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OECD-How’s Life?-Bericht: Kinder zahlen hohen Preis für gesellschaftliche Ungleichheit

 

(Paris/Berlin, 14. Oktober 2015) - Soziale Ungleichheit setzt sich über Generationen fort. Wie stark ökonomische, aber auch gesellschaftliche Faktoren die Startchancen von Kindern selbst in weit entwickelten Ländern beeinflussen, zeigt die jüngste Ausgabe des OECD-Berichts “How’s Life?”.  Eins von sieben Kindern in der OECD lebt in relativer Armut, jedes zehnte kommt aus einem Haushalt, in dem niemand einer bezahlten Arbeit nachgeht. Deutschland, Österreich und die Schweiz schneiden bei beiden Indikatoren zwar besser ab als der OECD-Durchschnitt, in die Spitzengruppe der Länder schaffen sie es aber nicht.

Insgesamt belegt der Bericht, dass Kinder aus wohlhabenderen und gebildeteren Familien oft gesünder sind und sich in der Schule wohler fühlen als Kinder aus einfacheren Verhältnissen. Diese wiederum geben seltener an, dass sie ihre Klassenkameraden als freundlich und hilfsbereit empfinden – im Gegenteil, sie werden häufiger gemobbt als andere Kinder. In Deutschland sind die Unterschiede speziell in diesem Punkt gravierend: So berichten acht Prozent der 11-, 13- und 15-Jährigen aus reicheren Familien, in den beiden Monaten vor der Umfrage mindestens zweimal verbal oder physisch angegriffen worden zu sein. Unter ihren Alterskameraden aus weniger begünstigten Elternhäusern sind es 14 Prozent.

Nachweisbar sind die Unterschiede zwischen Kindern mit vorteilhaftem und weniger vorteilhaftem sozialen Hintergrund auch bei der Lebenszufriedenheit, bei der Lese- und Problemlösungsfähigkeit, in puncto Kommunikation mit den Eltern und sogar hinsichtlich der Absicht, im Erwachsenenalter wählen zu gehen. In all diesen Punkten ergibt sich über die OECD hinweg das gleiche Bild: Kinder aus wirtschaftlich und kulturell ärmeren Familien erzielen die schlechteren Ergebnisse. Wächst die Ungleichheit der Eltern, dann schrumpfen damit auch die Möglichkeiten der Kinder.

Betrachtet man alle im Bericht enthaltenen Indikatoren zum Kindeswohl unabhängig vom sozialen Hintergrund, dann gehören Österreich, Deutschland und die Schweiz zu den Ländern, die sich nur in wenigen Kategorien in der Schlussgruppe (den untersten 30 Prozent) befinden. Dafür erreicht die Schweiz bei etwa zwei Dritteln der Fälle die Spitzengruppe (Top 30 %). Ähnlich gut oder besser sind nur Dänemark und die Niederlande.

“Die Politik wird es nicht schaffen, eine bessere Gesellschaft zu errichten, wenn sie sich nicht um die Belange aller Mitglieder dieser Gesellschaft kümmert – vor allem um jene der Jüngsten”, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría bei der Vorstellung des Berichts in Mexiko. „Der Kampf gegen Ungleichheit beginnt damit, sicherzustellen, dass jeder die Möglichkeit hat, sein Leben von früh an zu gestalten.“ Die Arbeit der OECD zum Wohlbefinden gebe wesentliche Anhaltspunkte dafür, ob es gelinge, wirtschaftliches Wachstum zu schaffen, das allen nützt. „‘How’s Life‘ vergrößert unser Verständnis von gesellschaftlichem Fortschritt, denn der Bericht schaut auf Menschen und ihre Lebensqualität, nicht nur auf das BIP-Wachstum.“

Die Publikation versammelt die jüngsten vergleichbaren Daten über das Wohlergehen in OECD- und großen Schwellenländern. Sie dokumentiert, wie sich die Situation in den vergangenen Jahren verändert hat und beschäftigt sich damit, welche Ressourcen das gesellschaftliche Wohl in Zukunft stärker bestimmen werden.

Ein Sonderkapitel des Berichts beleuchtet den Einfluss ehrenamtlicher Tätigkeiten auf das Wohl von Gesellschaften und Individuen. Unbezahlte Arbeit, die der Gemeinschaft zugute kommt, wird von konventionellen Statistiken nicht erfasst. Schätzungen gehen aber davon aus, dass sich ihr Wert in der OECD jährlich etwa auf zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts beläuft. In Deutschland (34,8% der Bevölkerung) und Österreich (35,5%) ist sogenannte formale Freiwilligenarbeit in einer Organisation etwas stärker verbreitet als im OECD-Durchschnitt (34,2%). Für die Schweiz enthält der Bericht nur Daten der Über-50-Jährigen – auch sie arbeiten wesentlich häufiger ehrenamtlich als die gleiche Altersgruppe im OECD-Schnitt.

„How’s Life?“ zeigt zudem, dass Geschlecht, Alter und Wohnort das Wohlbefinden teils erheblich beeinflussen.

  • So können die Unterschiede zwischen den Regionen eines Landes größer sein als jene zwischen den Staaten. In Deutschland und Österreich sind im Bundesland mit der höchsten Arbeitslosigkeit jeweils zehn Prozent der Menschen ohne Job, in dem mit der niedrigsten jedoch nur drei Prozent. Das entspricht in etwa dem Unterschied zwischen Frankreich (9,9%) und Norwegen (3,5%).

  • Auch zwischen den Generationen kann das Bild stark variieren: Langzeitarbeitslosigkeit trifft seit der Finanzkrise zunehmend junge Leute unter 30. Gleichzeitig gibt aber gerade diese Gruppe häufiger als die Über-50-Jährigen an, dass sie Freunde oder Familienmitglieder hat, auf die sie sich in schweren Zeiten verlassen kann.

  • Männer und Frauen weisen unter anderem bei Beschäftigung und Einkommen große Unterschiede auf: Nicht nur sind die durchschnittlichen Löhne von Vollzeit tätigen Männern in allen OECD-Ländern höher als die von voll arbeitenden Frauen, Männer haben auch mit höherer Wahrscheinlichkeit lange Wochenarbeitszeiten (50 Stunden und mehr). Gleichzeitig verfügen Männer aber über mehr Freizeit als Frauen, was darauf hinweist, dass letztere durch unbezahlte Tätigkeiten auf eine größere Gesamtarbeitsbelastung kommen.

Hintergrund

“How’s Life?” erscheint alle zwei Jahre und analysiert mithilfe von elf international vergleichbaren Indikatoren die Lebensbedingungen der Menschen in OECD-Staaten und anderen wichtigen Volkswirtschaften. Der Bericht ist Teil der OECD Better Life Initiative, die 2011 angetreten ist, um den gesellschaftlichen Fortschritt jenseits traditioneller Maßstäbe, wie dem BIP, zu messen. Eine weitere Komponente der Initiative ist der interaktive Better Life Index. Die Webseite ermöglicht es Nutzern, Länder zu vergleichen und dabei ihre Vorstellungen von einem guten Leben einzubringen.

 

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