Rund um den Globus intensivieren Regierungen derzeit ihre Bemühungen, Kinder vor den Risiken sozialer Medien zu schützen. Seit 2023 haben mehrere US-Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die ein Mindestalter für die Erstellung eines eigenen Kontos vorsehen, „süchtig machende Feeds“ verbieten oder die Zeit begrenzen, die Kinder in sozialen Medien verbringen dürfen. Mit der Festlegung des Mindestalters für die Nutzung sozialer Medien auf 16 Jahre hat Australien Ende 2024 einen nationalen Präzedenzfall geschaffen. Ähnliche Vorschläge werden nun in Irland, Neuseeland, Singapur und Spanien geprüft. Frankreichs Präsident Macron hat dagegen vor Kurzem die Möglichkeit eines Referendums zu diesem Thema in Erwägung gezogen.
Warum Regierungen auf neue Altersbeschränkungen für soziale Medien drängen
Soziale Medien können Kindern zwar die Möglichkeit bieten, neue Kontakte zu knüpfen und ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen, aber auch ernst zu nehmende Risiken bergen. Sexualstraftäter*innen nutzen diese Plattformen häufig zur Kontaktaufnahme mit Kindern. In einer aktuellen OECD-Studie wurden 50 Dienste identifiziert, die häufig missbraucht werden, um die sexuelle Ausbeutung und den sexuellen Missbrauch von Kindern zu erleichtern, darunter auch mehrere etablierte Social-Media-Plattformen.
Die sozialen Medien bergen für Kinder jedoch noch andere Risiken. Aus Analysen der OECD geht beispielsweise hervor, dass vor allem Mädchen ein problematisches Verhalten bei der Nutzung sozialer Medien zeigen – welches durch Präokkupation, Realitätsflucht und Konflikt gekennzeichnet ist.
Die Dynamik der gesetzgeberischen Maßnahmen spiegelt auch die wachsende Erkenntnis wider, dass viele Plattformen konzipiert wurden, ohne die Sicherheit oder das Wohlergehen von Kindern zu berücksichtigen, und ihre eigenen Anforderungen an das Mindestalter nicht effektiv durchsetzen konnten.
Der Rechtsrahmen für Alterskontrollen ist fragmentiert
Seit Langem basieren die Altersbeschränkungen vieler Plattformen auf Gesetzen über den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre; am häufigsten ist eine Altersgrenze von 13 Jahren. Eine OECD-Studie, die den Rechtsrahmen für Alterskontrollen in den einzelnen Mitgliedsländern untersucht, zeigt jedoch, dass die Altersbeschränkungen nicht nur von Land zu Land variieren, sondern sich auch in den einzelnen Rechtsgebieten – wie Datenschutz, Sicherheit und Verbraucherschutz – unterscheiden. Bei globalen Plattformen stiftet dieser Flickenteppich an Standards Verwirrung und resultiert in uneinheitlichem Kinderschutz.
Zu dieser regulatorischen Fragmentierung kommt noch hinzu, dass viele Plattformen, wie eine Vergleichsstudie zu 50 bei Kindern beliebten Diensten feststellt, zwar ein Mindestalter festlegen, die Regelungen jedoch häufig vage und rechtlich komplex sind oder über die elterliche Kontrolle außer Kraft gesetzt werden können. Formulierungen wie „Mindestalter, ab dem eine Person den Dienst in ihrem Land nutzen darf“ oder „gesetzliches Mindestalter für den Abschluss eines verbindlichen Vertrags“ können Nutzerinnen und Nutzer verwirren oder der Transparenz abträglich sein.
Außerdem schieben die Plattformen die Verantwortung für die Festlegung altersgerechter Sicherheitsvorkehrungen häufig auf die Eltern ab. Kontrollen in Bezug auf Kontakte, Datennutzung oder Inhalte wie Werbung sind häufig nicht standardmäßig aktiviert und lassen sich u. U. schwer steuern und leicht ausschalten.
Die Durchsetzung von Altersgrenzen für soziale Medien stellt nach wie vor eine Herausforderung dar
Trotz der üblichen Altersgrenze von 13 Jahren bleibt die Social-Media-Nutzung unter jüngeren Kindern weit verbreitet: 2023 nutzten nahezu 40 % aller 8- bis 12-jährigen Kinder in den Vereinigten Staaten soziale Medien und 63 % der 8- bis 11-Jährigen im Vereinigten Königreich. Eine kanadische Studie kam zu dem Ergebnis, dass 86 % der Kinder unter 13 Jahren auf mindestens einer Plattform, die sie aufgrund ihres Alters noch nicht verwenden dürfen, ein Konto haben.
Die Nichtüberprüfung des tatsächlichen Alters hat ernst zu nehmende Folgen. Kinder können Konten mit einem gefälschten Geburtsdatum erstellen, was den nach Alter differenzierten Schutzmaßnahmen zuwiderläuft. Beispielsweise könnte ein Kind, das sich mit 8 Jahren als 13-Jährige*r anmeldet, mit 13 Jahren als 18-Jährige*r behandelt werden und Zugang zu potenziell gefährlichen Funktionen wie Direktnachrichten oder Livestreaming erhalten. Eine 2022 im Vereinigten Königreich durchgeführte Studie stellte fest, dass rund ein Drittel der Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren auf mindestens einer Social-Media-Plattform ein Nutzerprofil eines Erwachsenen (18 Jahre oder älter) hat und dass 23 % dieser Kinder zwischen 8 und 12 Jahre alt sind.
Auf dem Alter basierende Schutzmaßnahmen funktionieren zudem nur, wenn der Dienst das tatsächliche Alter des Nutzers bzw. der Nutzerin kennt. Bei der Kontoerstellung führen allerdings nur zwei der 50 Dienste, die in der OECD-Vergleichsstudie untersucht wurden, routinemäßig Alterskontrollen durch. Die meisten verlassen sich immer noch auf Selbstangaben oder kontrollieren das Alter nur in bestimmten Fällen – beispielsweise wenn verdächtige Aktivitäten festgestellt werden oder für den Zugriff auf bestimmte Funktionen. Einige Plattformen führen überhaupt keine Alterskontrollen durch.
Zusammenarbeit ist unerlässlich, um Alterskontrollen zu verstärken
Regierungen ziehen zunehmend gesetzliche Regelungen in Betracht, um das Mindestalter für den Zugang zu sozialen Medien festzulegen. Dahinter steht die Sorge, dass datenschutzbasierte Altersgrenzen allein nicht ausreichen, um sicherzustellen, dass ein Dienst sicher und altersgerecht ist.
Zwar gibt es keine Patentlösung, es besteht jedoch eindeutig Bedarf an einem konsequenteren und kohärenteren Ansatz, der sowohl die Sicherheit als auch die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern berücksichtigt. Je mehr die Länder eigene Maßnahmen ergreifen, desto größer wird das Risiko fragmentierter Standards – wodurch sich die Komplexität für die Plattformen erhöht und ein unterschiedliches Maß an Kinderschutz entsteht. Neue Altersbeschränkungen müssen auf soliden, evidenzbasierten Risiko- und Nutzenbewertungen beruhen.
Die Umsetzung effektiver Alterskontrollen ist ebenso dringend wie komplex. Dazu bedarf es technischer Innovationen, klarer Vorschriften und einer engen Zusammenarbeit zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor. Technische Lösungen schreiten zwar schnell voran, es bestehen jedoch nach wie vor Bedenken in Bezug auf die Frage, ob die Plattformen in der Lage sind, zuverlässig und in großem Maßstab Alterskontrollen durchzuführen. Die Regierungen wiederum müssen klare, koordinierte Rahmenbedingungen schaffen, die die Rechte und die Sicherheit von Kindern schützen, und dabei für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den sich überschneidenden regulatorischen Auflagen sorgen – wie denen zur Online-Sicherheit und zum Datenschutz.
Um alle betroffenen Akteure zu unterstützen, plant die OECD Forschungsarbeiten zu Technologien für Alterskontrollen und zur Altersgerechtigkeit der von Kindern genutzten digitalen Dienste. Ferner wird die OECD Politikverantwortliche und interessierte Kreise zusammenbringen, um einen konsistenteren, evidenzbasierten Ansatz zu fördern – einen Ansatz, bei dem die Sicherheit und die Achtung der Kinderrechte im Vordergrund stehen und der ihren Lebensrealitäten in der digitalen Welt Rechnung trägt.