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OECD-Wirtschaftsausblick: Die Erholung nach dem Lockdown wird ein Drahtseilakt

 

(Berlin/Paris, 10. Juni 2020) – Seit fast einem Jahrhundert hat die Welt keine so schwere Rezession erlebt wie jetzt, ausgelöst durch die Covid-19-Pandemie. Die Schäden für Gesundheit, Wohlbefinden und Arbeitsplatzsicherheit der Menschen sind enorm. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle OECD-Wirtschaftsausblick

 

Auch wenn die Einschränkungen jetzt gelockert werden, ist die konjunkturelle Erholung sehr brüchig, insbesondere mit Blick auf eine mögliche zweite Infektionswelle. Der Studie zufolge ist entscheidend, dass die Regierungen die Gesundheitssysteme stärken und Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen die Umstellung auf die Zeit nach der Pandemie erleichtern.    

 

Die von den meisten Regierungen eingeführten Eindämmungsmaßnahmen waren notwendig, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die Zahl der Todesopfer möglichst klein zu halten. Gleichzeitig aber haben sie die wirtschaftliche Aktivität in vielen Branchen zum Erliegen gebracht und vielerorts zu großer wirtschaftlicher Not geführt. 

 

Die Regierungen haben außerordentliche Maßnahmen ergriffen, um die Gesundheitssysteme ihrer Länder zu stärken, das Einkommen von Bürgerinnen und Bürgern zu sichern, Unternehmen zu stützen und die Finanzmärkte zu stabilisieren.

 

Da wenig Aussicht besteht, dass noch in diesem Jahr ein Impfstoff in großem Umfang verfügbar sein wird, und auch darüber hinaus die Lage von außergewöhnlich vielen Unsicherheiten geprägt ist, hat sich die OECD entschlossen, in diesem Wirtschaftsausblick zwei Szenarien vorzustellen, die sie als gleich wahrscheinlich erachtet: eines, in dem das Virus unter Kontrolle gehalten wird, und ein anderes, in dem es im späteren Jahresverlauf 2020 zu einer zweiten heftigen Infektionswelle kommt. 

 

Sollte es zu einer erneuten Infektionswelle und infolge dessen einem erneuten Lockdown kommen, wird die globale Wirtschaftsleistung unseren Berechnungen zufolge 2020 um 7,6 Prozent einbrechen, bevor sie 2021 wieder um 2,8 Prozent ansteigt. Die Arbeitslosigkeit wäre in den OECD-Ländern auf ihrem Höhepunkt doppelt so hoch wie vor der Krise. Auch das kommende Jahr verspräche für die Arbeitsmärkte nur wenig Erholung.

 

Kann eine zweite Infektionswelle verhindert werden, so dürfte die globale Wirtschaftsleistung um sechs Prozent in 2020 schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit in den OECD-Ländern steigt nach diesem Szenario von 5,4 Prozent in 2019 auf 9,2 Prozent in 2020.

 

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des strengen und relativ langen Lockdowns in Europa werden besonders stark sein. Wenn es zu einer zweiten Infektionswelle kommt, wird das BIP im Euroraum in diesem Jahr voraussichtlich um mehr als 11,5 Prozent schrumpfen. Kann eine zweite Welle vermieden werden, wird es voraussichtlich um mehr als neun Prozent schrumpfen. Die Wirtschaftsleistung der USA würde um 8,5 bzw. 7,3 Prozent zurückgehen, die Japans um 7,3 bzw. sechs Prozent.

 

In einigen aufstrebenden Volkswirtschaften wie Brasilien, Russland und Südafrika stehen die Gesundheitssysteme unter enormem Druck, was die durch den Einbruch der Rohstoffpreise bereits schwierige Lage verschärft. Ihre Wirtschaftsleistung würde im Szenario einer zweiten Infektionswelle um 9,1 Prozent (Brasilien), zehn Prozent (Russland) bzw. 8,2 Prozent (Südafrika) einbrechen; im günstigeren Szenario um 7,4 Prozent bzw. acht Prozent und 7,5 Prozent. Die Wirtschaftsleistung Chinas und Indiens ist vergleichsweise geringer betroffen: Im Szenario einer zweiten Infektionswelle dürfte das BIP um 3,7 Prozent (China) bzw. 7,3 Prozent (Indien) schrumpfen, im Falle des günstigeren Szenarios 2,6 Prozent bzw. 3,7 Prozent.

 

 

 

Auch wenn in beiden Szenarien zunächst eine schnelle wirtschaftliche Erholung zu erwarten ist, wird es lange dauern, bis die Wirtschaftsleistung wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Auch wird die Pandemie deutliche Spuren hinterlassen: gesunkene Lebensstandards, hohe Arbeitslosigkeit, schwache Investitionen. Unter dem Arbeitsplatzverlust in besonders betroffenen Branchen wie Tourismus, Unterhaltung und Gastgewerbe werden besonders die jungen, gering qualifizierten und nicht-regulär beschäftigten Arbeitskräfte leiden.

 

Staatliche Hilfen für betroffene Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen der stark betroffenen Branchen werden nötig bleiben und weiterentwickelt werden müssen.

  

Im Vorfeld eines außerordentlichen OECD-Ministertreffens zu politischen Krisenmaßnahmen unter Vorsitz der spanischen Vize-Premierministerin und Finanzministerin Nadia Calvino erklärte OECD-Generalsekretär Angel Gurría: „Die aktuellen Umstände sind von extremer Unsicherheit geprägt. Es war richtig, dass die Politik nicht zu lange mit der Einführung von Krisenmaßnahmen gewartet hat. Jetzt gilt es der Versuchung zu widerstehen, die Maßnahmen zu schnell wieder zu beenden".

 

„Die Entscheidungen der Regierungen heute werden die Welt noch Jahre nach der Covid-19-Krise prägen“, fügte er hinzu. „Dies gilt nicht nur für innenpolitische Maßnahmen, die einen inklusiven und nachhaltigen Wiederaufbau ermöglichen sollten, sodass die Länder widerstandsfähiger aus der Krise hervorgehen. Dies gilt auch in Bezug auf die internationale Zusammenarbeit, um globale Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Diese internationale Zusammenarbeit war bisher ein Schwachpunkt in der globalen Reaktion auf die Krise. Mehr davon könnte Vertrauen bilden und positiv ausstrahlen“. (Zur Rede)

 

OECD-Chefökonomin Laurence Boone sagte bei der Vorstellung des Wirtschaftsausblicks in Paris: „Um den Drahtseilakt des Wiederaufbaus zu bewältigen, sind außerordentliche Maßnahmen nötig. Die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und gleichzeitig eine zweite Infektionswelle zu verhindern, erfordert flexibles und geschicktes Regierungshandeln.“ Die Sicherheitsnetze und die Hilfsmaßnahmen für die am schwersten betroffenen Branchen müssten so gestaltet werden, dass es Unternehmen und Arbeitskräften gelingt, in neuen Bereichen aktiv zu werden, fügte sie hinzu.

  

„Höhere Staatsschulden sind nicht zu vermeiden, aber die schuldenfinanzierten Ausgaben müssen zielgerichtet sein, um den Schwächsten zu helfen und für die Art von Investitionen zu sorgen, die es für den Übergang zu einer nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Wirtschaft braucht“, so Boone.

 

„Die Regierungen sollten die Chance ergreifen, fairere und nachhaltigere Wirtschaftsstrukturen zu schaffen. Dabei gilt es, Wettbewerb und Regulierung intelligenter zu gestalten und die Steuersysteme, die öffentlichen Ausgaben und den Sozialschutz zu modernisieren. Wohlstand entsteht durch Dialog und Zusammenarbeit. Dies gilt auf nationaler ebenso wie auf globaler Ebene". (Zur Präsentation)

 

Im Wirtschaftsausblick ruft die OECD Regierungen dazu auf, verstärkt zusammenzuarbeiten, damit die Pandemie rascher beendet werden kann, der Wirtschaftsaufschwung schneller gelingt und der Aufholprozess der Schwellen- und Entwicklungsländer nicht negativ beeinträchtigt wird. Die Studie ruft außerdem dazu auf, sich für widerstandsfähigere Lieferketten stark zu machen, einschließlich größerer Lagerbestände und einer stärkeren Diversifizierung der Quellen auf lokaler und internationaler Ebene.

 

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Den vollständigen Wirtschaftsausblick und spezifische Länderprofile finden Sie unter http://www.oecd.org/wirtschaftsausblick/juni-2020

 

Pressekontakt:

OECD Berlin Centre

Matthias Rumpf 

[email protected]

Tel: +49 (0)30 28 88 35 41

 

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