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Apropos Akademisierungswahn...

 

Meinungsbeitrag von Heino von Meyer, Leiter des OECD Berlin Centres, erschienen in: Ratio, Fachzeitschrift des RKW-Baden Württemberg, Nr.5 September 2014

Wer hat ihn nicht im Ohr, den Spruch, mit dem Lehrer und Eltern seit Generationen versuchen, ihre Sprösslinge zu etwas mehr Begeisterung für den Hausaufsatz oder die Matheaufgaben zu bewegen: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Hatte dieser Satz bei uns als Kindern noch zu wildem Augenrollen geführt, so schien er doch, einmal im Beruf, unbestreitbar, ja fast eine Plattitüde. Vergessen, dass der römische Philosoph Seneca, auf den das Zitat in abgewandelter Version zurückgeht, in der Tat einen entschieden kritischen Einwand gegen das Bildungsverständnis seiner Zeit geäußert hatte. „Wie an der unmäßigen Sucht nach allem anderen, so leiden wir an einer unmäßigen Sucht auch nach Gelehrsamkeit: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“, so laute seine Klage.

An diese Worte mag sich erinnert fühlen, wer den vielfältigen Bildungsdebatten in Deutschland folgt. „Müssen bald alle Menschen studieren?“, fragt etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung und beschreibt spürbar skeptisch eine „beispiellose Bildungsexpansion“. „Wie aus Meistern Master werden“, titelt auch Die Zeit und mahnt vor überfüllten Unis und leeren Werkbänken. Mittendrin häufig die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, von der es mit schöner Beharrlichkeit heißt, sie fordere eine „100-Prozent-Akademiker-Gesellschaft“ (Philologenverband). Dass die OECD schon mit ausführlichen Studien über die berufliche Bildung aufwartete, als der Begriff „duales System“ in Deutschland zwar Gedanken an Recycling, nicht aber an Ausbildung geweckt hat, interessiert dabei kaum.

Ein Blick auf die Bildungsarbeit der OECD beweist: Die Organisation schaut auf formale Bildungsindikatoren wie Länge und Art der Aus- bzw. Weiterbildung ebenso wie auf den Stand der Fähigkeiten und Kompetenzen in ihren Mitgliedsländern. Für Deutschland hat sie in den vergangenen Jahren zweierlei immer wieder festgestellt: Erstens, berufliche Ausbildung parallel in Lehrbetrieb und Schule ist eine der Stärken des deutschen Systems. Sie stattet die Absolventen in hohem Maße mit den Fertigkeiten aus, die sie benötigen, um später auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten die gut etablierten dualen Ausbildungssysteme einen wesentlichen Anteil daran, dass die Jugendarbeitslosigkeit selbst in der Krise verhältnismäßig niedrig blieb.

Zweitens – und scheinbar für viele Bildungsinteressierte noch immer schwer zu verdauen – der Anteil an hochqualifizierten jungen Menschen liegt in Deutschland mit 28 Prozent weit unter dem OECD-Durchschnitt (39%). Das ist insofern bedenklich, als der Schlüssel zu Wachstum und Beschäftigung in der Innovationsfähigkeit eines Landes begründet ist. Und die wird eben nicht so sehr von soliden Facharbeitern als von den Spitzenkräften einzelner Branchen vorangetrieben.

Allerdings liegt in diesem Punkt auch ein weit verbreitetes Missverständnis – hochqualifiziert ist kein Synonym für Akademiker. Nach internationalem Standard zählen dazu auch all jene, die eine Fachschule oder eine Berufsakademie abgeschlossen haben oder mit einem Meister aufwarten können. Auch eine Industriedesignerin oder ein Elektrotechniker sind häufig tertiär gebildet.

Was kann uns dieses Beispiel sagen? Viel zu oft fallen wir auf einen Scheinkonflikt zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung herein. Dabei verlaufen die wirklichen Fronten woanders. Unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft verändern sich rasant. In den Bildungswegen spiegeln sich diese Entwicklungen aber nur bedingt wider. Sicher, schon heute lernen die Studenten an der Universität nicht nur für den Elfenbeinturm. Praktische Elemente gehören immer selbstverständlicher zur akademischen Ausbildung. Auf der anderen Seite müssen wir sicherstellen, dass die berufliche Bildung auch allgemeine Kompetenzen fördert. Denn Berufsbilder, die sich auf einfache Routinetätigkeiten beschränken, gibt es immer weniger. Der Schornsteinfeger beispielsweise sorgt nicht nur für die Sicherheit der Feuerstätte, er agiert inzwischen gern auch als Energieberater. Ähnlich ist es beim Heizungsinstallateur, der sich zunehmend mit Dämmstoffen auskennt, beim Automechaniker, der computergesteuerte Abläufe überblicken muss oder bei der Friseurin, die dann am erfolgreichsten sein wird, wenn sie neben Waschen und Schneiden auch einen Blick für die Wünsche und den Stil ihrer Kunden hat.  

Und wie ist es mit einem Land, wann ist das wettbewerbsfähig? Die Antwort lautet zweifelsohne: Wenn es das Beste aus seinen Ressourcen macht. Und die sind in Deutschland auf den ersten Blick begrenzter denn je. Dem Land mangelt es an zwei Dingen, die den großen Schwellenländern zurzeit noch in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen –  jungen Menschen und Rohstoffen. Das erste Element verweist darauf, dass wir alle Potenziale in unserer Gesellschaft nutzen müssen, das zweite gibt den Weg vor, den unsere Wirtschaft gehen wird. Not macht erfinderisch, das weiß nicht nur der Volksmund. Auch für die Lenker großer und kleiner deutscher Unternehmen dürfte klar sein, dass sie auf dem Markt dauerhaft nur bestehen können, wenn sie ihre Kernprodukte stetig verbessern und verfeinern.

Dazu braucht das Land den richtigen Mix von wissenschaftlichem Wissen und praktischem Problemlösungsverständnis. Und wie diese Mischung aussieht, das muss auch in Zukunft beständig diskutiert und justiert werden. Eines ist aber schon heute klar: Nicht nur die Zahl der Schulabgänger und potenziellen Auszubildenden nimmt ab, sondern auch die der Ingenieure. Für die Wirtschaft ist das Eine so kritisch wie das Andere. Gemildert werden kann dieser Umstand nur, wenn wir aufhören von richtigen und falschen Bildungswegen zu reden. Was wir brauchen, ist eine größere Durchlässigkeit in beide Richtungen. Seit ein paar Jahren ist es für junge Leute mit abgeschlossener Berufsausbildung unter bestimmten Voraussetzungen möglich, auch ohne Abitur an der Uni weiterzulernen. Vor wenigen Wochen kündigte Bundesbildungsministerin Wanka zudem an, auch Studienabbrecher in der Berufsbildung noch weitgehender als bisher zu unterstützen. Die Ministerin hat erkannt, dass die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und seiner Bewohner davon abhängt, Brücken zu bauen und fließende Übergänge zwischen der akademischen und der praktischen Welt schaffen.

Die Politik ist aber nicht der einzige Akteur, der heute Weichen stellen muss. Alle Potenziale nutzen, das heißt auch jenen eine Ausbildungsperspektive aufzuzeigen, die bisher allzu häufig verloren gegeben wurden. Die PIAAC-Studie der OECD hat gezeigt, dass in Deutschland fast jeder fünfte Einwohner im erwerbsfähigen Alter nur auf Grundschulniveau Rechnen und Lesen kann. Diese Leute haben oft keinen Schulabschluss und stammen nicht selten aus Familien mit Migrationshintergrund. Können wir uns aber leisten, sie links liegen zu lassen? Oder hat nicht auch die Wirtschaft die Möglichkeit und die Pflicht, mit diesen Menschen zu arbeiten und nach ihren Talenten zu suchen? Das gilt für klassische Ausbildungsbetriebe, die sich in den vergangenen Jahren allzu oft enttäuscht vom Ausbildungsgeschehen zurückziehen, genauso wie für die 700.000 Selbstständigen mit Migrationshintergrund, von denen viele noch gar nicht mit dem Gedanken gespielt haben, selbst auszubilden.

Von politischer Seite wird bereits heute viel getan, um junge Leute fit für eine Lehre zu machen. 2011 förderte der Staat knapp 300.000 Jugendliche mit Maßnahmen des „Übergangssystems“. Damit diese Förderung aber nicht ungenutzt verpufft, müssen auch die Betriebe, in denen die Jugendlichen später lernen sollen, umdenken. Die Zeiten, in denen Unternehmen auf jede Ausbildungsstelle mindestens zehn qualifizierte und motivierte Bewerber hatten, sind unwiederbringlich vorbei. Wenn sie aber bereit sind, nicht nur in der Produktentwicklung, sondern auch in der Ausbildung innovativ zu sein, könnte das Schreckgespenst vom Fachkräftemangel in Deutschland erheblich verblassen.

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