Der digitale Wandel unserer Gesellschaft birgt sowohl enorme Chancen als auch erhebliche Risiken, nicht zuletzt für das kindliche Wohlergehen. Digitale Umgebungen wie Social-Media-Plattformen sind aus dem Leben von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Sie eröffnen ihnen wichtige Räume, um zu lernen, zu spielen, zu interagieren und Informationen zu suchen. Solche Plattformen bergen aber auch Risiken, die das Wohlbefinden und die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen können. Technologische Fortschritte können diese Risiken verstärken oder – bei richtiger Steuerung – verringern. Wegen ihres potenziell negativen Effekts auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen werden digitale Umgebungen daher zunehmend kritisch in den Blick genommen. Auch Gesundheitsfachkräfte, Erzieher*innen, Lehrkräfte und Eltern äußern wachsende Besorgnis. Da digitale Technologien und Medien immer mehr Kinder – auch kleine Kinder – erreichen, werden die an sie geknüpften Herausforderungen immer größer, komplexer und schwerwiegender.
Zu den zentralen Erkenntnissen dieser Studie gehört, dass wir zur Bewältigung dieser vielschichtigen Herausforderungen dringend die Evidenzbasis stärken müssen. Dies erfordert mehr Investitionen in eine robuste Datenerfassung, um die digitalen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen zu messen und die Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden und ihre Entwicklung zu untersuchen. Dabei gilt es auch, die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen selbst sowie von Gesundheitsfachkräften, Erzieher*innen, Lehrkräften und Eltern zu berücksichtigen. So kann gewährleistet werden, dass die gebotene Unterstützung wirkungsvoll ist und zugleich fortlaufend an die sich rapide wandelnde Digitallandschaft angepasst werden kann. Ein solcher umfassender und sachlich fundierter Ansatz ist nötig, um das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen zu sichern und ihnen gleichzeitig eine volle Teilhabe an den Chancen der digitalen Welt zu ermöglichen.
Die Entwicklung von Maßnahmen, die alle Dimensionen des Effekts digitaler Umgebungen auf Kinder und Jugendliche abdecken – z. B. Gesundheit, Bildung oder soziales Wohlergehen –, setzt einen ressortübergreifenden Ansatz voraus. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen für diese Bereiche zuständigen Stellen und jenen Stellen, die mit der Aufsicht über digitale Märkte und deren Regulierung betraut sind. Zudem gilt es, die Wechselwirkungen zwischen dem Digitalverhalten von Kindern und Jugendlichen einerseits und bereits bestehenden Vulnerabilitäten andererseits genauer zu analysieren. Dazu muss das Wissen von Fachkräften, Eltern sowie jungen Menschen – vor allem von denjenigen, die selbst schwere Situationen erlebt haben – herangezogen werden, um Vulnerabilitätsfaktoren und die ihnen zugrunde liegenden Dynamiken zu erkennen.
Die OECD arbeitet an der Lösung dieser Fragen und setzt sich mit ihrer Recommendation of the Council on Children in the Digital Environment dafür ein, dass die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen bei der Entwicklung digitaler Produkte im Mittelpunkt steht. Darüber hinaus hat sie Orientierungen für die Umsetzung des Konzepts „Digitale Sicherheit by Design“ gegeben, damit Produkte und Dienste, die sich an Kinder wenden, hohen Sicherheitsanforderungen gerecht werden. In der Declaration on Building Better Policies for More Resilient Health Systems haben sich die Mitgliedsländer zudem für koordinierte staatliche Initiativen ausgesprochen, um die Risiken von Digitalisierung und Social-Media-Plattformen – insbesondere für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen – zu verringern und so ein sicheres, nutzergerechtes Digitalerlebnis zu gewährleisten.
Mathias Cormann
Generalsekretär der OECD