"Der ganz normale Akademiker-Exodus"

Von Georges Lemaître, OECD-Direktorat Beschäftigung, Arbeit und Soziales
Süddeutsche Zeitung, 23.08.2006


Die Abwanderung von Hochqualifizierten aus Deutschland muss nicht zwangsläufig alarmieren - im Gegenteil: Es wäre seltsam, wenn nur die grenzüberschreitenden Ströme von Waren, Dienstleistungen und Kapital zunähmen.

Erlebt Deutschland einen Akademikerexodus? Diesen Eindruck muss man gewinnen, wenn man dieser Tage deutsche Zeitungen aufschlägt. Die Berichte über massenhafte Abwanderung häufen sich, und immer wieder wird beschrieben, dass es „die Besten“ oder die am höchsten Qualifizierten sind, die Deutschland den Rücken kehren.

Die Debatte erinnert an die Zeit des Internet-Booms Ende der 90er Jahre. Auch damals gab es in vielen europäischen Staaten die Befürchtung, dass Absolventen in High-Tech-Fächern das Land in Richtung USA verlassen, um dort ihr Glück zu suchen. Mit dem Platzen der Dotcom-Blase war das Thema dann wieder vom Tisch. Jetzt tauchen diese Fragen wieder auf. Sie passen zur schlechten wirtschaftlichen Stimmung und in eine Zeit, in der junge Leute Schwierigkeiten haben, ihren Weg in den Arbeitsmarkt zu finden.

Doch was wissen wir eigentlich wirklich über die Migration von Hochqualifizierten? Die Datenquellen sind leider nicht sehr ergiebig. Der Fortzug aus OECD-Ländern ist in der Regel keinen Beschränkungen unterworfen. Auch Hochqualifizierte können kommen und gehen wie sie wollen. Selbst wer eigentlich seinen Umzug bei den Behörden melden müsste, kommt dieser Pflicht nicht unbedingt nach. Und wer sich tatsächlich abmeldet, hinterlässt keine Angaben über sein Bildungsniveau. Zahlen, die die Abwanderung von Hochqualifizierten direkt erfassen würden, gibt es also nicht.

Natürlich kann man versuchen, sich dem Thema auf Umwegen zu nähern. Die OECD hat im vergangenen Jahr für ihre Mitgliedstaaten Zahlen zur Auslandsbevölkerung in anderen OECD-Ländern erhoben. Diese Daten beruhen auf Volkszählungen, die im OECD-Raum um das Jahr 2000 durchgeführt wurden. Sie zeigen, wie viele Menschen heute in einem anderen OECD-Land leben, die ursprünglich aus Deutschland kamen und die einen höheren Bildungsabschluss haben. Die Zahlen der Abwanderung aus Deutschland basieren also auf Daten über Deutsche Zuwanderer in andere OECD-Länder.

Nimmt man die jüngste Auswertung zu diesen Zahlen, dann lebten etwas mehr als sieben Prozent der Deutschen mit einem weiterführenden Abschluss in einem anderen OECD-Land. Das ist mehr als der OECD-Schnitt, der bei vier Prozent liegt, aber deutlich unter den Werten für die Niederlande (neun Prozent), Österreich (14 Prozent), Großbritannien (15 Prozent) oder Irland (26 Prozent). Diejenigen OECD-Länder, die heute als Ziel von Einwanderung gelten, hatten im Jahr 2000 somit einen weit höheren Bestand von Hochqualifizierten im Ausland als Deutschland.

Allerdings sind diese Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren. Sie sagen weder etwas darüber aus, ob jemand im Jahr 1960 oder im Jahr 2000 das Land verlassen hat, ob er als Kleinkind, als Berufsanfänger oder vielleicht als Rentner gegangen ist, noch darüber wo er oder sie den Bildungsabschluss erworben hat. Sie geben auch keinen Aufschluss darüber, ob es ein Abschied für immer ist oder nur ein kurzfristiger Aufenthalt im Ausland. Und sie sagen nichts darüber, wie viele Menschen fortgezogen und in der Zwischenzeit wieder zurückgekommen sind. Trotzdem ist dieses Datenmaterial das beste, was es für den OECD-Raum zur Migration von Hochqualifizierten gibt.

Für die Einwanderung in die USA, wo nach dieser Erhebung rund 40 Prozent der deutschstämmigen mit weiterführendem Abschluss leben, sind auch Aussagen über den Zeitpunkt der Wanderung möglich. So sind nur etwa 15 Prozent der Zugewanderten während der 90 Jahre in die USA gekommen, in der Zeit also in der schon einmal über „Brain Drain“ (und somit den Abfluss von Wissenskapital) in Deutschland diskutiert wurde. Allerdings haben sich die Wegzüge in die USA in der zweiten Hälfte der 90er Jahre gegenüber der ersten Hälfte verdoppelt. Doch selbst während des Dotcom-Booms von 1995 bis 2000 waren es gerade einmal vier Prozent der deutschen Hochschulabgänger, die sich in die USA aufmachten. Ähnlich niedrig lag der Anteil unter den Promovierten. Alles Zahlen, die kaum Anlass zu dramatischen Schlussfolgerungen geben.

Doch warum gehen Hochqualifizierte zum Arbeiten ins Ausland? Häufig folgt einfach auf ein Auslandsstudium auch eine Beschäftigung im Ausland. In einigen Fällen bleiben die Menschen vielleicht auch langfristig im Ausland, wenn sich die entsprechenden persönlichen oder beruflichen Kontakte ergeben. Ob die Tatsache eine Rolle spielt, dass der Arbeitsmarkt für Akademiker in Deutschland derzeit nicht als besonders viel versprechend gilt, ist nicht klar. Bei einer Arbeitslosenquote für Akademiker von etwa vier Prozent kann das jedenfalls kaum der wichtigste Grund für einen Fortzug aus Deutschland sein.

Eine wichtigere Ursache für die vorübergehende Abwanderung von Hochqualifizierten ist aber möglicherweise die Stärke der deutschen Wirtschaft: Deutschland als Exportweltmeister, und deutsche Unternehmen gehören weltweit zu den wichtigsten Investoren. Eine Volkswirtschaft mit einem derart hohen Außenbeitrag muss eben auch Hochqualifizierte ins Ausland schicken um diese Geschäfte abzuwickeln. Wenn Hochqualifizierte in einem solchen Kontext ins Ausland gehen wird man kaum von „Brain Drain“ sprechen können.

Kurz, auch wenn Ende der 90er Jahre die Auswanderung von hochqualifizierten Deutschen zugenommen hat, ist es zu früh, um von einem langfristigen Trend zu sprechen. In jedem Fall wäre es verwunderlich wenn im Zuge der Internationalisierung der Wirtschaft die grenzüberschreitenden Ströme von Waren, Dienstleistungen und Kapital zunähmen und nur die grenzüberschreitende Migration davon unberührt bliebe. Und schließlich: wenn Deutschland Hochqualifizierte an andere Länder verliert, so gewinnt es gleichzeitig Einwanderer mit höheren Bildungsabschlüssen aus anderen Staaten. Und historisch gesehen war diese Bilanz für Deutschland bisher immer positiv.

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