Eine gute psychische Gesundheit trägt zum Wohlbefinden und zur sozialen wie auch wirtschaftlichen Teilhabe der Menschen bei. Dennoch sind in den OECD- und EU-Ländern mehr als ein Fünftel der Menschen von psychischen Erkrankungen betroffen, die folglich eine der größten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit und Wirtschaft darstellen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Angstzustände und depressive Störungen, von denen insbesondere junge Menschen, Frauen und Personen mit niedrigerem sozioökonomischem Status betroffen sind. Jüngste Schocks wie die Coronapandemie, geopolitische Instabilität, Wirtschaftskrisen und zunehmende klimabedingte Stressoren haben bestehende Vulnerabilitäten verschärft und dazu beigetragen, dass psychische Belastungen ein Rekordniveau erreichen.
Dies hat erhebliche Auswirkungen auf Gesundheitssysteme, Volkswirtschaften und Gesellschaften. In den Projektionen wird davon ausgegangen, dass depressive Episoden, generalisierte Angststörungen und Alkoholkonsumstörungen zusammengenommen die gesunde Lebenserwartung in den EU-Ländern im Zeitraum 2025–2050 um 2,5 Jahre verringern und die Gesundheitssysteme mit Kosten in Höhe von rd. 6 % der gesamten Gesundheitsausgaben belasten werden. Psychische Erkrankungen verringern zudem die Erwerbsbeteiligung und die Produktivität, was sich in den Projektionen für diesen Zeitraum in einem geschätzten jährlichen BIP-Rückgang von 1,7 % niederschlägt.
Eine Fokussierung auf gezielte und skalierbare Interventionen in der Primärversorgung, in Schulen und am Arbeitsplatz trägt dazu bei, die erhebliche Lücke bei der Inanspruchnahme von Leistungen bei psychischen Erkrankungen zu verringern. Es ist davon auszugehen, dass Maßnahmen wie Psycho- und Verhaltenstherapien sowie psychische Gesundheitskompetenz und digitale Unterstützungsangebote die Lebensqualität verbessern, die Gesundheitsausgaben senken und die Produktivität steigern. Solche Maßnahmen sind kosteneffektiv oder sogar kostensparend. In vielen Fällen übersteigt der Nutzen die Kosten ihrer Umsetzung. Um die Herausforderungen im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen umfassend anzugehen, sind effektive Maßnahmen notwendig, aber nicht ausreichend. Nennenswerte Fortschritte können nur erzielt werden, wenn der Kreis der Leistungsempfänger deutlich ausgeweitet wird. Erreicht werden kann dies durch die Umsetzung empfehlenswerter Praktiken, die aus groß angelegten, evidenzbasierten Aktionen bestehen und von den für eine nachhaltige Umsetzung erforderlichen Governance-, Personal- und Finanzierungsstrukturen unterstützt werden. Dies sollte durch verstärkte sozialstaatliche Leistungen außerhalb des Gesundheitssektors flankiert werden, um die tieferliegenden sozialen und wirtschaftlichen Faktoren anzugehen, die psychische Probleme auslösen.