Pandemien zählen zu den destabilisierendsten Risiken, denen unsere Gesellschaften ausgesetzt sind. Zwischen 2020 und Mai 2023 hat die COVID-19-Pandemie weltweit fast sieben Millionen Todesopfer gefordert. Sie führte dazu, dass das globale Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 im Vergleich zu 2019 um rd. 4 % zurückging. Dieser Rückgang war mit dem vergleichbar, der während der globalen Finanzkrise von 2008 verzeichnet worden war. Die rasche Verstädterung, Entwaldung und Intensivlandwirtschaft, der extensive und häufig unregulierte Wildtierhandel und die steigende Nachfrage nach Flugreisen erhöhen das Risiko künftiger Pandemien. Es stellt sich daher nicht die Frage, ob es eine weitere Pandemie geben wird, sondern wann.
Dieser Bericht zeigt, wie wichtig es ist, in Maßnahmen zur Pandemievorsorge und -reaktion (pandemic preparedness and response – PPR) zu investieren, die in den frühen Phasen eines neuen Epidemieausbruchs eine rasche und wirksame Reaktion ermöglichen. Unter Verwendung des OECD-Modells Strategic Public Health Planning for PPR werden fünf Ausbruchsszenarien simuliert, darunter ein Ebola-, ein Vogelgrippe-, ein Influenza-A-, ein Coronavirus- und ein Masern-ähnliches Szenario, und die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen quantifiziert, die ein Ausbleiben von Gegenmaßnahmen hätte. Die Analyse konzentriert sich auf die frühen Phasen von Ausbrüchen, in denen pharmazeutische Interventionen oder Impfstoffe nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Ohne wirksame Eindämmungsmaßnahmen könnten bei einem Ausbruch zwischen 1 % der Bevölkerung bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch und 5 % bei einem Influenza-A-ähnlichen Ausbruch sterben. Der Bedarf an intensivmedizinischer Versorgung im OECD-Raum würde die verfügbaren Krankenhauskapazitäten innerhalb von ein bis zwei Monaten übersteigen. Dementsprechend würde das BIP bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch um 2,7 % und bei einem Masern-ähnlichen Ausbruch um 16,2 % schrumpfen.
Der Bericht zeigt auch, was funktioniert. Eine frühzeitige Umsetzung nicht pharmazeutischer Interventionen (NPI), d. h. wichtiger öffentlicher Gesundheitsmaßnahmen, die von physischer Distanzierung, Händehygiene und dem Tragen von Masken bis hin zur Sicherstellung eines sicheren Inlands- und Auslandsreiseverkehrs reichen, ist für den Schutz der öffentlichen Gesundheit und der Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Selbst das am wenigsten strenge Maßnahmenpaket „Sicherere Kontakte“, das lokale Infektionsschutzmaßnahmen mit freiwilliger Quarantäne kombiniert, könnte bei effektiver Umsetzung mindestens 40 % der Todesfälle verhindern und zugleich die BIP-Verluste begrenzen. Ein mehrstufiger Ansatz (das Maßnahmenpaket „Weniger Kontakte“), der eine Kombination lokaler Infektionsschutzmaßnahmen mit Telearbeit, Beschränkungen des Inlandsreiseverkehrs und Quarantänepflichten vorsieht, würde in den meisten Szenarien und Ländern die meisten Todesfälle verhindern, wirtschaftliche Verluste abfedern und die Notwendigkeit von Schulschließungen oder Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs verringern.
Die Stärkung der PPR-Kapazitäten ist sowohl machbar als auch dringend erforderlich. Laut den Schätzungen dieses Berichts wären in den OECD-Ländern Investitionen in Höhe von 7,1 Mrd. USD-KKP pro Jahr (2,6 Mrd. USD-KKP pro Jahr in den EU/EWR-Ländern) oder rd. 5,9 Mrd. USD-KKP pro Kopf erforderlich, um auf Länderebene die grundlegenden PPR-Kapazitäten in prioritären Bereichen zu stärken. Dazu zählen der Aufbau und die Aufrechterhaltung einer nationalen Reserve an persönlicher Schutzausrüstung und Hygieneartikeln, die verstärkte Umsetzung kontaktreduzierender NPI, wie z. B. Maßnahmen zur physischen Distanzierung, und die Stärkung der Surveillance-Kapazitäten durch Abwassermonitoring.
Naturgemäß haben viele PPR-Investitionen einen doppelten Verwendungszweck: Die gleiche Infrastruktur, die in der Pandemie die Gesundheit und die Wirtschaft schützt, verbessert in normalen Zeiten auch die routinemäßigen Gesundheitsleistungen, beschleunigt die Erkennung anderer Gesundheitsbedrohungen und stärkt das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Institutionen. Um die Zahl der vermeidbaren Todesfälle zu verringern, resiliente Gesundheitssysteme aufzubauen und die Wirtschaftsleistung langfristig zu sichern, ist es daher unerlässlich, bereits vor der nächsten Krise zu handeln.