnittlichen Pro-Kopf-Kosten für eine verstärkte Abwasser-Surveillance liegen in nahezu allen in die Analyse einbezogenen Ländern bei weniger als 1 USD-KKP pro Jahr.
Abbildung 1.11. Durchschnittliche PPR-Kosten pro Jahr und Maßnahme
Copy link to Abbildung 1.11. Durchschnittliche PPR-Kosten pro Jahr und MaßnahmeDurchschnittliche PPR-Kosten pro Jahr, nach Bestandteil
Anmerkung: Kontaktreduzierende NPI umfassen: 1. Sicherstellung einer besseren Befolgung der Maßnahmen zur physischen Distanzierung 2. Förderung innovativer Arbeitsplatzlösungen, 3. Gewährleistung der Bildungskontinuität und 4. Sicherstellung eines sicheren Inlands- und Auslandsreiseverkehrs. EU/EWR = Europäische Union/Europäischer Wirtschaftsraum, G20 = Gruppe der 20; NPI = nicht pharmazeutische Interventionen; PSA = persönliche Schutzausrüstung; KKP = Kaufkraftparitäten.
Quelle: OECD-Analyse auf der Basis des OECD SPHeP Costing Tool.
1.7. Fazit
Copy link to 1.7. FazitDieser Bericht zeigt, dass Investitionen in PPR-Kapazitäten Leben retten und Volkswirtschaften vor den Folgen künftiger Ausbrüche schützen. Gemessen am gesundheitlichen und wirtschaftlichen Tribut, den unkontrollierte Ausbrüche fordern könnten, sind die geschätzten PPR-Investitionen eher gering. Wie in diesem Kapitel dargelegt wurde, liegt die kumulative Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 25 Jahren eine weitere Pandemie vom Ausmaß der COVID-19-Pandemie zu erleben, Schätzungen zufolge bei ungefähr 50 % (Madhav et al., 2023[5]). Die OECD-Analyse hat jedoch gezeigt, dass der Aufbau der für die Reaktion erforderlichen PPR-Kapazitäten in den 51 in die Analyse einbezogenen Ländern auf nur durchschnittlich 5,6 USD-KKP pro Person und Jahr geschätzt wird. Der damit verbundene Nutzen ist erheblich. In den schlimmsten Szenarien könnte ein Ausbruch ohne gut umgesetzte und zeitnahe NPI einem Fünftel der Bevölkerung das Leben kosten und das BIP in den ersten neun Monaten um 11,7–28,9 % verringern. Angesichts potenzieller Verluste dieser Größenordnung und eines zunehmenden Risikos, dass sie innerhalb einer Generation eintreten könnten, sprechen überzeugende wirtschaftliche Argumente dafür, der Pandemievorsorge und -reaktion Priorität einzuräumen.
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