Psychische Erkrankungen stellen in den OECD- und EU-Ländern eine große Belastung dar. Ein Fünftel der Erwachsenen ist von leichten bis mittelschweren depressiven Symptomen betroffen. Dieses Kapitel fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Publikation zusammen und verdeutlicht die Auswirkungen, die sich aus neuen OECD-Analysen der gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen psychischer Erkrankungen für die Politik ergeben. Es skizziert die jüngsten Trends, veranschaulicht die wirtschaftlichen Argumente für höhere Investitionen in das psychische Wohlbefinden und analysiert sechs prioritäre Maßnahmen in Bezug auf ihre erwartete Wirksamkeit, ihren Einfluss auf die Gesundheitsausgaben sowie ihre Kosteneffizienz.
Wirtschaftliche Argumente für die Prävention psychischer Erkrankungen (Auszugsweise Übersetzung)
1. Informationen zusammenführen: Erkenntnisse zu den wirtschaftlichen Argumenten für die Prävention psychischer Erkrankungen
Copy link to 1. Informationen zusammenführen: Erkenntnisse zu den wirtschaftlichen Argumenten für die Prävention psychischer ErkrankungenAbstract
Zentrale Erkenntnisse
Copy link to Zentrale ErkenntnisseEin beträchtlicher Teil der Bevölkerung leidet unter psychischen Erkrankungen. Modellierten Daten zufolge waren 2023 etwas mehr als ein Fünftel der Bevölkerung im OECD- und EU-Raum von einer psychischen Störung betroffen. Diese Zahl ist wahrscheinlich zu niedrig angesetzt, da leichtere Erkrankungen häufig undiagnostiziert bleiben oder nicht gemeldet werden. Unter den diagnostizierten Fällen stehen Angststörungen an erster Stelle (etwa 40 %), gefolgt von depressiven Störungen (etwa 20 %), Substanzgebrauchsstörungen (17 %) und anderen psychischen Erkrankungen (24 %).
Die Prävalenz psychischer Störungen ist hoch und hat in bestimmten Bevölkerungsgruppen, wie Kindern und jungen Menschen, zugenommen. Im OECD-Raum ist die Rate psychischer Störungen in den vergangenen zwanzig Jahren um nahezu 21 % gestiegen. Nach der Coronapandemie beschleunigte sich der Anstieg deutlich, was sowohl auf eine höhere Inzidenz als auch auf verbesserte Meldemethoden zurückzuführen sein dürfte. Zu den besonders betroffenen Bevölkerungsgruppen zählen Personen im Alter von 15 bis 24 Jahren, Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status und Frauen, die häufiger angeben, unter Depressionen und Angstzuständen zu leiden. Männer dagegen sind eher von Alkohol- und Substanzkonsumstörungen betroffen.
Zurückzuführen ist dieser Anstieg insbesondere bei jungen Menschen auf eine Vielzahl gesellschaftlicher und ökologischer Faktoren. Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass Faktoren, wie die Einschränkungen in der Frühphase der Pandemie, die Angst vor dem Klimawandel (von der 84 % der jungen Menschen weltweit betroffen sind), Kriege, geopolitische Instabilität und Wirtschaftskrisen zur Verschlechterung der psychischen Gesundheit beitragen. Außerdem gibt die problematische Nutzung sozialer Medien gerade in den jüngeren Bevölkerungsgruppen zunehmend Anlass zu Besorgnis.
Der Zugang zu psychischen Gesundheitsdiensten stellt nach wie vor eine große Herausforderung dar. Trotz des wachsenden Bedarfs haben schätzungsweise nahezu zwei Drittel der Menschen in der EU, die psychische Gesundheitsversorgung benötigen, keinen angemessenen Zugang dazu. Dies steht in krassem Gegensatz zu den 3,8 % der Personen, die eigenen Angaben zufolge einen unzureichenden Zugang zu allgemeinmedizinischen Untersuchungen und Behandlungen haben, und zeigt, dass im Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung eine kritische Lücke besteht.
All diese Faktoren wirken sich negativ auf die psychische Gesundheit aus und stellen sowohl für die Betroffenen als auch für die Volkswirtschaft insgesamt eine große Belastung dar. Aus den Mikrosimulationen der OECD geht beispielsweise hervor, dass allein in den 27 EU-Ländern depressive Episoden, generalisierte Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen über einen Zeithorizont von 25 Jahren (2025–2050) Folgendes nach sich ziehen werden:
einen Rückgang der gesunden Lebenserwartung um 2,5 Jahre und eine Verringerung der allgemeinen Lebenserwartung um 3 Monate, was rd. 28 000 vorzeitigen Todesfällen jährlich entspricht
zusätzliche Gesundheitskosten in Höhe von rd. 76 Mrd. EUR pro Jahr bzw. 6 % des gesamten Gesundheitsbudgets, was in etwa dem jährlichen Gesundheitsbudget Belgiens entspricht – wobei etwa ein Viertel dieser Kosten dadurch bedingt sind, dass psychische Störungen andere Erkrankungen verschärfen
einen durchschnittlichen jährlichen BIP-Rückgang um rd. 1,7 %, der in erster Linie einer geringeren Erwerbsbeteiligung und Produktivität zuzuschreiben ist
Angesichts der bedeutenden Auswirkungen psychischer Erkrankungen verstärken die Länder die Gegenmaßnahmen. Eine 2023 in 43 OECD- und EU-Ländern durchgeführte Umfrage der OECD und des WHO-Regionalbüros für Europa ergab, dass 41 Länder über eine nationale psychische Gesundheitspolitik und 38 Länder zudem über eine Umsetzungsstrategie oder einen Aktionsplan verfügten. Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit in der Primärversorgung in Schulen und am Arbeitsplatz, die im Fokus dieser Publikation stehen, waren relativ weit verbreitet: In 35 der 42 Teilnehmerländer waren entsprechende Maßnahmen in Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung, in 35 von 39 Ländern in Schulen und in 27 von 31 Ländern am Arbeitsplatz eingeführt worden.
In allen drei Settings werden evidenzbasierte Maßnahmen zur Behandlung von Depressionen und Angstzuständen angeboten. Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die den Betroffenen hilft, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern, wird sowohl in der Prävention als auch in der Behandlung häufig eingesetzt. Andere effektive Maßnahmen sind Programme zur Förderung der psychischen Gesundheitskompetenz, psychologische Interventionen, achtsamkeitsbasierte Techniken (wie Meditation) und pharmazeutische Behandlungen, die in der Regel nur in klinischen Settings vorgenommen werden.
Ausgehend von diesen Erkenntnissen wurden im OECD-Mikrosimulationsmodell die Auswirkungen von sechs skalierbaren Maßnahmen evaluiert. In Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung umfassen diese ein webbasiertes Programm für Erwachsene mit leichter bis mittelschwerer Depression oder Angstzuständen, eine Gruppenpsychotherapie mit ausgebildeten Pflegekräften für Erwachsene mit Depression sowie eine Kombination aus Psychotherapie und Medikation bei Personen mit schweren Depressionen, die auf eine Behandlung allein nicht ansprechen. Bei den Interventionen am Arbeitsplatz handelt es sich u. a. um ein Online-Programm für Beschäftigte mit leichten bis mittelschweren Symptomen und ein universelles KVT-Programm. In Schulen kommen resilienzorientierte KVT-Programme zum Einsatz.
Wenn diese Maßnahmen 2025 umgesetzt und bis 2050 fortgeführt werden, tragen sie Schätzungen zufolge zur Verbesserung der Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerung wie auch zur Senkung der Gesundheitsausgaben und zur Steigerung der Produktivität der Erwerbsbevölkerung bei und stützen so das Wirtschaftswachstum. Die Interventionen in Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung sind in der Regel am effektivsten, gefolgt von schulbasierten Programmen. Persönliche Konsultationen sind im Allgemeinen effizienter als Online-Formate.
Die meisten dieser Interventionen bieten ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis: Bis zu einem Schwellenwert von 50 000 EUR je behinderungsbereinigtem Lebensjahr sind sie kosteneffizient und in einigen Fällen sogar kostensparend. Die Hauptausnahme bildet die kognitive Verhaltenstherapie am Arbeitsplatz, die in etwa zwei Dritteln der Länder nicht kosteneffizient ist und die einzige schwerpunktmäßig auf Erwachsene ausgerichtete Maßnahme darstellt, bei der die Umsetzungskosten höher sind als die dank gestiegener Arbeitsproduktivität zu erwartenden BIP-Zuwächse.
Dass sich diese Interventionen positiv auf die Gesundheit sowie soziale und wirtschaftliche Faktoren auswirken können, ist eine gute Nachricht. Trotz ihrer Vorteile bleibt der Gesamteffekt der Interventionen im Verhältnis zur Gesamtbelastung durch psychische Erkrankungen jedoch gering. So würde z. B. die effektivste Intervention (eine Kombination aus Psychotherapie und Pharmakotherapie in Primärversorgungseinrichtungen) die Kosten der psychischen Gesundheit um nur 4 % reduzieren, unter der Annahme, dass 10 % der Allgemeinärzt*innen) diese durchführen.
Um eine größere Wirkung zu erzielen und einen schlechten psychischen Gesundheitszustand zu bekämpfen, müssen die Gesundheitssysteme folglich über die Umsetzung der in der Analyse identifizierten Maßnahmen hinausgehen. Die Bemühungen sollten sich auf drei Schlüsselbereiche konzentrieren:
Erstens sollten Design und Umsetzung der Maßnahmen durch eine Fokussierung auf beste Praktiken verbessert werden. So würde insbesondere der Zugang zu psychischen Gesundheitsleistungen durch ergänzende Maßnahmen wie Kommunikationskampagnen und Peer-basierte Programme, die psychische Erkrankungen entstigmatisieren, wirkungsvoll verbessert.
Zweitens sollten ehrgeizigere Zielvorgaben festgelegt werden, als sie derzeit für die Modellierung der Wirkungen von Interventionen zugrunde gelegt werden. Ein breiterer Zugang zu einer effektiven psychischen Gesundheitsversorgung könnte bei gleicher oder besserer Kostenwirksamkeit größere Vorteile bringen. Allerdings würde eine derartige Expansion im Vorfeld eine sorgfältige Planung und erhebliche Investitionen voraussetzen. Um alle Personen mit psychischen Störungen behandeln zu können, müssten die Ausgaben beispielsweise um 41 % erhöht werden und die Zahl der Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit steigen.
Drittens müssen die tieferen und anhaltenden Ursachen psychischer Erkrankungen angegangen werden. Die Anstrengungen der öffentlichen Gesundheitssysteme sollten durch Maßnahmen ergänzt werden, die die eigentlichen Ursachen psychischer Erkrankungen, wie wirtschaftliche Unsicherheit und Arbeitslosigkeit, angehen. Belege zeigen beispielsweise, dass Länder mit großzügigeren sozialen Sicherungssystemen in der Regel im Bereich der psychischen Gesundheit bessere Ergebnisse erzielen.
Das Ausmaß psychischer Erkrankungen gibt Anlass zu ernster Besorgnis
Copy link to Das Ausmaß psychischer Erkrankungen gibt Anlass zu ernster BesorgnisModellierte Daten zeigen, dass 2023 schätzungsweise etwas mehr als ein Fünftel der Bevölkerung im OECD-Raum von psychischen Störungen betroffen war. Damit war der Anteil der Betroffenen in etwa genauso hoch wie in den 27 EU-Ländern (Abbildung 1.1). Die am stärksten verbreiteten Erkrankungen sind Angststörungen (rd. 39 % aller Fälle) und depressive Störungen (rd. 20 % aller Fälle). Darauf folgen Störungen des Substanzgebrauchs (17 % aller Fälle) – wozu auch Störungen des Alkoholkonsums gehören – sowie eine heterogene Gruppe anderer Störungen (insgesamt 24 % aller Fälle) (Kasten 1.1). Diese Schätzungen werden generell als konservativ erachtet, was z. T. darauf zurückzuführen ist, dass aufgrund der Stigmatisierung und der Einschränkungen in den Gesundheitssystemen eine Untererfassung der Daten vorliegt. So kann es tatsächlich sein, dass viele Personen mit leichten bis mittelschweren Erkrankungen nicht diagnostiziert werden, weil sie den formalen klinischen Kriterien nicht entsprechen (Annunziata, Krupsky und Lee, 2023[1]). Bei der geschätzten Prävalenz dieser psychischen Störungen sind in den OECD- und EU-Ländern gewisse Unterschiede festzustellen, wobei die Prozentsätze in Japan (14,3 %), Bulgarien (16,4 %) und Rumänien (16,6 %) am niedrigsten und im Vereinigten Königreich (27,8 %) und in den Niederlanden (27,1 %) am höchsten sind. Beim Vergleich der Unterschiede zwischen den Ländern ist allerdings zu berücksichtigen, dass diese nicht nur die tatsächlichen Differenzen bei der zugrunde liegenden Prävalenz widerspiegeln. Sie können auch durch andere Faktoren bedingt sein, wie Besonderheiten in der Meldepraxis aufgrund unterschiedlicher Stigmatisierung und methodischer Unterschiede.
Abbildung 1.1. Schätzungen der Prävalenz psychischer Störungen in EU- und OECD-Ländern, 2023
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Anmerkung: Die Prävalenzdaten sind kumulativ dargestellt, was die Prävalenz psychischer Störungen insgesamt überzeichnen kann, da Personen mit multiplen Erkrankungen u. U. mehr als einmal gezählt werden. Umgekehrt kann eine Untererfassung – z. B. aufgrund von Stigmatisierung und Einschränkungen im Gesundheitssystem – dazu führen, dass die Prävalenz von Einzelerkrankungen unterschätzt wird. Die Datenmodellierung beruht auf einer Reihe länderspezifischer Quellen, was den Grad der länderübergreifenden Vergleichbarkeit einschränken kann.
Quelle: IHME (o. J.[2]), „GBD Compare Data Visualization“, https://vizhub.healthdata.org/gbd-compare.
Kasten 1.1. Häufige psychische Störungen und ihre Auswirkungen besser verstehen
Copy link to Kasten 1.1. Häufige psychische Störungen und ihre Auswirkungen besser verstehenPsychische Störungen sind eine heterogene Gruppe von Krankheiten, die durch eine klinisch signifikante Störung der Kognition, der emotionalen Regulation oder des Verhaltens einer Person gekennzeichnet sind und typischerweise mit Beeinträchtigungen in wichtigen Funktionsbereichen einhergehen (WHO, 2022[3]). Psychische Störungen können punktuell oder langfristig sein (d. h. chronisch) und die Fähigkeit einer Person beeinträchtigen, mit anderen in Kontakt zu stehen und den Alltag zu bewältigen.
Diese Publikation befasst sich nur mit den häufigsten psychischen Störungen, die zusammengenommen etwa drei Viertel aller psychischen Erkrankungen im OECD-Raum ausmachen:
Depressive Störungen sind durch eine depressive Verstimmung, wie ein Gefühl von Traurigkeit, Reizbarkeit oder Leere, oder durch einen Verlust der Freude an normalerweise angenehmen Aktivitäten gekennzeichnet (WHO, o. J.[4]; APA, 2013[5]). Depressive Episoden sind die häufigste Unterart depressiver Störungen (Li et al., 2023[6]). Sie sind durch eine episodische depressive, gedrückte Stimmung gekennzeichnet, die das Erleben einer oder mehrerer depressiver Episoden beinhaltet. Die Symptome sind entweder depressive/gedrückte Stimmung oder Interessenverlust, Verlust an Genussfähigkeit für den Großteil des Tages über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen. Depressive Episoden unterscheiden sich je nach Schweregrad, der von leicht über mittelgradig bis schwer reicht.
Angststörungen sind durch übertriebene Angst, Angstzustände und damit verbundene Verhaltensweisen gekennzeichnet. Dieses Krankheitsspektrum umfasst Trennungsangststörungen, selektiven Mutismus, spezifische Phobien, soziale Angststörungen, Panikstörungen, Agoraphobie und generalisierte Angststörungen (APA, 2013[5]). Zu den häufigsten Störungen gehören generalisierte Angststörungen. Diese sind durch anhaltende und übertriebene Befürchtungen gekennzeichnet, die zahlreiche Lebensbereiche betreffen und mindestens über einen Zeitraum von sechs Monaten andauern. Sie führen bei einer Person zu erheblichem Leid und/oder schränken ihre Funktionsfähigkeit deutlich ein (Spitzer et al., 2006[7]; Mortazavi et al., 2014[8]).
Substanzgebrauchsstörungen sind durch ein Cluster kognitiver, verhaltensbezogener und physiologischer Symptome gekennzeichnet. Zu diesen Symptomen gehört, dass Personen die Substanz trotz negativer Folgen weiterhin konsumieren (APA, 2013[5]). Alkoholkonsumstörungen sind eine Form der Substanzkonsumstörung, die gekennzeichnet ist durch die Unfähigkeit, den Alkoholkonsum zu kontrollieren, ein zwanghaftes Trinkverhalten und einen negativen emotionalen Zustand in den Perioden der Abstinenz. Drogenkonsumstörungen sind ebenfalls eine Form der Substanzkonsumstörung. Unter diesen Oberbegriff fallen zehn verschiedene Kategorien von Drogen – darunter beispielsweise Cannabis, Halluzinogene und Opioide.
Andere weniger verbreitete Störungen umfassen u. a. schwere Gesundheitsstörungen, wie Schizophrenie und bipolare Störungen sowie Essstörungen und geistige Behinderungen. Des Weiteren gehören zu den psychischen Erkrankungen auch neurologische Entwicklungsstörungen wie Autismus-Spektrum-Störungen und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen.
Forschungsarbeiten zeigen, dass psychische Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben (ten Have et al., 2023[9]; Richter et al., 2019[10]). In einigen Ländern ist die Prävalenz psychischer Störungen zwischen 2006 und 2019 gestiegen. Während der Coronapandemie, als die Prävalenz von Angstzuständen und Depressionen ihren Höhepunkt erreichte, war der Anstieg in den meisten, wenn nicht sogar in allen Ländern, sogar noch ausgeprägter. Modellierten Daten zufolge stieg beispielsweise die durchschnittliche Prävalenz psychischer Störungen in den EU-Ländern zwischen 1990 und 2023 von 17,0 % auf 20,6 %, d. h. um 21,1 %. Junge Menschen (OECD, 2026[11]), erwachsene Frauen und ältere Erwachsene (Eurofound, 2025[12]) gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die den stärksten Anstieg verzeichneten. Die Daten aus Nicht-EU-Ländern zeichnen ein ähnliches Bild, wobei die Erhebung qualitativ hochwertiger Daten anhand von Standardmessgrößen allerdings nach wie vor eine Herausforderung darstellt. Neuere Daten aus dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten lassen auf einen allgemeinen Aufwärtstrend schließen, der während der Coronapandemie einen Höhepunkt erreichte. Seither hat sich die Situation etwas verbessert, die Zahlen sind aber immer noch höher als vor der Pandemie (NHS, o. J.[13]; Saad, 2025[14]). Es wird allgemein angenommen, dass verschiedene Schocks und Faktoren – wie die Auswirkungen der Coronapandemie, der Klimawandel, Kriege, Konflikte, politische Unruhen und wirtschaftliche Stressoren – sich in den letzten Jahren negativ auf die psychische Gesundheit ausgewirkt haben. Es gibt aber auch Untersuchungen, die zu dem Schluss kommen, dass der psychische Gesundheitszustand in diesem Zeitraum konstant geblieben sein könnte und dass der Anstieg der Prävalenz vielmehr auf demografische Veränderungen und die verstärkte Erfassung psychischer Erkrankungen zurückzuführen ist. Grund dafür sind ein besserer Wissensstand über psychische Erkrankungen, eine geringere Stigmatisierung und andere Faktoren, die zu genaueren Diagnosen und Angaben geführt haben – insbesondere bei leichten und mittelschweren Fällen (Richter et al., 2019[10]; Baxter et al., 2014[15]).
Frauen, junge Menschen und Personen mit niedrigerem sozioökonomischem Status sind einem erhöhten Risiko psychischer Störungen ausgesetzt
Zahlreiche Belege zeigen, dass das Risiko, psychische Störungen zu entwickeln, bei den Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist und dass bestimmte Bevölkerungsgruppen einem höheren Risiko ausgesetzt sind. Im Einklang mit den Ergebnissen früherer Studien zeigen die Erkenntnisse der OECD-Analyse von Daten des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) folgende Ungleichheitsmuster auf:
Frauen weisen höhere Raten von Depressionen und Angstzuständen auf als Männer, wohingegen bei Männern die Raten von Alkohol- und Substanzkonsumstörungen höher sind (Vargas Lopes und Llena-Nozal, 2025[16]). Diesen geschlechtsspezifischen Unterschieden liegen komplexe Faktoren zugrunde. Dazu gehören sowohl biologische Faktoren, wie Genetik und hormonelle Veränderungen, als auch soziale Faktoren, wie höhere Raten sexueller und häuslicher Gewalt sowie gesellschaftliche Normen (Farhane-Medina et al., 2022[17]). Hinzu kommt, dass bei bestimmten Befragungstechniken und Selbstaussagen depressive Symptome von Männern möglicherweise unzureichend erkannt werden. Zudem suchen Frauen eher Hilfe und berichten häufiger über ihre Symptome, was zu den beobachteten Disparitäten im psychischen Gesundheitszustand beiträgt (Addis, 2008[18]; Kuehner, 2003[19]).
Mehr als ein Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen (im Alter von 15 bis 24 Jahren) leiden an einer psychischen Störung. Die Prävalenz nimmt nach diesem Alter kontinuierlich ab, mit Ausnahme eines leichten Anstiegs in der Altersgruppe ab 95 Jahren – insbesondere bei Männern. Psychische Störungen, die vor dem Alter von 24 Jahren entstehen und unbehandelt bleiben, dauern mit größerer Wahrscheinlichkeit bis ins Erwachsenenalter an und haben lebenslange Folgen. Eine Anhäufung von Widrigkeiten im Lauf des Lebens erhöht das Risiko psychischer Erkrankungen. Die Akkumulation multipler unerwünschter Ereignisse hat einen additiven und interaktiven Effekt, der das Risiko für den Beginn einer psychischen Störung erhöht.
Neuere OECD-Analysen von Daten aus dem European Health Interview Survey bestätigen Ergebnisse früherer Studien, wonach Einkommens- und Bildungsniveau konsistente Prädiktoren für psychische Erkrankungen sind (Eurostat, 2019[20]; Eurostat, 2019[21]). Die Disparitäten beim sozioökonomischen Status sind unter Männern stärker ausgeprägt: Bei Männern im untersten Einkommensquintil ist die Wahrscheinlichkeit depressiver Symptome 5,3-mal höher als bei den Männern im obersten Quintil (verglichen mit einer 3,7-mal größeren Wahrscheinlichkeit bei Frauen). Die Disparitäten nach Bildungsniveau sind geringer und bei Frauen signifikanter. Frauen im untersten Bildungsquintil berichten mit 3,3-mal höherer Wahrscheinlichkeit von depressiven Symptomen als Frauen im obersten Quintil (verglichen mit einer 2,3-mal höheren Wahrscheinlichkeit bei Männern).
Für die hohe Belastung durch psychische Erkrankungen dürften mehrere Faktoren ursächlich sein
In einer für diese Publikation erstellten Literaturübersicht wurden mehrere soziale, wirtschaftliche, ökologische und mit dem Lebensstil verbundene Faktoren ermittelt, die zu den beobachteten Trends beitrugen. In einigen Fällen – z. B. bei Konflikten und Ereignissen der jüngsten Zeit – stammen die Informationen aus Ad-hoc-Studien, auch wenn dies in den verfügbaren Statistiken auf Populationsebene noch nicht in vollem Umfang zum Ausdruck kommt, da diese den jüngsten Zeitraum nicht abdecken. Insgesamt deutet die Evidenz auf eine Verschlechterung der Situation hin, mit einem Höhepunkt während der Coronapandemie. Außerdem wird auf mehrere Faktoren verwiesen, die im weiteren Zeitverlauf wahrscheinlich zu einem anhaltenden Anstieg der Prävalenz psychischer Störungen beitragen werden, wenngleich die Evidenz zu den Langzeittrends der Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Erwachsenen nach wie vor unklar ist.
Die Coronapandemie löste als große Gesundheitskrise Angstzustände und Stress aus. Außerdem hatten die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus einen erheblichen Effekt auf die psychische Gesundheit (OECD, 2023[22]; Holmes et al., 2020[23]). Mobilitätseinschränkungen und andere Maßnahmen hatten Auswirkungen auf das Sozialleben, die wirtschaftliche Sicherheit und die Wohnstabilität, was wiederum die Lebensqualität und die psychische Gesundheit stark beeinträchtigte (OECD, 2021[24]; OECD, 2021[25]). Dies führte nach Ausbruch der Pandemie zu einer Zunahme psychischer Störungen. Bei Redaktionsschluss für diesen Bericht ist es noch zu früh, um Aussagen darüber zu treffen, ob der Stand der psychischen Erkrankungen wieder auf das Vorpandemieniveau zurückgekehrt ist. Verschiedene Analysen bieten unterschiedliche Sichtweisen. Während einige Daten zumindest in Europa auf eine gewisse Erholung zurück zum Vorpandemieniveau hindeuten, lassen andere Forschungsarbeiten – darunter die in Kapitel 2 dargelegten OECD-Analysen – eher auf anhaltende Effekte schließen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen (Ahmed et al., 2023[26]; Kiviruusu et al., 2024[27]; Ma, Yao und Hao, 2022[28]).
Wirtschaftskrisen werden seit Langem mit einer Zunahme psychischer Gesundheitsprobleme in Verbindung gebracht. Neuere Daten deuten darauf hin, dass jüngere makroökonomische Schocks – wie der durch die Coronapandemie ausgelöste Wirtschaftsabschwung und seine Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit (Lordan und Stringer, 2022[29]; Simonse et al., 2022[30]) sowie der Inflationsanstieg in den OECD-Ländern im Jahr 2022, dessen Konsequenzen einkommensschwache Personen treffen (Causa et al., 2022[31]) – insbesondere in sozial schwachen Gruppen zu einem Anstieg der psychischen Erkrankungen beigetragen haben. Eine Metaanalyse von 26 Studien aus Hocheinkommensländern ergab, dass die Rate psychischer Gesundheitsprobleme unter dem Einfluss der wachsenden Einkommensungleichheit in der Bevölkerung um etwa 19 % gestiegen ist, wobei die Auswirkungen bei Frauen und Niedrigeinkommensgruppen stärker ausgeprägt sind (Patel et al., 2018[32]). Die Einkommens- und Vermögensungleichheit hat seit den 1980er Jahren zugenommen; diese Trends dürften zum anhaltenden Anstieg der psychischen Gesundheitsprobleme beitragen (Guschanski und Onaran, 2021[33]; Bourquin, Brewer und Wernham, 2024[34]).
Qualität, Bezahlbarkeit und Stabilität von Wohnraum sind anerkannte wichtige Bestimmungsfaktoren der psychischen Gesundheit: Unangemessener oder unsicherer Wohnraum ist mit erhöhtem Stress, Angstzuständen und depressiven Symptomen verbunden – insbesondere in sozial schwachen Gruppen (The Lancet Public Health, 2025[35]). Neben der eigentlichen Wohnung tragen auch Merkmale der bebauten Umgebung – wie der Zugang zu Grünflächen und sicheren öffentlichen Bereichen – zu weniger Stress und besserer Lebensqualität bei (Xian et al., 2024[36]). Ein höheres Maß an sozialem Zusammenhalt und mehr Möglichkeiten der sozialen Teilhabe verstärken diese Muster weiter, indem sie zum Schutz vor Einsamkeit und Isolation beitragen, die beide mit einem schlechten psychischen Gesundheitszustand assoziiert werden. Solide gesellschaftliche Unterstützung und größere soziale Netzwerke verringern das Risiko von Depressionen und Angstzuständen, während Einsamkeit eine Verschlimmerung der Symptome im Zeitverlauf erwarten lässt (Bogar und Beyer, 2016[37]).
Extremwetterereignisse wie Hochwasser und Hitzewellen sowie andere, künftig zu erwartende Risiken werden mit einer Zunahme psychischer Probleme verbunden, die von erhöhtem Stress bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen reichen. Kinder sind besonders gefährdet: Eine weltweite Erhebung ergab, dass 84 % der jungen Menschen mäßig oder extrem besorgt über den Klimawandel sind, und mehr als 45 % sprechen von negativen Auswirkungen auf ihren Alltag (Hickman et al., 2021[38]). Vulnerable Bevölkerungsgruppen sind zudem einem hohen Risiko von Traumata ausgesetzt, die durch extreme Wetterereignisse und den chronischen Stress im Zusammenhang mit der unsicheren Klimaentwicklung bedingt sind. Verschärft werden diese Probleme beispielsweise noch durch Migrationsbewegungen, die durch den Verlust von bewohnbarem Land ausgelöst werden und zu Trauer, Angstzuständen und Identitätsverlusten führen (Kanthee et al., 2024[39]). Die Auswirkungen extremer Wetterereignisse auf die psychische Gesundheit von Bevölkerungen dürften sich verstärken, wenn sich diese Ereignisse häufen.
Kriege, Konflikte und geopolitische Unruhen stehen in engem Zusammenhang mit einer Zunahme psychischer Erkrankungen wie generalisierte Angststörungen, Depressionen und posttraumatischer Stress. Die jüngsten Konflikte in der Ukraine, im Nahen Osten und darüber hinaus haben diese Probleme noch verschärft, mit Auswirkungen sowohl auf die unmittelbar betroffenen als auch andere Regionen (Charlson, van Ommeren und Flaxman, 2019[40]; Carpiniello, 2023[41]). Studien bestätigen, dass Kriegserfahrungen mit Scarring-Effekten für die psychische Gesundheit verbunden sind und Personen bis zum Ende ihres Lebens prägen – Berufssoldat*innen wie Zivilist*innen. Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet und Kriegserfahrungen erhöhen das Risiko, psychische Störungen zu entwickeln, erheblich (Akbulut‑Yuksel et al., 2024[42]). Die verfügbaren Erkenntnisse lassen zudem darauf schließen, dass Kriegsereignisse Langzeiteffekte generieren und intergenerationelle Traumata auslösen, die die psychische Gesundheit jahrzehntelang beeinträchtigen können. Daher haben Kriege und Konflikte enorme und weitreichende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, die über die Kriegszeit hinaus bis in die nachfolgenden Generationen reichen.
Die problematische Nutzung sozialer Medien gibt angesichts ihrer Auswirkungen auf die psychische Gesundheit – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen – zunehmend Anlass zu Besorgnis. In einer Metaanalyse von 143 Studien wurde eine geringfügige, aber signifikante Korrelation zwischen einer stärkeren Nutzung sozialer Medien und einem erhöhten Niveau an Angstzuständen und Depressionen festgestellt (Fassi et al., 2024[43]). Die Befunde sind jedoch nicht eindeutig – in einigen Längsschnittstudien wurde beispielsweise kein signifikanter Zusammenhang erkannt (Coyne et al., 2020[44]). Gleichzeitig wurden in jüngster Zeit in den Vereinigten Staaten große Plattformen für Schäden im Zusammenhang mit süchtig machenden Inhalten haftbar gemacht, was einen wichtigen Präzedenzfall darstellt (Taylor, 2026[45]). Andere Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass negative Effekte auch auf Faktoren wie Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Online-Belästigung, geringes Selbstwertgefühl und ein schlechtes Körperbild zurückzuführen sein können, Faktoren, die durch die Nutzung sozialer Medien möglicherweise noch verstärkt werden (Viner et al., 2019[46]; Kelly et al., 2019[47]). Positiv zu vermerken ist, dass soziale Medien in manchen Fällen den Gemeinsinn fördern (Ulvi et al., 2022[48]).
Ein suboptimaler Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung trägt zu der hohen Belastung durch psychische Erkrankungen bei
Ein weiteres wichtiges Muster, das zur zunehmenden Belastung durch psychische Erkrankungen beiträgt, ist der suboptimale Zugang zu Gesundheitsleistungen für Bedürftige. Viele Länder haben in den letzten Jahren versucht, den Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung zu verbessern, indem sie den Schwerpunkt von Krankenhäusern auf Gemeinschafts- und andere nicht medizinische Einrichtungen verlagert haben. Trotz dieser Bemühungen gibt jedoch ein erheblicher Anteil psychisch kranker Personen weiterhin an, dass deutliche medizinische Versorgungsdefizite bestehen.
Schätzungen zufolge haben beispielsweise 67,5 % der Personen, die in EU-Ländern psychische Gesundheitsversorgung benötigen, keinen Zugang zu einer Behandlung (Abbildung 1.2). Selbst unter Berücksichtigung potenzieller Vorbehalte in Bezug auf die Vergleichbarkeit der zu Grunde liegenden Messgrößen scheint dieser Anteil dennoch fast 18-mal höher zu sein als das Versorgungsdefizit bei ärztlichen Untersuchungen und Behandlungen in derselben Ländergruppe. Jüngsten Eurostat-Schätzungen auf der Basis von Eigenangaben aus Statistiken der Europäischen Union über Einkommen und Lebensbedingungen (EU‑SILC) für 2024 zufolge meldeten 3,8 % der Personen ab 16 Jahren in der EU einen ungedeckten medizinischen Versorgungs- oder Behandlungsbedarf. Die beiden am häufigsten genannten Gründe waren Wartelisten (37 % der Fälle), gefolgt von hohen Kosten (rd. 26 % der Fälle) (Eurostat, 2025[49]).
Aufgrund der inkonsistenten Datendefinitionen ist das tatsächliche Ausmaß des ungedeckten Bedarfs an psychischen Gesundheitsleistungen nur schwer messbar. In Ermangelung einer standardisierten und einheitlich verwendeten Definition wird die Behandlungslücke in dieser Publikation anhand von Daten aus zwei komplementären Quellen approximiert:
Frühere Arbeiten der OECD (OECD, 2021[50]) untersuchten Versorgungsdefizite im Bereich der psychischen Gesundheit, die auf finanzielle Gründe, Wartezeiten oder mangelnde Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel zurückgeführt wurden. Auf der Basis dieser Analyse werden in dieser Publikation die Zugangsraten zu psychischen Gesundheitsleistungen als Differenz zwischen 100 % und dem Anteil der Personen berechnet, bei denen Versorgungsdefizite festgestellt wurden.
Die Behandlungsquote bezieht sich auf den World Mental Health Survey der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (Evans-Lacko et al., 2018[51]), in dem die Befragten angeben sollten, ob sie bei psychischen, emotionalen, Nerven- oder Substanzkonsumstörungen professionelle Hilfe gesucht haben und ob sie in den letzten zwölf Monaten hierfür in Behandlung waren.
Abbildung 1.2. Behandlungsquote bei psychischen Erkrankungen in OECD- und EU-Ländern
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Anmerkung: Die Extrapolation für Länder, für die keine Daten vorliegen, erfolgte anhand einer Modellreihe auf Basis einer Lasso-Regression, in der die folgenden länderspezifischen Indikatoren berücksichtigt wurden: Suizidraten, Depressionsraten, Weltglücksindex, Zahl der Beschäftigten im Bereich der psychischen Gesundheit, Index zur Abdeckung der universellen Gesundheitsversorgung (UHC service coverage index) und BIP. Die extrapolierten Daten sollten nur als übergeordneter Indikator für die mögliche Abdeckung der psychischen Gesundheitsleistungen betrachtet werden.
Quelle: OECD Mental Health Systems Performance Benchmark survey (OECD, 2021[50]), WHO World Mental Health survey (Evans-Lacko et al., 2018[51]).
Obwohl die beiden Erhebungen etwas unterschiedliche Settings untersuchen und geringfügig unterschiedliche psychische Störungen erfassen, ergibt ein Vergleich von Daten aus beiden Quellen für Länder, die in beiden Analysen berücksichtigt sind, sehr ähnliche Schlussfolgerungen, wie aus Abbildung 1.2 hervorgeht. Nach Ausklammerung einiger weniger Länder mit zu stark abweichenden Ergebnissen (wie Litauen und die Slowakische Republik) in einem der beiden Datensätze bestätigt die Analyse die weitgehende Vergleichbarkeit der Daten.
Verschiedene Hemmnisse tragen zu Versorgungsdefiziten im Bereich der psychischen Gesundheit bei, darunter insbesondere finanzielle, geografische und organisatorische Hindernisse (OECD, 2021[50]). Psychische Gesundheitsleistungen – insbesondere psychologische Interventionen – werden in einigen Fällen weder von der privaten noch der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen, sodass die Betroffenen die Leistungen aus eigener Tasche zahlen müssen. Diese finanzielle Belastung stellt ein erhebliches Hemmnis dar, insbesondere für Geringverdienende. Auch geografische Hindernisse spielen eine Rolle, da Menschen in ländlichen Gebieten mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine Behandlung bekommen als Menschen in städtischen Gebieten. Strukturelle Hindernisse, wie z. B. ein Mangel an medizinischem Fachpersonal, behindern den Zugang zu Gesundheitsleistungen zusätzlich, da sie zu langen Wartezeiten und einer Knappheit an verfügbaren Leistungen führen. Dies kann eine Zunahme der Hospitalisierungen und ein höheres Invaliditäts- und Suizidrisiko zur Folge haben. Die fachärztliche Versorgung unterliegt häufig administrativen Auflagen, wie z. B. Überweisungen von Allgemeinärzt*innen. Darüber hinaus dürfte eine unzureichende Koordinierung zu längeren Wartezeiten führen. In mehreren OECD-Ländern wurden für mindestens einen Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung Ziele oder Garantien in Bezug auf die Wartezeit vereinbart, wobei die meisten vorsehen, innerhalb von 1 bis 3 Monaten mit der Behandlung zu beginnen oder den ersten Kontakt mit dem entsprechenden Dienst aufzunehmen.
Psychische Erkrankungen stellen eine erhebliche Belastung für die Gesundheit, die Lebensqualität und die Wirtschaft insgesamt dar
Copy link to Psychische Erkrankungen stellen eine erhebliche Belastung für die Gesundheit, die Lebensqualität und die Wirtschaft insgesamt darPsychische Erkrankungen sind für Menschen und Wirtschaft eine große Belastung. Abgesehen von den direkten Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen verursacht ein schlechter psychischer Gesundheitszustand auch erhebliche Kosten für die Wirtschaft in Form von Beschäftigungs- und Produktivitätseinbußen sowie einer Reihe anderer Faktoren, die das Wirtschaftswachstum bremsen. Um die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen psychischer Erkrankungen, wie depressive Störungen sowie Angst- und Alkoholkonsumstörungen, abschätzen zu können, hat die OECD ihr Mikrosimulationsmodell Strategic Public Health Planning for Non-Communicable Diseases (SPHeP-NCD) um ein spezielles Modul zur psychischen Gesundheit (Kasten 1.2) erweitert. Diese Analyse bezieht sich auf 30 EU- und EFTA-Länder; die Ergebnisse der Kosten-Wirksamkeits-Analyse und der anschließenden Diskussionen liefern jedoch auch Daten und Erkenntnisse, die im Großen und Ganzen auf alle OECD-Länder zutreffen.
Kasten 1.2. Das OECD-Modell Strategic Public Health Planning for Non-Communicable Diseases
Copy link to Kasten 1.2. Das OECD-Modell Strategic Public Health Planning for Non-Communicable DiseasesDas SPHeP-NCD-Modell der OECD ist ein fortgeschrittenes Systemmodellierungsinstrument für die öffentliche Gesundheitspolitik und die strategische Planung. Es wird verwendet, um die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Ergebnisse der Bevölkerung eines Landes oder einer Region bis 2050 vorherzusagen. Das Modell beruht auf einem umfassenden Katalog wichtiger verhaltensbezogener und physiologischer Risikofaktoren und der damit verbundenen nicht übertragbaren Krankheiten, wie psychische Erkrankungen. Für die Untersuchung der psychischen Gesundheit werden 30 Länder erfasst: die 27 EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Norwegen und die Schweiz. Bei den Ergebnissen werden auch die Durchschnittswerte für die 27 EU-Länder aufgeführt.
Für jedes Land werden im Modell demografische Merkmale und Risikofaktoren nach Alter und Geschlecht gegliederter Bevölkerungsgruppen aus internationalen Datenbanken verwendet. Mit diesen Inputs werden synthetische Populationen generiert, in denen jeder Person jedes Jahr ein Profil mit einem bestimmten Erkrankungsrisiko zugeordnet wird. Die Inzidenz und Prävalenz von Krankheiten in der Bevölkerung eines bestimmten Landes werden so kalibriert, dass sie den Schätzungen aus internationalen Datensätzen entsprechen.
Das Modell liefert jährliche Querschnittsdarstellungen der Bevölkerung, die zur Berechnung von Indikatoren des Gesundheitszustands, wie Lebenserwartung, vorzeitige Todesfälle (u. a. infolge von Suizid), Krankheitsprävalenz und um Behinderungen bereinigte Lebensjahre, verwendet werden können. Die Gesundheitskosten für die Behandlung von Krankheiten werden auf der Basis der jährlichen Kosten pro Fall geschätzt, die aus den nationalen Daten zu den Gesundheitsausgaben extrapoliert werden. Die zusätzlichen Kosten der Multimorbidität, die bei psychischen Störungen ein wichtiger Faktor ist, und die zusätzlichen Kosten der Sterbebegleitung werden ebenfalls berücksichtigt. Das Arbeitsmarktmodul verwendet relative Risiken, die den Krankheitsstatus mit Fehlzeiten, Präsentismus (wenn kranke Personen am Arbeitsplatz körperlich anwesend, aber nicht voll produktiv sind), Frühverrentung und Beschäftigung in Beziehung setzen. Diese Veränderungen bei Beschäftigung und Produktivität werden als Anzahl der Erwerbstätigen in Vollzeitäquivalenten geschätzt und tragen – zusammen mit anderen Parametern – durch Anwendung einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion zur Berechnung des Effekts auf das BIP bei.
Das Modell erfasst drei häufige psychische Erkrankungen: depressive Episoden (darunter drei verschiedene Schweregrade: leicht, mittelgradig und schwer), generalisierte Angststörungen (darunter drei verschiedene Schweregrade: leicht, mittelgradig und schwer) und Alkoholkonsumstörungen. Obwohl diese psychischen Störungen in den 30 Ländern über 72 % der Gesamtprävalenz psychischer Erkrankungen ausmachen, sollten die Modellergebnisse als konservativ betrachtet werden, da 28 % der Erkrankungen nicht erfasst werden. Außerdem werden vorgelagerte Bestimmungsfaktoren der psychischen Gesundheit, wie Wohlbefinden und Resilienz, in dem Modell nicht berücksichtigt. Darüber hinaus wird die Last nicht erfasst, die Personen in näherem Kontakt zu Menschen mit psychischen Störungen, wie z. B. Familie und Freundeskreis, zu tragen haben.
Die psychischen Störungen werden über spezifische für jede Krankheit erstellte Module modelliert. Depressive Episoden und generalisierte Angststörungen werden anhand der Verteilung von zwei internationalen Skalen modelliert, die Diagnosezwecken dienen: Dabei handelt es sich um den 8-Item-Fragebogen zur Patientengesundheit (Patient Health Questionaire, PHQ-8) für depressive Episoden und den 7-Item-Fragebogen zur generalisierten Angststörung (Generalised Anxiety Disorder, GAD-7) für generalisierte Angststörungen. Alkoholkonsumstörungen werden entsprechend dem Muster und dem Volumen des Alkoholkonsums modelliert, wobei ein höherer Alkoholkonsum einem höheren Krankheitsrisiko entspricht. Alle Module werden so kalibriert, dass sie den Prävalenzdaten für die simulierten Krankheiten entsprechen.
Weitere Informationen zum SPHeP-NCD-Modell der OECD finden sich in der SPHeP-NCDs Technical Documentation unter http://oecdpublichealthexplorer.org/ncd-doc.
Depressionen, Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen verringern die gesunde Lebenserwartung in den EU-Ländern um durchschnittlich 2,5 Jahre
Im Gegensatz zu anderen nicht übertragbaren Krankheiten wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirken sich psychische Störungen, wie depressive Episoden, generalisierte Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen, in erster Linie auf die Lebensqualität und weniger auf die Lebenserwartung aus. Modelldaten zufolge wird eine psychische Erkrankung die gesunde Lebenserwartung – die die in Krankheit verbrachte Zeit berücksichtigt – im Zeitraum 2025–2050 im EU-Durchschnitt um 2,5 Jahre verringern (Abbildung 1.3). Diese Verkürzung ist etwa zur Hälfte depressiven Episoden zuzuschreiben; generalisierte Angststörungen tragen 36 % und Alkoholkonsumstörungen 15 % zur Belastung bei. Der Gesamtrückgang der Lebenserwartung beträgt etwa 0,25 Jahre – ungefähr 3 Monate. Die Evidenz zeigt, dass nur depressive Episoden (65 % der Verringerung der Lebenserwartung) und Alkoholkonsumstörungen (35 %) die Letalitätsraten der Patient*innen erhöhen.
Abbildung 1.3. Die Auswirkung von Depressionen, Angst- und Alkoholkonsumstörungen auf die gesunde Lebenserwartung und die Lebenserwartung
Copy link to Abbildung 1.3. Die Auswirkung von Depressionen, Angst- und Alkoholkonsumstörungen auf die gesunde Lebenserwartung und die LebenserwartungEine Verringerung der Lebenserwartung um drei Monate mag zwar als geringfügiger negativer Effekt erscheinen, doch ist zu beachten, dass dieser Wert auf Bevölkerungsebene berechnet wird; in den EU-Ländern entspricht diese Verringerung im Zeitraum 2025–2050 nahezu 783 000 vorzeitigen Todesfällen (bei Personen unter 75 Jahren) bzw. rd. 28 000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr (was 9 vorzeitigen Todesfällen je 100 000 Einwohner*innen entspricht). Am stärksten war der Rückgang in Litauen, Estland und Lettland, wo die Lebenserwartung jeweils um mehr als fünf Monate sank. In Malta, Zypern und Griechenland hingegen war die Verkürzung mit jeweils weniger als einem Monat am geringsten.
Auf psychische Störungen entfallen in den EU-Ländern schätzungsweise 6 % der gesamten Gesundheitsausgaben
In einem Fortschreibungsszenario, in dem die altersspezifische Prävalenz und Behandlung von depressiven Episoden, generalisierten Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen auf dem aktuellen Niveau verharren, verursachen psychische Erkrankungen in den EU-Ländern im Zeitraum 2025–2050 Schätzungen zufolge Kosten in Höhe von 76 Mrd. EUR pro Jahr. Dies entspricht dem jährlichen Gesundheitsbudget von Belgien (Eurostat, 2023[52]) und rd. 6 % der gesamten Gesundheitsausgaben der EU-Länder (Abbildung 1.4). Die Schätzung für die EU-Länder ist weitgehend mit den Erkenntnissen vergleichbar, die der Fachliteratur zu anderen OECD-Ländern wie Kanada (Milliken et al., 2024[53]) und den Vereinigten Staaten (SAMHSA, 2014[54]) zu entnehmen sind.
Abbildung 1.4. Auswirkungen auf die Ausgaben für psychische Gesundheit, unter Annahme eines hypothetischen Szenarios mit einer Behandlungsquote von 100 %, pro Jahr, Durchschnittswert für den Zeitraum 2025–2050, einschließlich prozentualer Veränderung gegenüber dem derzeitigen Niveau
Copy link to Abbildung 1.4. Auswirkungen auf die Ausgaben für psychische Gesundheit, unter Annahme eines hypothetischen Szenarios mit einer Behandlungsquote von 100 %, pro Jahr, Durchschnittswert für den Zeitraum 2025–2050, einschließlich prozentualer Veränderung gegenüber dem derzeitigen Niveau
Anmerkung: Der hellblaue Teil jedes Balkens kennzeichnet die zusätzlichen Kosten, die den Ländern entstehen würden, wenn alle Betroffenen behandelt würden (bei einer Behandlungsquote von 100 %). Dieser Anstieg der Gesundheitsausgaben wird in Prozent gegenüber dem derzeitigen Fortschreibungsszenario dargestellt. Um alle Betroffenen zu versorgen, müssten die Ausgaben für die psychische Gesundheit in den EU-Ländern beispielsweise um 41 % erhöht werden. Dabei ist zu beachten, dass sich der angegebene Anteil an den Gesamtgesundheitsausgaben nur auf die aktuelle Behandlungsquote bezieht.
Quelle: OECD-Analysen anhand des SPHeP-NCD-Modells.
Die Behandlung von depressiven Episoden, generalisierten Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen stellt den Großteil der direkten Kosten dar, doch ist ein erheblicher Anteil der Gesamtausgaben auch auf die negativen Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf physische Gesundheitsprobleme (oder die durch psychische Störungen als Komorbidität entstehenden Kosten) (Cortaredona und Ventelou, 2017[55]) zurückzuführen. Die Modellergebnisse zeigen, dass in den EU-Ländern rd. 75 % (131 EUR pro Kopf und Jahr) der Gesamtausgaben für psychische Gesundheit auf die Behandlung psychischer Störungen entfallen, während die übrigen 25 % (45 EUR pro Kopf und Jahr) für Kosten aufgewendet werden, die durch psychische Störungen als Komorbidität entstehen.
Werden alle von diesen drei psychischen Störungen betroffenen Personen behandelt, würden die Kosten der psychischen Gesundheitsversorgung im Vergleich zum derzeitigen Ausgabenniveau um 41 % steigen. Wie weiter oben erörtert, sind in den EU-Ländern derzeit schätzungsweise nur 31 % der behandlungsbedürftigen Personen effektiv in Behandlung. Das SPHeP-NCD-Modell der OECD wurde daher verwendet, um die Kosten einer 100%igen Behandlungsquote zu schätzen. Dies ist nach wie vor ein theoretisches Ziel, da praktische Sachzwänge Länder derzeit daran hindern, eine Behandlungsquote von 100 % zu erreichen. Diese Analyse ist jedoch nützlich, um die Finanzierungslücke bei psychischen Störungen aufzuzeigen, und kann für die Mobilisierung und Planung von Ressourcen genutzt werden. Die Analyse ergibt, dass zur Erzielung einer 100%igen Behandlungsquote zusätzliche 67 % der Patient*innen – hauptsächlich mit leichten bis mittelgradigen psychischen Störungen – behandelt werden müssten. Dies würde einen Kostenanstieg von 72 EUR pro Kopf und Jahr bedeuten, womit sich die durch depressive Episoden, generalisierte Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen bedingten Gesamtausgaben für psychische Gesundheit in den EU-Ländern auf 247 EUR pro Kopf und Jahr belaufen würden. Länder, die derzeit eine geringere Behandlungsquote aufweisen, wie Bulgarien und Lettland, müssten ihre Ausgaben für psychische Gesundheit mehr als verdoppeln, um eine Behandlungsquote von 100 % zu erreichen (Abbildung 1.4).
Psychische Erkrankungen wirken sich aufgrund von Fehlzeiten, Präsentismus, Arbeitslosigkeit und Frühverrentung negativ auf die Produktivität der Arbeitskräfte und die Wirtschaft aus
Psychische Erkrankungen verursachen aufgrund ihrer negativen Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität und das Humankapital auch insgesamt höhere wirtschaftliche Kosten. Menschen mit psychischen Störungen sind weniger häufig erwerbstätig, und wenn sie einen Arbeitsplatz haben, sind sie mit größerer Wahrscheinlichkeit abwesend oder weniger produktiv (auch als Präsentismus bezeichnet) als gesunde Arbeitskräfte, und sie gehen häufiger vor dem üblichen Renteneintrittsalter in den Ruhestand (OECD, 2021[56]). Der kumulierte Effekt psychischer Erkrankungen aufgrund von depressiven Episoden, generalisierten Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen auf all diese Faktoren und die daraus resultierende Verringerung des Humankapitals wurde anhand des SPHeP-NCD-Modells der OECD in Vollzeitäquivalenten ausgedrückt auf nahezu 2,4 Millionen Arbeitskräfte pro Jahr berechnet. Im Modell wird geschätzt, dass die Kosten psychischer Erkrankungen für den Arbeitsmarkt in den EU-Ländern
in erster Linie auf eine niedrigere Beschäftigungsquote 48 % des Rückgangs von Erwerbstätigen (in Vollzeitäquivalenten) zurückzuführen sind, gefolgt von Präsentismus (36 %) und Fehlzeiten (14 %), während die Frühverrentung dagegen offenbar nur einen geringen Anteil (3 %) der Gesamtbelastung ausmacht
und hauptsächlich durch generalisierte Angststörungen (56 %), gefolgt von depressiven Episoden (39 %) und Alkoholkonsumstörungen (5 %), verursacht werden.
Der Rückgang des Humankapitals und der Produktivität hat direkte Folgen für die Wirtschaft (Abbildung 1.5). Um den Effekt psychischer Erkrankungen auf das BIP zu berechnen, wurden die Ergebnisse des SPHeP-NCD-Modells der OECD in das Long-Term Growth Model der Weltbank eingespeist. Die daraus resultierende Analyse lässt darauf schließen, dass das BIP der EU-Länder bei Fortsetzung der bisherigen Politik im Vergleich zu einer Situation ohne psychische Erkrankungen um durchschnittlich 1,7 % niedriger ausfallen würde. Das Spektrum reicht von rd. 1,0 % in Ländern wie Bulgarien und Zypern bis zu 2,5 % in Litauen. Dieses Ergebnis deckt sich mit den Resultaten früherer OECD-Studien, denen zufolge der Rückgang der Arbeitsproduktivität 2015 EU-weit rd. 1,6 % des BIP ausmachte, bei geschätzten Gesamtkosten für die psychische Gesundheit von rd. 4 % (OECD/Europäische Union, 2018[57]).1 Studien aus anderen OECD-Ländern außerhalb der EU, wie Australien (beyondblue und PwC, 2014[58]) und die Vereinigten Staaten (Abramson, Boerma und Tsyvinski, 2024[59]), lassen nach Berücksichtigung der methodischen Unterschiede und der zugrunde liegenden Annahmen auf einen vergleichbaren Effekt psychischer Erkrankungen schließen.
Abbildung 1.5. Die Auswirkung von Depressionen, Angst- und Alkoholkonsumstörungen auf das BIP der EU-Länder
Copy link to Abbildung 1.5. Die Auswirkung von Depressionen, Angst- und Alkoholkonsumstörungen auf das BIP der EU-LänderDurchschnittlicher jährlicher Effekt von depressiven Episoden, generalisierten Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen, in Prozent des BIP, 2025–2050
Quelle: OECD-Analysen anhand des SPHeP-NCD-Modells und des Long-Term Growth Model der Weltbank.
Maßnahmen und Strategien zur Verbesserung der psychischen Gesundheit konzentrieren sich in den OECD-Ländern auf Schulen, Arbeitsplätze und Einrichtungen der Primärversorgung
Copy link to Maßnahmen und Strategien zur Verbesserung der psychischen Gesundheit konzentrieren sich in den OECD-Ländern auf Schulen, Arbeitsplätze und Einrichtungen der PrimärversorgungAngesichts der weitreichenden und zunehmenden Auswirkungen psychischer Störungen auf die Gesundheit der Bevölkerung und die Wirtschaft ist es offensichtlich, dass Maßnahmen zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens notwendig sind. Um die Investitionen zur Förderung der psychischen Gesundheit zu erhöhen, wurden viele internationale Strategien und Aktionspläne entwickelt und umgesetzt. 2015 stimmten 38 OECD-Länder der Recommendation of the Council on Integrated Mental Health, Skills and Work Policy (Empfehlung des Rats zu einer integrierten Politik in den Bereichen psychische Gesundheit, Kompetenzen und Arbeit) (OECD, 2015[60]) zu, die Leitlinien zur Bewältigung der Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf Gesundheit, Bildung, Beschäftigung und soziale Ergebnisse enthält. Desgleichen zeigt der Comprehensive Mental Health Action Plan 2013-2030 der WHO Ziele auf, an denen sich internationale Gesundheitssysteme und Führungsverantwortliche in ihrer Politik im Umgang mit psychischen Erkrankungen orientieren sollen (WHO, 2021[61]).
Auf nationaler Ebene konzentrieren sich die Regierungen der OECD- und EU-Länder verstärkt auf die psychische Gesundheitspolitik. Dies spiegelt sich in der Tatsache wider, dass viele Länder nationale Strategien und Aktionspläne für psychische Gesundheit entwickeln und umsetzten. 2023 führten die OECD und das WHO-Regionalbüro für Europa mit Unterstützung der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der Europäischen Kommission eine Erhebung zu den Kapazitäten der psychischen Gesundheitssysteme in den EU-Ländern sowie Island und Norwegen durch (WHO-Regionalbüro für Europa, 2024[62]). Anschließend weitete die OECD die Erhebung (in diesem Bericht als WHO/OECD Mental Health Survey bezeichnet) auf alle OECD-Mitgliedsländer aus. Der Erhebung zufolge verfügen 41 der 43 nationalen Regierungen der OECD- und EU-Länder (95 %) eigenen Angaben zufolge über eine nationale Politik im Bereich der psychischen Gesundheit und in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle (88 % der Länder) auch über eine Strategie oder einen Aktionsplan, um die Umsetzung der nationalen Politik im Bereich der psychischen Gesundheit zu steuern (Abbildung 1.6).
Abbildung 1.6. Maßnahmen zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens in 43 OECD- und EU-Ländern
Copy link to Abbildung 1.6. Maßnahmen zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens in 43 OECD- und EU-LändernEs werden erprobte evidenzbasierte Maßnahmen ergriffen, um das psychische Wohlbefinden zu verbessern und psychische Störungen zu bewältigen
Auf Patientenebene wurde in den einzelnen Ländern ein breites Spektrum an Politikmaßnahmen eingeführt. Diese unterscheiden sich im Hinblick auf den Ort der Umsetzung (z. B. in Primärversorgungseinrichtungen), die Interventionsmechanismen (z. B. psychologische oder pharmakologische Maßnahmen), den Erbringungsmodus (Face-to-Face oder per Telefon) und die beabsichtigten Ergebnisse (Prävention oder Behandlung). In Bezug auf den Ort der Umsetzung konzentriert sich dieser Bericht speziell auf Interventionen in Schulen, am Arbeitsplatz und in Einrichtungen der Primärversorgung. Ebenfalls im Vordergrund stehen die Prävention von depressiven Episoden und generalisierten Angststörungen, wenngleich einige Interventionen auch bereits therapeutische Komponenten umfassen. Die endgültigen Kriterien für die Auswahl der konkreten Maßnahmen basierten auf den Prioritäten der Länder – insbesondere der Verfügbarkeit von Daten, da die Evidenz häufig unzureichend war. Aufgrund des Mangels an notwendigen quantitativen Inputs erwies es sich auch als schwierig, viele vielversprechende Politikmaßnahmen zu modellieren. Zugleich ist zu berücksichtigen, dass die Länder neben den für diese Analyse ausgewählten Maßnahmen auch andere Arten von Interventionen durchführen. Dazu gehören z. B. Elternkurse und Suizidpräventionsprogramme, von denen einige in der OECD-Publikation über Best Practices im öffentlichen Gesundheitswesen zur Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen (OECD, 2025[63]) untersucht werden.
Wie in Abbildung 1.6 gezeigt, führte die überwiegende Mehrheit der 2023 befragten OECD- und EU-Länder die Interventionen im Bereich der psychischen Gesundheit in Primärversorgungseinrichtungen durch: 8 der 42 Teilnehmerländer hatten diese Maßnahmen bereits abgeschlossen; 27 Länder befanden sich im Umsetzungsprozess. Die Mehrzahl der Länder (30 der 39 Teilnehmerländer) gab ferner an, schulbasierte Maßnahmen umzusetzen; weitere 5 Länder hatten solche Programme und Maßnahmen bereits abgeschlossen. In der Mehrzahl der Länder (27 der 31 Teilnehmerländer) wurden Maßnahmen am Arbeitsplatz umgesetzt, doch wurde von dieser Option nach wie vor relativ wenig Gebrauch gemacht.
Jedes der drei in diesem Bericht analysierten Settings weist spezifische Merkmale auf, die sowohl Vor- als auch Nachteile haben. Einige Interventionen (Kasten 1.3) können in jedem Setting durchgeführt werden.
Interventionen in Primärversorgungseinrichtungen gelten allgemein als effektiv, um die durch psychische Störungen wie depressive Episoden, generalisierte Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen entstehende Belastung zu verringern. Zumindest in einigen OECD-Ländern werden die meisten psychischen Störungen in Primärversorgungseinrichtungen behandelt. Die Patient*innen bevorzugen die primäre Gesundheitsversorgung wegen der Flexibilität, Vertrautheit, niedrigeren Kosten, einer geringeren Stigmatisierung sowie des Komforts und des sofortigen Zugangs. Die KVT und andere psychosoziale Interventionen haben sich als wirksam erwiesen, die Symptome von Depressionen, Angst- und Alkoholkonsumstörungen zu mindern (Butler et al., 2006[64]). Aus Forschungsarbeiten geht außerdem hervor, dass Patient*innen häufig psychosoziale Behandlungen pharmakologischen Behandlungen vorziehen. Letztere sind zwar wirksam, können aber auch Nebenwirkungen haben (McHugh et al., 2013[65]). Einige Interventionen zur Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen werden in der Regel in Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung angeboten, darunter Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheitskompetenz (Magallón-Botaya et al., 2023[66]) sowie achtsamkeits- und bewegungsbasierte Praktiken (Demarzo et al., 2015[67]). Leistungen der primären Gesundheitsversorgung, die online oder über Telemedizin-Plattformen erbracht werden, können genauso effektiv sein wie Präsenzbehandlungen und sind nachweislich kosteneffizienter (Hoifodt et al., 2011[68]). Zu den häufigen Sachzwängen in der primären Gesundheitsversorgung zählen ein Mangel an Ressourcen, Weiterbildung und Zeit unter den Gesundheitskräften mit direktem Patientenkontakt (Weisberg et al., 2013[69]).
Interventionen in Schulen sind ideal für Initiativen im Bereich der psychischen Gesundheit, da Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit in der Schule verbringen. Diese Interventionen können Hindernisse für den Zugang zu psychischer Behandlung, wie Kosten und Zeit, aus dem Weg räumen. Sie werden in der Regel entweder als universelle oder als zielgerichtete Programme durchgeführt: Universelle Programme sind einfacher umzusetzen, weniger stigmatisierend und weniger kostspielig, allerdings auch weniger effektiv (Calear und Christensen, 2010[70]). Die Interventionen können vom Schulpersonal oder von medizinischen Fachkräften durchgeführt werden. Letztere sind in der Regel wirksamer, aber mit höheren Kosten verbunden. Zu den umgesetzten Maßnahmen zählen psychosoziale Bildung, Kompetenzentwicklung, Achtsamkeit, bewegungsbasierte Programme, psychische Gesundheitskompetenz, Verringerung der Stigmatisierung sowie KVT, die bei der Prävention von Depressionen und Angststörungen besonders effektiv ist (Hetrick und Merry, 2015[71]). Die Befunde lassen darauf schließen, dass schulbasierte Maßnahmen häufig nur einen geringen Effekt haben. Einer Metaanalyse zufolge betrug die Verbesserung bei Depressionen 1,2 % und bei Angststörungen 1,1 % (Werner-Seidler et al., 2017[72]).
Da fast 60 % der Weltbevölkerung erwerbstätig sind und rd. 15 % der Erwachsenen im Erwerbsalter an einer psychischen Störung leiden, können Interventionen am Arbeitsplatz bei der Verbesserung des psychischen Wohlbefindens eine entscheidende Rolle spielen (OECD, 2021[50]). Initiativen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz können die Produktivität der Beschäftigten steigern und Fehlzeiten reduzieren. Davon profitieren sowohl die Regierungen als auch die Arbeitgebenden (OECD, 2022[73]). Einige zwischenstaatliche Organisationen, darunter die OECD, haben ein breites Spektrum evidenzbasierter Interventionen am Arbeitsplatz aufgezeigt. Zu den häufig umgesetzten Strategien, die bei Depressionen und Angststörungen wirksam sind, zählen körperliche Aktivität, Achtsamkeit, Meditation und psychosoziale Interventionen wie KVT (Carolan, Harris und Cavanagh, 2017[74]). Diese Interventionen sind gleichermaßen wirksam, egal, ob sie in Präsenz oder online durchgeführt werden. Sie können auf die einzelnen Beschäftigten zugeschnitten sein oder auf Organisationsebene umgesetzt werden. Die meisten Daten beziehen sich auf gezielte Interventionen. Allerdings sind auch auf Organisationsebene angelegte Strategien hilfreich, um psychosozialen Risikofaktoren wie unsicheren Arbeitsbedingungen und langen Arbeitszeiten entgegenzuwirken (Rugulies, 2019[75]). Einige Länder haben zudem Gesetze verabschiedet, die das psychische Wohlbefinden der Beschäftigten schützen, wie z. B. das „Recht auf Nichterreichbarkeit“ außerhalb der Arbeitszeit (Fricke, 2023[76]).
Kasten 1.3. Übliche Maßnahmen zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens
Copy link to Kasten 1.3. Übliche Maßnahmen zur Verbesserung des psychischen WohlbefindensZur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens können verschiedene Interventionsmechanismen eingesetzt werden. Bei einer Untersuchung der am häufigsten in der Schule, am Arbeitsplatz und in Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung ergriffenen Maßnahmen wurden mehrere Schlüsselstrategien identifiziert. Die nachstehende Aufzählung von fünf Maßnahmenkategorien erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie zeigt lediglich die üblichen Interventionen auf. Diese können Face-to-Face stattfinden, werden seit der Coronapandemie jedoch zunehmend auch online über digitale Plattformen angeboten, was ihre Kosteneffizienz in einigen Fällen verbessert.
Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheitskompetenz und Reduzierung der Stigmatisierung zielen darauf ab, die sozialen und kognitiven Kompetenzen der Betroffenen zu stärken. Dadurch erhöht sich die persönliche Motivation und Fähigkeit, Informationen darüber, wie sich eine gute psychische Gesundheit fördern und aufrechterhalten lässt, zu beziehen, zu verstehen und anzuwenden. Diese Maßnahmen werden in der Regel in Form von Sensibilisierungsprogrammen, Schulungen oder Medienkampagnen umgesetzt. Häufig sind sie mit Anti-Stigma-Aktivitäten verknüpft, die darauf abzielen, das mit der Suche nach psychischer Gesundheitsversorgung verbundene Schamgefühl zu überwinden und zu beseitigen. So werden gesundheitsfördernde und hilfesuchende Verhaltensmuster verstärkt (Moreira, 2018[77]).
Achtsamkeitsbasierte Interventionen gewinnen zunehmend an Bedeutung und es gibt immer mehr Belege dafür, dass sie das psychische Wohlbefinden fördern. Achtsamkeitspraktiken setzen eine bewusste und nicht wertende Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment voraus. Sie umfassen Meditationstraining, Achtsamkeitsübungen wie Body Scan und Sitzmeditation sowie partizipative Lernprozesse. Achtsamkeitsbasierte Interventionen haben sich bei der Reduzierung von psychischen Belastungen, Angststörungen und Depressionen als effizient erwiesen. Aus Studien geht hervor, dass diese Interventionen genauso wirksam sein können wie andere Standardbehandlungen und Kosteneinsparungen ermöglichen, da sie weniger ressourcenintensiv sind (Zhang et al., 2022[78]).
Psychologische Interventionen umfassen ein breites und heterogenes Spektrum von Ansätzen, darunter kognitive, verhaltensbezogene, humanistische und systemische Verfahren. Häufig zum Einsatz kommen neben KVT u. a. psychodynamische Therapien und EMDR (Desensibilisierung und Wiederaufarbeitung durch Augenbewegungen) (Lovelock et al., 2018[79]). Diese werden nachweislich sehr wirksam über Frontline-Akteur*innen, wie Lehrkräfte und Sozialarbeiter*innen, erbracht. Psychologische Interventionen sind insgesamt sowohl für die Prävention als auch für die Behandlung von psychischen Erkrankungen von großem Nutzen.
KVT wird häufig zur Vorbeugung und Behandlung verschiedener psychischer Erkrankungen wie Depression, generalisierte Angststörungen, Panikstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen eingesetzt. Bei der KVT werden gezielte Strategien wie Problemlösetherapie, dialektische Verhaltenstherapie und metakognitive Therapie eingesetzt, um negative Denk- und Verhaltensmuster zu verändern. Einige Befunde deuten darauf hin, dass die KVT auf kurze Sicht eine ähnliche Effektstärke aufweist wie eine Pharmakotherapie, über einen Zeitraum von 6 bis 12 Monaten aber wirksamer sein könnte (Cuijpers et al., 2023[80]).
Der Einsatz von Medikamenten ist für die Behandlung psychischer Störungen, einschließlich Depressionen, Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen, unerlässlich. Da diese verschreibungspflichtig sind, werden medikamentöse Behandlungen in der Regel im klinischen Umfeld durchgeführt und nicht in einem größeren gemeinschaftlichen Kontext, wie z. B. einer Schule. Die Wirksamkeit hängt von einer Reihe von Faktoren ab, wie der Erkrankung, ihrem Schweregrad und der gewählten Behandlungsform (Cheng et al., 2020[81]). Eine Kombination aus pharmazeutischer Behandlung und psychologischer Unterstützung, beispielsweise durch KVT, kann die Wirksamkeit erhöhen. Die Präferenz der Patient*innen für den Behandlungstyp hat einen starken Einfluss auf die Erfolgsquoten (Cuijpers, 2017[82]).
Anmerkung: Ein detaillierter Überblick über die verschiedenen Interventionen findet sich in Kapitel 4.
Investitionen in evidenzbasierte Maßnahmen zur Vorbeugung psychischer Erkrankungen wirken sich positiv auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung und die Wirtschaftsleistung aus
Copy link to Investitionen in evidenzbasierte Maßnahmen zur Vorbeugung psychischer Erkrankungen wirken sich positiv auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung und die Wirtschaftsleistung ausUm das psychische Wohlbefinden der Bevölkerung zu verbessern, sollten die Länder in Erwägung ziehen, verstärkt neue Politikoptionen einzuführen und bestehende Maßnahmen auszubauen. Schwerpunkt der Analyse in diesem Bericht ist die Verbesserung des psychischen Wohlbefindens. Konkret geht es dabei um die Behandlung von depressiven Episoden und generalisierten Angststörungen in der Primärversorgung, in Schulen und am Arbeitsplatz – Settings, die sich für die Umsetzung effektiver Maßnahmen als besonders gut geeignet erwiesen haben. In der Analyse wird unterstellt, dass diese Interventionen Anfang 2025 durchgeführt und ihre Auswirkungen über einen Zeitraum von 25 Jahren bis 2050 evaluiert werden (Kasten 1.4).
Kasten 1.4. Modellierung von Interventionen zur Behandlung depressiver Episoden und generalisierter Angststörungen
Copy link to Kasten 1.4. Modellierung von Interventionen zur Behandlung depressiver Episoden und generalisierter AngststörungenDie OECD hat anhand ihres Mikrosimulationsmodells SPHeP-NCD auf der Grundlage verfügbarer Daten die Auswirkungen politischer Aktionen auf die öffentliche Gesundheit, die Gesundheitsausgaben und die Gesamtwirtschaft beurteilt. Die Auswahl der Maßnahmen erfolgte auf der Basis mehrerer Kriterien, darunter die Übereinstimmung mit globalen Leitlinien und nationalen Politikprioritäten. Aufgrund des generellen Datenmangels zählte auch die Verfügbarkeit quantitativer Evidenz, die eine statistisch signifikante Verbesserung bei der betreffenden psychischen Störung zeigt, zu den Schlüsselaktoren für die Einbeziehung einer Maßnahme in die modellbasierten Analysen. Viele vielversprechende Maßnahmen ließen sich in der Tat nur schwer modellieren, weil die notwendigen quantitativen Inputs fehlten.
Simulationsmodelle, wie sie in der OECD-Analyse verwendet werden, bieten zahlreiche Vorteile. Sie können Informationen zu Bereichen liefern, in denen direkte empirische Untersuchungen schwierig oder nicht durchführbar sind, und sie ermöglichen es, Auswirkungen von Interventionen, die in der Regel auf individueller Ebene in kleinen Gruppen evaluiert werden, auf Bevölkerungsebene zu schätzen. Außerdem können diese Modelle Daten aus verschiedenen Quellen integrieren, was Rückschlüsse zulässt, die einzelne Studien nicht ermöglichen. Modellbasierte Analysen sind jedoch mit Einschränkungen verbunden. Sie setzen Annahmen voraus und hängen von unterschiedlichen Inputdaten ab, deren Qualität variieren kann. Dies gilt insbesondere für Studien zum psychischen Gesundheitszustand, für die häufig nur begrenzte Daten zu den längerfristigen Auswirkungen der Interventionen vorliegen. Darüber hinaus vereinfachen Modelle bestimmte Aspekte je nach verfügbaren Daten. So kann beispielsweise der Gesamteffekt von Interventionen unterschätzt werden, wenn sehr milde Formen von Krankheiten und das allgemeine „Glücksgefühl“ nicht vollständig erfasst werden. Zuletzt gilt es noch darauf hinzuweisen, dass ein Simulationszeitraum von 25 Jahren möglicherweise nicht ausreicht, um die Auswirkungen von Interventionen bei Kindern vollständig beurteilen zu können – insbesondere wenn es um Verbesserungen des Humankapitals geht.
Interventionen in Schulen, am Arbeitsplatz und in der Primärversorgung tragen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit bei
Insgesamt wurden sechs Interventionen modelliert, von denen drei in Einrichtungen der Primärversorgung, zwei am Arbeitsplatz und eine im schulischen Umfeld durchgeführt wurden. Diese Interventionen stehen mit den oben dargelegten Kriterien in Einklang und bieten einen umfassenden Katalog an Optionen. Ihr Ziel ist es, das psychische Wohlbefinden zu verbessern und depressive Episoden und generalisierte Angststörungen zu behandeln. Beispielsweise sieht die Analyse einen Mix aus Präsenz- und Online-Interventionen vor. Desgleichen wurden sowohl Interventionen für besonders gefährdete Personen als auch universelle Interventionen modelliert. Darüber hinaus umfasst die Analyse Interventionen zur Förderung des psychischen Wohlbefindens bei Pathologien mit unterschiedlichem Schweregrad und in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung. Dabei wird ein umfassender Präventionsansatz verfolgt, der von der Primärprävention (Maßnahmen vor dem Eintreten der Krankheit) bis zur Tertiärprävention (Verhinderung des Fortschreitens der Erkrankung bei bereits betroffenen Personen) reicht.
Nachstehend findet sich ein kurzer Überblick über die einzelnen Interventionen und ihre Hauptmerkmale. Ausführlichere Beschreibungen sind in Kapitel 5 dargelegt. Wichtige Inputdaten für die Modellierung der Interventionen sind in Tabelle 1.1 aufgeführt.
Eine webbasierte Intervention in Einrichtungen der Primärversorgung richtet sich an Erwachsene mit leichten bis mittelgradigen depressiven Episoden oder generalisierten Angststörungen. Die Patient*innen wurden von Allgemeinärzt*innen ausgewählt. Das sechswöchige Programm umfasst wöchentliche 30-minütige KVT-Sitzungen (beispielsweise Selbstbeobachtung und Entspannungsübungen).
Eine psychologische Behandlung in der Primärversorgung umfasst zwölf einstündige Gruppensitzungen unter der Leitung geschulter Pflegefachkräfte für Erwachsene mit leichten bis mittelgradigen depressiven Episoden. Die Patient*innen wurden von Ärzt*innen in der Primärversorgung überwiesen. Sie richtet sich an Patient*innen, die derzeit nicht behandelt werden, und anspruchsberechtigte Patient*innen, die aus der traditionellen Versorgung überwechseln.
Eine kombinierte Psycho- und Pharmakotherapie in der primären Gesundheitsversorgung wird Erwachsenen mit schweren depressiven Episoden angeboten, die auf eine Medikamententherapie allein nicht ansprechen. Bei dieser Intervention wird eine bestehende pharmakologische Behandlung durch zwölf individuelle KVT-Sitzungen in der ambulanten Versorgung ergänzt.
Eine webbasierte Intervention am Arbeitsplatz unterstützt Beschäftigte mit leichten bis mittelgradigen depressiven Episoden oder generalisierten Angststörungen durch ein vier- bis achtwöchiges Online-Programm. Sie umfasst KVT-Sitzungen, Achtsamkeitsübungen und Stressmanagement und ist über eine Website oder eine mobile App zugänglich.
KVT-Sitzungen am Arbeitsplatz werden von der Personalabteilung als universelles Programm angeboten. Die Intervention wird in vier halbtägigen Sitzungen von geschultem Personal durchgeführt und umfasst Stressmanagement, Akzeptanz- und Commitment-Therapie sowie Erste Hilfe für psychische Gesundheit (Mental Health First Aid – MHFA), wobei der Schwerpunkt auf präventiven Maßnahmen gegen depressive Episoden liegt.
Geschulte Lehrkräfte führen im schulischen Umfeld in zehn Unterrichtseinheiten eine universelle, KVT-Intervention zur Stärkung der Resilienz für Schüler*innen im Alter von 8 bis 18 Jahren durch. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf die Vermittlung von Resilienz-, Problemlöse-, Kommunikations- und Bewältigungskompetenzen. Ein Arbeitsbuch dient als Support. Diese Intervention legt den Schwerpunkt auf die Prävention depressiver Störungen und generalisierter Angststörungen.
Tabelle 1.1. In der Analyse modellierte Interventionen in der Primärversorgung, am Arbeitsplatz und im schulischen Umfeld
Copy link to Tabelle 1.1. In der Analyse modellierte Interventionen in der Primärversorgung, am Arbeitsplatz und im schulischen Umfeld|
Primäre Gesundheitsversorgung |
Arbeitsplatz |
Schule |
||||
|---|---|---|---|---|---|---|
|
Intervention |
Webbasierte Intervention |
Psychotherapeuti-sche Behandlung durch medizinische Fachkräfte |
Kombinierte Psycho- und Pharmakotherapie durch medizinische Fachkräfte |
Webbasierte Intervention über mobile App |
KVT-Intervention |
Auf Resilienz ausgerichtete KVT-Intervention |
|
Erfasste Störungen |
Leichte und mittelgradige MDD und GAD |
Leichte und mittelgradige MDD |
Schwere MDD |
Leichte und mittel-gradige MDD und GAD |
MDD |
MDD und GAD |
|
Zielgruppe |
Erwachsene ab 15 Jahren |
Erwachsene ab 15 Jahren |
Erwachsene ab 15 Jahren |
In Großunternehmen beschäftigte Erwachsene |
In Großunternehmen beschäftigte Erwachsene |
Schüler*innen im Alter von 8 bis 18 Jahren |
|
Zielgruppe |
Personen mit einem Punktwert zwischen 5 und 15 im PHQ-8-Fragebogen (für MDD) und/oder einem Punktwert zwischen 5 und 15 im GAD-7-Fragebogen (für GAD) |
Personen mit MDD-Diagnose und einem Punktwert unter 15 im PHQ-8-Fragebogen |
Personen mit MDD-Diagnose und einem Punktwert von mindestens 15 im PHQ-8-Fragebogen |
Personen mit einem Punktwert zwischen 5 und 15 im PHQ-8-Fragebogen (für MDD) und/oder einem Punktwert zwischen 5 und 15 im GAD-7-Fragebogen (für GAD) |
Universelle Intervention |
Universelle Intervention |
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Zielgruppe der Behandlung |
10 % der Ärzt*innen in der Primärversorgung (~1,12 % der teilnahmeberechtigten Ärzt*innen) |
Alle Personen bereits in Behandlung und zusätzlich 5 % der Personen nicht in Behandlung |
Alle Personen bereits in Behandlung |
68 % der großen Unternehmen, die die Intervention anbieten, und 14 % der teilnahmeberechtigten Unternehmen |
68 % der großen Unternehmen, die die Intervention anbieten, und 14 % der teilnahmeberechtigten Unternehmen |
75 % der Schulen, die die Intervention anbieten, und 90 % der teilnehmenden Schüler*innen |
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Wirksamkeit (absoluter Delta-Score) |
–1,03 für PHQ-8; –1,58 für GAD-7 |
–1,81 (behandelt) und -3,58 (unbehandelt) für PHQ–8 |
–2,88 für PHQ-8 |
–1,28 für PHQ-8; –1,68 für GAD-7 |
–0,49 für PHQ-8 |
–0,41 für PHQ-8 –1,12 für GAD-7 |
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Zeitrahmen der Wirkung |
Wirksam nach 6 Monaten und nicht mehr wirksam nach 12 Monaten |
Wirksam nach 6 Monaten und nicht mehr wirksam nach 12 Monaten |
Wirksam nach 6 Monaten mit einer Wirkungsdauer von 27 Monaten; nicht mehr wirksam nach 3 Jahren |
Wirksam nach 6 Monaten und nicht mehr wirksam nach 12 Monaten |
Wirksam nach 6 Monaten und nicht mehr wirksam nach 12 Monaten |
Wirksam nach 6 Monaten und nicht mehr wirk-sam nach 12 Monaten |
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Programmkosten in EUR pro Kopf (Länderspann-weite) |
0,203 (0,025–1,174) |
1,229 (0,163–2,911) |
2,016 (0,339–4,556) |
0,329 (0,069–0,775) |
3,131 (1,26–6,545) |
1,301 (0,536–3,284) |
Anmerkung: MDD (major depressive disorders) steht für depressive Episoden und GAD (generalised anxiety disorders) steht für generalisierte Angststörungen.
Quelle: OECD-Analysen der Fachliteratur, wegen näherer Einzelheiten vgl. Kapitel 5.
Eine Ausweitung der sechs Interventionen zur Erhöhung der Behandlungsquote verbessert die Lebensqualität der Menschen
Schätzungen zufolge haben alle modellierten Interventionen positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung. Wie die Belastungen durch psychische Erkrankungen wirken sich auch die Interventionen in erster Linie auf die Lebensqualität – gemessen in behinderungsbereinigten Lebensjahren (disability-adjusted life years – DALYs) – und weniger auf die Lebenserwartung aus (Abbildung 1.7). Interventionen in der primären Gesundheitsversorgung haben in der Regel einen größeren Effekt auf die Gesundheit der Bevölkerung als Maßnahmen in anderen Settings. Am effektivsten ist eine durch medizinisches Fachpersonal durchgeführte kombinierte Psycho- und Pharmakotherapie (im Länderdurchschnitt führt sie zu einem Gewinn von rd. 27 DALYs je 100 000 Einwohner*innen, was 27 Personen je 100 000 Einwohner*innen mit einem zusätzlichen Jahr in guter Gesundheit entspricht). Die auf Resilienz ausgerichtete KVT im schulischen Umfeld ist die zweiteffektivste Intervention, sie führt im Länderdurchschnitt zu einem Gewinn von15 DALYs je 100 000 Einwohner*innen. Psychotherapeutische Behandlungen in Einrichtungen der Primärversorgung verbessern ebenfalls den Gesundheitszustand der Bevölkerung, wobei sich der durchschnittliche Anstieg der Lebenszeit in den einzelnen Ländern auf 11 DALYs je 100 000 Einwohner*innen beläuft. Interventionen am Arbeitsplatz haben geringere Auswirkungen auf die Lebensqualität und webbasierte Maßnahmen (6 DALYs je 100 000 Einwohner*innen) sind geringfügig effektiver als universelle KVT-Interventionen (5 DALYs je 100 000 Einwohner*innen).
Der Gesamteffekt einer Intervention im Bereich der psychischen Gesundheit hängt von mehreren Faktoren ab, u. a. ihrer Ausgestaltung und Umsetzung. Die wirkungsvollsten Ansätze lassen sich im Allgemeinen in zwei Kategorien unterteilen: hochwirksame, gezielte Interventionen für Menschen mit hohem Behandlungsbedarf und breiter angelegte, weniger intensive Maßnahmen, die sehr große Teile der Bevölkerung erreichen. Dieses Modell lässt sich durch drei Hauptfaktoren erklären:
1. Der wichtigste Faktor ist die Frage, wie wirksam die Intervention für die Betroffenen ist, d. h. wie gut sie bei den einzelnen Personen wirkt. Wenn die Intervention dazu führt, dass die Betroffenen sich deutlich besser fühlen, weil sie beispielsweise die Symptome von Depressionen oder Angstzuständen über einen längeren Zeitraum reduziert, hat sie wahrscheinlich auch insgesamt eine stärkere Wirkung. Eine kombinierte Psycho- und Pharmakotherapie in der Primärversorgung hat beispielsweise eine fast siebenmal größere Wirkung auf die Zielgruppe als KVT-Sitzungen in Schulen.
2. Der nächste Faktor ist die Frage, wie viele Personen die Maßnahme erreicht. Universelle Interventionen, an denen mehr Menschen teilnehmen können, haben auf der Bevölkerungsebene tendenziell einen größeren Effekt. KVT-Sitzungen in Schulen stehen beispielsweise allen Schüler*innen im Alter von 8 bis 18 Jahren offen, was eine große Gruppe darstellt. Da die Therapiesitzungen aber allen angeboten werden, ziehen viele Kinder, die sie nicht benötigen, möglicherweise keinen großen Nutzen daraus.
3. Der dritte Faktor ist die Frage, wie viele Menschen in der Zielgruppe Hilfe benötigen. Gezielte Interventionen zugunsten von Menschen, die wahrscheinlich schwerwiegendere psychische Gesundheitsprobleme haben – wie z. B. kombinierte Psycho- und Pharmakotherapien in Primärversorgungseinrichtungen – erreichen zwar weniger Menschen, die Ressourcen konzentrieren sich jedoch auf diejenigen, die sie am dringendsten benötigen, was einen stärkeren Gesamteffekt haben kann.
Abbildung 1.7. Gesundheitliche und wirtschaftliche Auswirkungen von Interventionen zur Prävention psychischer Erkrankungen
Copy link to Abbildung 1.7. Gesundheitliche und wirtschaftliche Auswirkungen von Interventionen zur Prävention psychischer ErkrankungenJahresdurchschnitt der Länder, 2025–2050
Anmerkung: Die Schätzungen des Kosten-Nutzen-Verhältnisses ergeben sich aus der Division des auf die jeweilige Maßnahme zurückzuführenden Gesamtanstiegs des BIP durch die Gesamtumsetzungskosten der Maßnahme in den betreffenden Ländern.
Quelle: OECD-Analysen anhand des SPHeP-NCD-Modells.
Gemessen an der Größe der Belastung ist der Effekt der evaluierten Interventionen generell gering. Dies lässt darauf schließen, dass Maßnahmen zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens zwar hilfreich sind und eine ergänzende Rolle spielen können, allein aber nicht ausreichen, um die durch psychische Erkrankungen verursachte Gesamtbelastung zu bewältigen. Auf dem modellierten Umsetzungsniveau können die Interventionen die projizierte Belastung durch psychische Störungen im Fall der effektivsten Intervention (kombinierte Psycho- und Pharmakotherapie in Primärversorgungssettings) im Durchschnitt der Länder um rd. 1 % reduzieren. Eine über die modellierten Niveaus hinausgehende Behandlungsquote wird den Gesundheitszustand der Bevölkerung zwar weiter verbessern, die hier dargelegten Analysen stützen sich jedoch auf Behandlungsquoten, die gemäß den verfügbaren Daten unter realen Bedingungen realistischerweise erreichbar sind. Eine Ausweitung der simulierten Programme kann durch verschiedene Faktoren beeinträchtigt werden. Dazu gehören ein Mangel an qualifiziertem Personal, begrenzte Ressourcen in der Primärversorgung und in Bildungseinrichtungen sowie Schwierigkeiten bei der langfristigen Einbindung der Zielpopulationen.
Die Interventionen tragen zur Senkung der Gesundheitskosten und zur Steigerung der Produktivität bei, wenngleich die Wirkung im Verhältnis zur Größe der Belastung gering ist
Die Interventionen haben positive Auswirkungen auf die Wirtschaft – sowohl durch eine Verringerung der Gesundheitsausgaben, als auch, auf längere Sicht, durch eine Erhöhung des Humankapitals, das einen positiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten kann.
Schätzungen zufolge reicht die Reduzierung der durchschnittlichen Gesundheitsausgaben auf Bevölkerungsebene im Zeitraum 2025–2050 in Einrichtungen der Primärversorgung von 0,10 EUR pro Kopf und Jahr bei Maßnahmen wie webbasierten Interventionen bis zu 10,40 EUR pro Kopf und Jahr bei kombinierten Psycho- und Pharmakotherapien (Abbildung 1.7). Bei allen anderen Interventionen schwankt der Effekt zwischen 0,10 EUR und 0,30 EUR pro Kopf und Jahr. Eine Ausnahme bildet die Psychotherapie in Einrichtungen der Primärversorgung, die Schätzungen zufolge zu einer Verringerung der Kosten um 2,60 EUR pro Kopf und Jahr führt. Diese Schätzungen erfassen sowohl die Kostensenkungen bei anderen Behandlungsformen, als auch die Senkung der Kosten, die entstehen, wenn psychische Erkrankungen als Komorbidität auftreten. Nicht inbegriffen sind jedoch die Kosten einer Ausweitung der Maßnahmen. Wie bezüglich der Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit festgestellt wurde, ist der Effekt der Interventionen im Vergleich zu den derzeitigen Kosten psychischer Störungen insgesamt gering: Die Intervention mit den größten Auswirkungen verringert die Gesundheitskosten psychischer Erkrankungen nur um 4,2 %.
Der Effekt der Maßnahmen auf die Produktivität ist ebenfalls positiv. In den 30 von der Analyse erfassten OECD- und EU-Ländern machte die Steigerung der Erwerbsbeteiligung und der Produktivität bei webbasierten Interventionen in Primärversorgungssettings 1 163 Vollzeitäquivalente und bei kombinierten Psycho- und Pharmakotherapien in Primärversorgungssettings 18 230 Vollzeitäquivalente pro Jahr aus. Der Großteil dieses Zuwachses ist auf Produktivitätssteigerungen infolge von Verbesserungen bei Fehlzeiten und Präsentismus zurückzuführen, gefolgt von einer Zunahme der Erwerbsbeteiligung und einem Rückgang der Frühverrentung. Bei Berücksichtigung all dieser Verbesserungen des Humankapitals wird davon ausgegangen, dass kombinierte psycho- und pharmakotherapeutische Behandlungen in der Primärversorgung zu einer durchschnittlichen jährlichen Produktivitätssteigerung von 0,013 % des BIP führen, während die Steigerung bei den anderen untersuchten Interventionen geringer ausfallen dürfte (Abbildung 1.7).
Maßnahmen zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens bieten in der Regel ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis
Regierungen und Gesundheitsbehörden stützen sich bei ihren Entscheidungen über die zu finanzierenden Gesundheitsmaßnahmen in der Regel auf Kosten-Wirksamkeits-Analysen und Kosten-Nutzen-Messgrößen. Diese wirtschaftlichen Evaluierungen helfen sicherzustellen, dass begrenzte Ressourcen für Programme bereitgestellt werden, die den größten gesellschaftlichen Nutzen zu den geringsten Kosten bringen. Die Kosten-Wirksamkeits-Analyse evaluiert die durch eine Intervention erzielte Verbesserung der Lebensqualität, gemessen in gewonnenen DALYs, im Verhältnis zu den Kosten der Maßnahme abzüglich der potenziellen Einsparungen bei den Gesundheitsausgaben. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis wird demgegenüber berechnet als Division des BIP-Anstiegs infolge einer höheren Arbeitsproduktivität durch die Umsetzungskosten der Maßnahme.
Die wirtschaftliche Evaluierung der beurteilten Interventionen spricht dafür, die Investitionen in die Förderung der psychischen Gesundheit zu erhöhen. Auch wenn die Auswirkungen der Interventionen auf die öffentliche Gesundheit, die Gesundheitsausgaben und die Produktivität im Vergleich zu der durch psychische Erkrankungen verursachten Gesamtbelastung relativ gering zu sein scheinen, wie in den vorherigen Abschnitten erörtert, ist ihre Bilanz selbst bei Berücksichtigung der Umsetzungskosten dennoch positiv. Da die meisten der beurteilten Interventionen ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen, stellen sie für Politikverantwortliche, die eine effiziente Nutzung öffentlicher Ressourcen anstreben, eine gute Option dar.
Alle Interventionen, mit Ausnahme der KVT in der Schule und am Arbeitsplatz, haben ein Kosten-Nutzen-Verhältnis über 1, d. h. ihr Beitrag zum BIP übersteigt die Umsetzungskosten (Abbildung 1.7). Die webbasierte Intervention am Arbeitsplatz hat das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis; für jeden investierten Euro ergibt sich eine BIP-Steigerung in Höhe von 10,30 EUR. Diese guten Ergebnisse sind großenteils auf die relativ geringen Umsetzungskosten zurückzuführen, die deutlich niedriger sind als beispielsweise bei der KVT am Arbeitsplatz. Durch die direkte Ausrichtung auf die Belegschaft erhöht sie zudem die Produktivität, was wiederum die wirtschaftlichen Erträge steigert. Im Gegensatz dazu ergibt sich bei der KVT in schulischen Einrichtungen ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von weniger als 1, da sie auf junge Menschen abzielt, die noch nicht zur Erwerbsbevölkerung gehören und daher auf kurze Sicht nicht direkt zu den Produktivitätssteigerungen beitragen.
Bei der Beurteilung der Kosteneffektivität, die die Kosten einer Verbesserung der gesunden Lebenserwartung berücksichtigt, bieten Interventionen in Einrichtungen der Primärversorgung im Verhältnis zu den Investitionen generell die größten Gesundheitseffekte. Psychotherapien und kombinierte Psycho- und Pharmakotherapien in Einrichtungen der Primärversorgung sind durchweg entweder kostensparend, wenn die Einsparungen im Gesundheitswesen die Umsetzungskosten übersteigen, oder kosteneffektiv, wenn ein Schwellenwert von 50 000 EUR je gewonnenes DALY zugrunde gelegt wird. Zu den Interventionen, die weitgehend kosteneffizient oder kostensparend sind, gehören u. a. KVT im schulischen Umfeld und webbasierte Interventionen am Arbeitsplatz. Bei den übrigen Maßnahmen ergibt sich ein gemischteres Bild, wobei die Kosteneffizienz von Land zu Land unterschiedlich ist. So gilt z. B. eine KVT am Arbeitsplatz in 70 % der Länder als nicht kosteneffizient (Abbildung 1.8).
Abbildung 1.8. Prozentsatz der Länder, in denen Interventionen kostensparend, kosteneffektiv oder nicht kosteneffektiv sind
Copy link to Abbildung 1.8. Prozentsatz der Länder, in denen Interventionen kostensparend, kosteneffektiv oder nicht kosteneffektiv sind
Anmerkung: IKER steht für inkrementelle Kosten-Effektivitäts-Relation.
Quelle: OECD-Analysen anhand des SPHeP-NCD-Modells.
Um eine möglichst große Wirkung zu erzielen, reichen effektive Interventionen nicht aus. Es bedarf sektorübergreifender Maßnahmen und einer stärkeren Fokussierung auf Best Practices
Copy link to Um eine möglichst große Wirkung zu erzielen, reichen effektive Interventionen nicht aus. Es bedarf sektorübergreifender Maßnahmen und einer stärkeren Fokussierung auf Best PracticesDie in diesem Kapitel aufgeführten Analysen legen den Schluss nahe, dass die von den Gesundheitssystemen, einschließlich der Gesundheitsdienstleister (insbesondere Allgemeinärzt*innen), und den öffentlichen Gesundheitsinitiativen am Arbeitsplatz und in den Schulen umgesetzten Initiativen einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens in der Bevölkerung leisten können. Viele dieser Interventionen scheinen kosteneffektiv zu sein, wobei einige sogar zu Kosteneinsparungen führen. Ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis ist mit dem anderer Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit vergleichbar. Diese Analysen lassen jedoch auch darauf schließen, dass das Gesundheitssystem allein wahrscheinlich keine grundlegenden Verbesserungen bei der Bewältigung der mit psychischen Erkrankungen verbundenen Belastungen erreichen kann. Die hier dargelegten Ergebnisse verweisen auf drei wichtige Politikimplikationen.
Erstens sollten die Länder Investitionen in Maßnahmen Priorität einräumen, die gemäß den Best Practices konzipiert und umgesetzt werden. Die in diesem Bericht aufgeführten Interventionen sind generische Modelle, ihre Wirksamkeit und Effizienz hängen jedoch stark davon ab, wie sie in der Praxis ausgestaltet und umgesetzt werden. Die OECD-Arbeiten zu Best Practices für die Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen (OECD, 2025[63]) zeigen, dass die Anstrengungen zur Verbesserung des Zugangs zu psychischen Gesundheitsdiensten durch komplementäre Maßnahmen wie Kommunikationskampagnen und Peer-basierte Programme ergänzt werden müssen, um psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren. Diese Maßnahmen sind entscheidend, um die Wirkung der Interventionen zu steigern – insbesondere indem Stigmatisierung und anderen Hindernissen entgegengewirkt wird (Kasten 1.5). Außerdem sind weitere Forschungsarbeiten, darunter rigoros konzipierte klinische Studien, erforderlich, um die Identifizierung und Validierung wirksamerer Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit voranzubringen.
Kasten 1.5. Beste Praktiken, bessere Ergebnisse: Evidenz aus Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit in OECD-Ländern
Copy link to Kasten 1.5. Beste Praktiken, bessere Ergebnisse: Evidenz aus Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit in OECD-LändernDer OECD-Bericht Mental Health Promotion and Prevention: Best Practices in Public Health beschreibt elf Interventionen, die die gemeinsam mit OECD-Mitgliedsländern entwickelten validierten Kriterien empfehlenswerter Praktiken erfüllen. Jede Intervention erzielt gute Ergebnisse bei fünf Schlüsselindikatoren: Wirksamkeit, Effizienz, Ausgewogenheit, Datenqualität, Behandlungsquote und Übertragbarkeit.
Bei diesen evaluierten Interventionen liegt der Fokus auf der Schaffung eines schulischen Umfelds, das das psychische Wohlbefinden und die Resilienz stärkt; die psychische Gesundheitskompetenz steigert und Frontline-Kräfte darin schult, Lernende mit Gesundheitsproblemen zu identifizieren und zu unterstützen; Suiziden vorzubeugen und den Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung zu verbessern.
OECD-Analysen legen den Schluss nahe, dass diese Interventionen einen erheblichen gesundheitlichen Nutzen ermöglichen, zu Kosten, die für die meisten Gesundheitssysteme tragbar sind, was sie kosteneffektiv macht. Eine Ausweitung des norwegischen Prompt Mental Health Care-Programms könnte beispielsweise im EU-Durchschnitt zu einem Gewinn von 33 DALYs je 100 000 Personen führen. Von der Konzipierung und von den Merkmalen her, weist dieses Programm einige Gemeinsamkeiten mit der in diesem Bericht modellierten standardmäßigen psychotherapeutischen Intervention in der Primärversorgung auf, die schätzungsweise etwa ein Drittel des in Norwegens Best Practice beobachteten Gesundheitseffekts erzielt.
Der OECD-Bericht von 2025 hebt auch einige Verfahrensweisen hervor, die unter die Definition der Best Practices fallen, darunter
niedrigschwellige und spezialisierte psychische Gesundheitsdienste, wie multidisziplinäre Netzwerke, Telekonsultationen und digitale Tools, ausweiten,
finanzielle Hindernisse abbauen – beispielsweise durch die Erstattung psychotherapeutischer Leistungen,
psychische Erkrankungen entstigmatisieren und die psychische Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessern,
Peer-basierte Programme einführen, um Schüler*innen und Frontline-Kräfte (wie Lehrkräfte) zu schulen, Personen mit psychischen Problemen zu unterstützen, Stigmatisierung zu reduzieren und die Betroffenen zu motivieren, Hilfsangebote zu suchen,
in Personalplanung und -entwicklung investieren, u. a. durch die Schaffung neuer Tätigkeiten in den bestehenden Berufen.
Quelle: OECD (2025[63]), Mental Health Promotion and Prevention: Best Practices in Public Health, https://doi.org/10.1787/88bbe914-en.
Zweitens können sich die Länder auch ambitioniertere Ziele setzen und die Interventionen über die in dieser Analyse simulierten Behandlungsquoten hinaus ausweiten. In dem Modell wird beispielsweise davon ausgegangen, dass 10 % der Allgemeinärzt*innen an Interventionen in der Primärversorgung teilnehmen – eine pragmatische Schätzung auf Basis der aktuellen Evidenz und der kurzfristigen Machbarkeit. Eine Erhöhung der Behandlungsquote über dieses Niveau hinaus könnte auf Bevölkerungsebene einen größeren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nutzen bringen. Wenn die Länder in Interventionen mit optimalen Verfahren investieren, ist die Kosteneffizienz wahrscheinlich genauso hoch oder sogar besser. Eine solche Ausweitung hätte allerdings weitreichende Auswirkungen auf Budget und Planung. Wie weiter oben in diesem Kapitel erörtert, müssten die Ausgaben für psychische Gesundheit gegenüber dem aktuellen Niveau um 41 % steigen, um alle Personen mit psychischen Störungen behandeln zu können. Darüber hinaus sollten jeder bedeutsamen Ausweitung politische Maßnahmen vorgeschaltet sein, die darauf abzielen, die Kapazitäten des psychischen Gesundheitspersonals zu stärken, um eine effektive und nachhaltige Umsetzung zu gewährleisten. Mit anderen Worten erfordert eine größere Wirkung erhebliche Vorlaufinvestitionen. Eine Möglichkeit, diese zusätzlichen Kosten auf einem tragbaren Niveau zu halten, besteht darin sicherzustellen, dass die erweiterten Leistungen zuerst dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten benötigt werden. So kann eine gezielte Ausrichtung der Ressourcen auf Bevölkerungsgruppen und Settings mit dem größten ungedeckten Bedarf, anstelle einer einheitlichen Ausweitung der Leistungen die Effizienz der Interventionen beispielsweise verbessern und zugleich die Gesamtausgaben im Rahmen halten.
Drittens sollten die Länder die Ursachen von psychischen Erkrankungen angehen – beispielsweise durch gute soziale Sicherungssysteme. Die analysierten Interventionen zielen hauptsächlich darauf ab, die Resilienz gegenüber psychischen Belastungen auf individueller und Bevölkerungsebene zu stärken und die bereits von psychischen Störungen betroffenen Personen zu unterstützen. Diese Anstrengungen sind zwar entscheidend für eine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens, gehen die grundlegenden Ursachen von psychischen Erkrankungen jedoch nicht an. Um voll wirksam zu sein, sollten diese Interventionen durch breiter gefasste politische Maßnahmen ergänzt werden, die ein Umfeld schaffen, das dem psychischen Wohlbefinden förderlich ist (OECD, 2023[83]). In der Literaturübersicht der OECD werden mehrere Bestimmungsfaktoren psychischer Belastungen aufgeführt, von denen einige – wie Wirtschaftskrisen und problematische Nutzung sozialer Medien – wahrscheinlich in der Zukunft andauern werden. Die Bewältigung dieser dauerhaften Faktoren kann dazu beitragen, die Inzidenz psychischer Gesundheitsprobleme zu reduzieren. So sind beispielsweise Wohlfahrtssysteme mit großzügigeren Sozialausgaben im Allgemeinen mit besseren Ergebnissen im Bereich der psychischen Gesundheit assoziiert (Ribanszki et al., 2022[84]). In der Empfehlung des Rats der OECD zu einer integrierten Politik in den Bereichen psychische Gesundheit, Kompetenzen und Arbeit (OECD, 2015[60]) wird anerkannt, dass die Integration von Leistungen in den Bereichen psychische Gesundheit, Kompetenzen und Arbeitsverwaltung von entscheidender Bedeutung ist, um die Arbeitsmarktergebnisse von Personen, die nicht erwerbstätig sind, zu verbessern. Außerdem werden sektorübergreifende Strategien empfohlen, die ein frühzeitiges Engagement im Bildungs- und Arbeitsbereich fördern und die Rückkehr von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Beschäftigung unterstützen.
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Anmerkung
Copy link to Anmerkung← 1. Neben den indirekten Produktivitätseinbußen, wie sie in dieser Publikation veranschlagt werden, umfassten die Schätzungen in Health at a Glance: Europe 2018 auch Gesundheitsausgaben und Sozialleistungen. Auf der Basis einer niedrigeren Prävalenz im Jahr 2015 wurden die indirekten Arbeitsmarktkosten auf 1,6 % des BIP geschätzt.