Gesundheitssysteme müssen erschwinglich sein und ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen, so die Schlussfolgerungen einer OECD Expertise für die Gesundheitsminister

12/05/2004 - Ein neuer OECD Bericht, Auf dem Weg zu leistungsstarken Gesundheitssystemen, zeigt an Hand von konkreten Beispielen, welche Änderungen erforderlich sind, um die Gesundheit der Bevölkerung und das Gesundheitswesen zu verbessern und die nachhaltige Finanzierung der Gesundheitssysteme zu gewährleisten. Die OECD Länder müssen alles daran setzen, das Preis-Leistungs-Verhältnis zu optimieren, um einen Ausgleich zwischen wachsender Nachfrage nach Gesundheitsleistungen auf der einen und begrenzten staatlichen Mitteln auf der anderen Seite zu schaffen.

Die politischen Entscheidungsträger in den OECD Ländern stehen unter Druck, die Leistungsfähigkeit ihrer Gesundheitssysteme zu verbessern. Die Patienten erwarten sich von den Gesundheitssystemen, dass sie stärker auf ihre Bedürfnisse und Präferenzen eingehen. Dies veranschaulicht auch die Tatsache, dass die Wartezeiten bei elektiven chirurgischen Eingriffen in nahezu der Hälfte der OECD-Ländern zu lang sind und ein großes politisches Problem darstellen. Qualitätsmängel in der Gesundheitsversorgung - wie z.B. Erbringung von medizinisch nicht indizierten Leistungen, Nichtverordnung indizierter Behandlungsleistungen und ungenügende bzw. fehlerhafte Behandlungen - haben unnötige Todesfälle, Invalidität und sonstige Gesundheitsschäden zur Folge und erhöhen die Kosten. In vielen Ländern bestehen Disparitäten beim Gesundheitszustand und beim Zugang zur Gesundheitsversorgung, bedingt durch Armut oder soziale Ausgrenzung.

Bestrebungen, der Nachfrage nach einer besseren Gesundheitsversorgung zu entsprechen, können den Kostendruck zu einem Zeitpunkt erhöhen, wo die Gesundheitsausgaben bereits steigen - sie liegen bei über 8 % des BIP im Durchschnitt des OECD-Raums und überschrei-ten 10 % in den Vereinigten Staaten, der Schweiz und Deutschland. 1990 gaben die OECD Länder ungefähr 7 % des BIP für die Gesundheit aus. Zum Vergleich lagen die Gesundheits-ausgaben in den OECD-Ländern 1970 bei durchschnittlich knapp 5 % des BIP.

Mehrausgaben müssen nicht unbedingt ein Problem sein, vor allem dann nicht, wenn der zusätzliche Nutzen die Mehrkosten übersteigt. Ein Großteil des Kostenanstiegs ist neuen Medikamenten, Instrumenten und Verfahren zuzuschreiben, die aber auch zu einer Verbesserung des Gesundheitszustands der Bevölkerung geführt und zu einer Reduzierung der Invalidität beigetragen haben. Da aber drei Viertel der Gesundheitsausgaben in den OECD-Ländern von der öffentlichen Hand getragen werden, steigt der Druck auf die Regierungen, die Kosten zu dämpfen oder zwingt sie dazu, Kürzungen bei anderen öffentlich finanzierten Diensten und Programmen durchzuführen, um die Expansion der Gesundheitsversorgungsleistungen finanzieren zu können.

Moderate Zuzahlungen können die öffentlichen Kassen entlasten, sind aber keine Patentlösung, weil sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen von der Zuzahlungspflicht befreit werden müssen, um Zugangsbeschränkungen zu vermeiden, die sich langfristig als kostspielig herausstellen könnten. Eine private Zusatzversicherung kann die Wahlmöglichkeiten des Patienten und den Zugang zu Gesundheitsversorgungsleistungen verbessern, führt aber auf Grund der komplexen Wechselbeziehungen zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor zu keiner nennenswerten Reduzierung der öffentlichen Gesundheitsausgaben. Gut konzipierte staatliche Maßnahmen wie Subventionen, steuerliche Anreize oder Regulierungen sind enorm wichtig, wenn die Finanzierung und der Zugang zur Gesundheitsversorgung gewährleistet werden soll. Letztlich dürften Effizienzsteigerungen der einzige Weg sein, um die Kosten der Gesundheitssysteme zu begrenzen und die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Der Bericht, der die Ergebnisse des dreijährigen OECD-Gesundheitsprojekts zusammenfasst und nützliche Praktiken beleuchtet, die bei den Bemühungen zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit angewandt werden können, wird auf der vom 13.-14. Mai in Paris stattfindenden Tagung der Gesundheitsminister, die erste im Rahmen der OECD, diskutiert werden.

Der Bericht Auf dem Weg zu leistungsstarken Gesundheitssystemen, der auf der Einschätzung von Erfahrungen verschiedener Länder, auf Analysen von gemeinsamen Problemen und Bewertungen von Expertisen basiert, identifiziert Praktiken und Verfahrensweisen, die die Leistungsfähigkeit verbessern. Zum Beispiel:

  • Investitionen in elektronische Gesundheitsinformationssysteme einschließlich der Ein-führung elektronischer Patientenakten mit individuellen Informationen über Gesund-heitszustand und bisheriger Behandlung sowie von elektronischen Systemen für die Bearbeitung von Rezepten in Krankenhäusern. Bessere Systeme zur Erfassung und Verfolgung von Daten über die Patienten, ihren Gesundheitszustand und ihre medizi-nische Versorgung sind von entscheidender Bedeutung, wenn wirklich signifikante Forschritte bei der Versorgungsqualität erzielt werden sollen.
  • Anwendung von ökonomischen Anreizen, die eine kosteneffiziente Gesundheitsver-sorgung begünstigen. So sollten z.B. Vergütungssysteme für Ärzte Anreize zur Erbrin-gung der richtigen Leistung im richtigen Moment bieten und jene Anbieter von Ge-sundheitsleistungen belohnen, die zur Verbesserung der Gesundheit ihrer Patienten beitragen. Hilfreich wären auch Anreize wie z.B. die Anwendung von Preissystemen für Arzneimittel und sonstige Maßnahmen, die die Patienten zu einer kosteneffizien-ten Auswahl von Medikamenten und Behandlungen bewegen.
  • Einsatz gut konzipierter Strategien zur Vorbeugung gegen Krankheiten und Behinde-rungen. Verbesserung des Gesundheitszustands durch Politikveränderungen in den Bereichen Gewalt, Verkehr, Alkohol- und Tabakkonsum, Ernährung oder auch in an-deren Bereichen wie körperliche Trägheit. Es sollte auch der Anteil der Gesundheits-ausgaben, der für verstärkte Prävention ausgegeben wird, neu bewertet werden, da von jedem Dollar, der in die Gesundheitsversorgung fließt, nur knapp 5 Cent für Initi-ativen ausgegeben werden, die dafür sorgen sollen, dass die Bürger gesund bleiben.
  • Die Behebung von Qualitätsmängeln in der Gesundheitsversorgung erfordert zwar zunächst einiges an Investitionen, führt jedoch auf lange Sicht zu Einsparungen. Einfache Praktiken wie z.B. darauf achten, dass Herzinfarktpatienten täglich ein Aspirin einnehmen, um das Risiko eines weiteren Herzinfarkts zu vermindern, können sogar kurzfristig die Kosten reduzieren.
  • Eine Steigerung der Produktivität oder eine Ausweitung der chirurgischen Kapazitäten in Krankenhäusern kann dazu beitragen, die Wartezeiten zu verringern, ist gewöhn-lich aber auch mit zusätzlichen Kosten verbunden. Wenn ein chirurgischer Eingriff als gerechtfertigt beurteilt wird, können die Wartezeiten auch durch ein besseres Mana-gement der Wartelisten verkürzt werden.


Die Studie Auf dem Weg zu leistungsstarken Gesundheitssystemen betont, dass es kein Patentrezept und keine Ideallösungen zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Gesundheitssysteme gibt. Bei der Festlegung einer geeigneten Gesundheitspolitik müssen die spezifischen Eigenheiten eines jeden Landes berücksichtigt werden. Der Bericht zeigt, dass die Länder viel voneinander lernen können, da sie die gleichen Ziele verfolgen, nämlich eine Gesundheitsversorgung, die von hoher Qualität und für alle zugänglich ist sowie Gesundheitssysteme, die dem Bedarf der Patienten entsprechen, erschwinglich sind und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen.

Journalisten können ein Presseexemplar des Berichts von der OECD Pressestelle (Tel: + 33 1 45 24 97 00 ) anfordern. Elisabeth Docteur (Tel: + 33 1 4524 76 03 ) oder Martine Durand (Tel: + 33 1 45 24 87 07) vom OECD Direktorat für Beschäftigung, Arbeit und Soziales stehen Journalisten für weitere Informationen gerne zur Verfügung.

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