Bildung auf einen Blick 2016: Anmerkungen von Andreas Schleicher, Direktor für Bildung bei der OECD zur Präsentation der Studie in Deutschland

 

Berlin, 15. September 2016

 

Anrede,

Ich freue mich, Ihnen heute die Kernpunkte der diesjährigen Ausgabe unserer Studie Bildung auf einen Blick vorstellen zu dürfen. Der Bericht liegt Ihnen ja vor.

Lassen Sie mich mit der im internationalen Vergleich herausragendsten Stärke des deutschen Bildungssystems beginnen: der reibungslose Übergang von der Ausbildung in den Beruf. In fast keinem anderen OECD-Land ist der Anteil junger Menschen, die weder in Ausbildung noch erwerbstätig sind, so niedrig wie in Deutschland. Nur Island und die Niederlande schneiden hier noch besser ab (Tab. C5.1). Zum Teil geht dieser Erfolg sicher auf das Konto der guten wirtschaftlichen Lage, er ist aber auch Ergebnis der beruflichen Bildung, die international als vorbildlich gilt. Dem Dualen System ist es auch zu verdanken, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung über einen mittleren Bildungsabschuss verfügt.

Deutschland holt auch bei der tertiären Bildung auf. Fassen wir tertiäre berufliche und akademische Abschlüsse zusammen, dann stieg der Anteil von jungen Erwachsenen mit tertiärem Bildungsabschluss zwischen 2005 und 2015 von 22% auf 30% an (Tab. A1.3). Im OECD Mittel stieg er in diesem Zeitraum aber ebenfalls von 32% auf 42% an.

Dass mehr und mehr junge Menschen einen höheren beruflichen oder akademischen Abschluss anstreben ist nicht verwunderlich, angesichts des hohen Einkommensbonus, den bessere Bildung in Deutschland verspricht. Wer sich in Deutschland mit einer unter drei-jährigen Ausbildung zum Handwerksmeister weiterqualifiziert, erhält im Mittel 26% mehr Gehalt als jemand mit Sekundarschulabschluss oder entsprechender dualer Berufsausbildung (Tab. A6.1). Wer eine dreijährige Meister oder Technikerausbildung absolviert oder seinen Bachelor an einer Universität oder Fachhochschule macht, dem winken über 50% Gehaltsvorteil. Beim Master oder Staatsexamen liegt der Zuschlag sogar bei fast 80%. Allerdings gibt es auch Länder, wo sich ein Studium noch deutlich mehr auszahlt, die USA etwa, mit 122% oder Ungarn mit 152%.

Aber nicht alle Studienfächer versprechen den gleichen Gehaltszuschlag: Mathematik und Natur- sowie Ingenieurswissenschaften zahlen sich deutlich mehr aus als etwa Berufe in den Bereichen Gesundheit oder Bildung (Tab. A6.4). Insgesamt sind erhebliche Einkommensvorteile, deutliche höhere Erwerbsbeteiligung und ein deutlich geringeres Risiko arbeitslos zu werden klare Indizien, dass sich Bildung lohnt und es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Arbeitsmarkt für höhere Qualifikation gesättigt ist. Es gibt auch überhaupt keinen Widerspruch zwischen einem soliden System der beruflichen Bildung und einem Ausbau akademischer Angebote. Beide gemeinsam sind Garanten von Erfolg in der Zukunft.

Werfen wir einen Blick auf die Bildungsfinanzierung und die Verteilung finanzieller Ressourcen. Deutschland investiert 4.2% seines Bruttoinlandsproduktes in Bildungsinstitutionen, das liegt recht deutlich unter dem OECD Mittel von 4.8% (Tab. B4.1). Zwischen 2010 und 2013 sank der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt erstmals um fast 5%, im Wesentlichen weil die Wirtschaft in Deutschland stärker als die Bildungsausgaben wuchs (Tab. B2.4).


In der tertiären Ausbildung sind die Ausgaben zwischen 2005 und 2015 gestiegen, allerdings nicht im gleichen Umfang wie die Zahl der Studien und Ausbildungsplätze, so dass heute weniger pro Auszubildenden und Studierenden ausgegeben wird als noch 2008 (Tab. B1.5b). Die Ausgaben pro Studierenden sanken dabei in vergleichbarem Umfang wie in Spanien während der Finanzkrise.

Insgesamt liegen die Ausgaben für Lehre und Ausbildung im tertiären Bereich heute mit USD 9085 geringfügig unter dem OECD Mittel von USD 10222 (Tab. B1.2). Nur wenn man die in Deutschland recht hohen Forschungsaufwendungen mit einbezieht - die den Studierenden aber nicht direkt zugutekommen - so ergibt sich mit USD 16895 ein leicht überdurchschnittlicher Betrag (USD 15704). Viele Staaten haben auf die größere Nachfrage nach höherwertigen Bildungsabschlüssen mit einem höheren privaten Finanzierungsanteil reagiert, dieser liegt in Deutschland mit 14% (also weniger als die Hälfte des OECD-Mittels) ganz am unteren Ende der Skala (Tab. B3.2b).

Ganz anders die Situation in der frühkindlichen Bildung: hier liegt der private Finanzierungsanteil bei etwa einem Viertel und damit deutlich über dem OECD-Mittel (Tab. C2.3). Das heißt, während die meisten Staaten von den gut verdienenden Bildungsgewinnern erwarten, dass sie sich an den Kosten ihres Studiums beteiligen - oft durch nachgelagerte Studiengebühren - bittet man in Deutschland die Jüngsten zur Kasse, also dort wo Nachteile aufgrund eines bildungsfernen Elternhauses am ehesten ausgeglichen werden können.

Im schulischen Bereich liegen die Ausgaben pro Schüler in der Sekundarstufe über dem OECD-Schnitt, vor allem aufgrund der hohen Kosten der dualen Ausbildung die zu einem Großteil von der Wirtschaft getragen werden. Im Primarbereich sind die Ausgaben dagegen unterdurchschnittlich. Im schulischen Bereich macht sich auch der demographische Wandel bemerkbar: während die Ausgaben zwischen 2008 und 2013 um 3% stiegen, ging gleichzeitig die Schülerzahl zurück. Im Ergebnis stiegen die Ausgaben pro Schüler um 12% (OECD Mittel +8%) (Tab. B1.5a).

Kein Schulsystem kann besser als seine Lehrer sein, und Deutschland investiert viel in eine wettbewerbsfähige Bezahlung der Lehrer, insbesondere in der Sekundarstufe. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist die Bezahlung erfahrener Lehrer durchaus vergleichbar mit der Bezahlung anderer qualifizierter Berufe mit ähnlichen Bildungsabschlüssen (Tab. D3.2a).

Wer einmal Lehrer ist, bleibt in Deutschland auch Lehrer, nach Italien hat Deutschland die älteste Lehrerschaft, etwa die Hälfte im Grund und Sekundarbereich I ist heute über 50 Jahre alt (Tab. D5.1).

Allerdings wird die Attraktivität des Lehrerberufs immer nur zum Teil durch die Bezahlung bestimmt. Viele hoch qualifizierte und motivierte Menschen suchen vor allem ein Arbeitsumfeld, das Perspektiven für Entwicklung bietet, und sich durch gute Karriereaussichten, Differenzierung im Aufgabenbereich und gute Unterstützungssysteme auszeichnet, so dass Lehrer am Ende nicht als Einzelkämpfer im Klassenzimmer dastehen. Was sich im internationalen Vergleich besonders bewährt hat, sind intensives und durchgängiges Mentoring für neu beginnende Lehrkräfte; die kontinuierliche fachdidaktische und fachwissenschaftliche Weiterbildung der Lehrkräfte; regelmäßige Kontakte und ein regelmäßiger Austausch mit Experten; ausreichend Zeit für die individuelle Förderung der Schülerinnen über den Klassenunterricht hinaus; Strukturen, die eine professionelle Zusammenarbeit der Lehrkräfte befördern; sowie die Etablierung einer regelmäßigen Feedbackkultur, die Lehrkräfte in ihrer pädagogischen, professionellen und persönlichen Entwicklung unterstützt. In all diesen Bereichen hat Deutschland noch viel Nachholbedarf.

Es ist sehr schwer, derartige komplexe Faktoren international zu vergleichen. Bildung auf einen Blick gibt aber ein paar interessante Anhaltspunkte.

Zunächst ist die Gehaltsstruktur in Deutschland vergleichsweise flach, d.h. weder Qualifikation noch Leistung haben wesentlichen Einfluss auf das Gehalt, in erster Linie bekommt man in Deutschland mehr Geld, wenn man älter wird (Tab. D3.3a).

Zweitens hat Deutschland, wie viele andere Länder auch, zwischen 2005 und 2014 in kleinere Klassen investiert (Tab. D2.1). Viele der im PISA-Vergleich erfolgreichsten Bildungssysteme räumen dagegen der Unterrichtsqualität und den Arbeitsbedingungen höhere Priorität ein, d.h. wann immer sie sich zwischen besseren Lehrern oder kleineren Klassen entscheiden müssen, setzen sie auf die Lehrer.

Kleinere Klassen werden immer gerne gesehen, müssen aber finanziert werden. Dazu tragen in Deutschland überdurchschnittliche Stundendeputate bei. So unterrichtet ein deutscher Lehrer im Sekundarbereich II 714 Stunden im Jahr, ein Japanischer dagegen nur 513 Stunden (Tab. D4.2). D.h. Lehrer in Deutschland haben weniger Zeit für andere wichtige Aufgaben. Singapur investiert in jeden Lehrer etwa 100 Stunden im Jahr für die berufliche Weiterentwicklung, Lehrer in Japan bereiten ihren Unterricht gemeinsam vor und nach, und besuchen den Unterricht ihrer Kollegen regelmäßig.

Dies führt mich zu meinem letzten Punkt Integration und Chancengerechtigkeit. Über die Vorteile höherer Bildungsabschlüsse hatte ich ja bereits Eingangs berichtet. Ebenso wichtig ist aber die Absicherung der Grundqualifikationen – durch das duale System eine der traditionellen Stärken Deutschlands. Doch auch in Deutschland bleibt ein erheblicher Teil junger Menschen ohne qualifizierten Abschluss. So hat sich der Anteil der Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Abitur, in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert - er liegt bei den heute 25 bis 34-jährigen bei 13 Prozent – nahezu der gleiche Wert wie bei den 55 bis 64-jährigen (Tab. A1.3). In vielen anderen Ländern konnte dagegen der Anteil der Geringqualifizierten in den vergangen 30 Jahren deutlich verringert werden. In Österreich von 23% auf 10%, in der Schweiz von 16% auf 8% und in Korea gar von 43% auf 2%.

Diese geringe Dynamik bei der Absicherung grundlegender Qualifikationen ist auch deshalb unbefriedigend, weil der Bildungsaufstieg aus bildungsfernen Milieus nur schwer gelingt. So erreicht nur einer von zehn 25 bis 44-Jährigen aus bildungsfernem Mileu (beide Elternteile haben keinen Sekundar-II Abschluss) einen Tertiärabschluss. Nur in sechs Staaten ist die Mobilität geringer.

Die Schule legt die entscheidende Grundlage für Chancengerechtigkeit. In Deutschland können wir von den leistungsstärksten Bildungssystemen lernen, wie sie das Potenzial aller Schüler mobilisieren und erkennen, dass gewöhnliche Schüler außergewöhnliche Fähigkeiten haben aber unterschiedlich lernen, und darauf mit stärker individualisierten Unterrichtskonzepten eingehen.

Auch auf die Zeit vor der Schule kommt es an. In Deutschland halbiert sich das Risiko im Alter von 15 Jahren bei PISA zur Risikogruppe zu zählen, wenn Kinder für mehr als ein Jahr an frühkindlichen Bildungsangeboten teilnahmen (Abb. C2.2). Der Vorteil ist für Kinder mit Migrationshintergrund sogar noch deutlich größer. Deswegen ist es bedauerlich dass in Deutschland diejenigen, die am meisten von guter vorschulischer Bildung profitieren könnten, davon immer noch am wenigsten bekommen (Abb. A2.a).

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