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Interview mit Stefan Tangermann, OECD Direktor für Handel und Landwirtschaft
Die Zeit (Fritz Vorholz), 8. Februar 2007
Frage: Herr Tangermann, die Herstellung von Biosprit boomt. Kraftstoff vom Acker gilt als klimafreundlich und als sinnvolle Alternative angesichts der wachsenden Risiken der Energieversorgung. Sind die Hoffnungen berechtigt?
Antwort: Ich kann verstehen, dass vor allem in den reichen Ländern solche Hoffnungen keimen. Allerdings dürfen wir doch, auch wenn es um die Sicherung der Energieversorgung geht, die wirtschaftliche Logik nicht ganz vergessen. In vielen Ländern der Welt, in der EU und weitgehend auch in den USA, ist Kraftstoff aus landwirtschaftlichen Produkten nach wie vor deutlich teurer als solcher aus Erdöl.
F: Warum wird Biosprit trotzdem gefordert und gefördert?
A: Nach meinem Eindruck stehen drei Motive dahinter. Erstens der Glaube, Biosprit sei gut für die Umwelt. Zweitens die Hoffnung, der Kraftstoff vom Acker könne die Abhängigkeit von Ölimporten aus unsicheren Ländern mindern. Und drittens natürlich die Möglichkeit, den Landwirten etwas Gutes zu tun.
F: Klientelpolitik?
A: Das ist sicher ein Element. Aber ich konzediere ja, dass auch gut gemeinte Beweggründe dabei sind – Klimaschutz und Energiesicherheit.
F: Dass auf den Import von Biokraftstoff Zölle erhoben werden, lässt allerdings Zweifel daran aufkommen.
A: Ginge es nur um den Umwelt- und Klimaschutz, dann sollte es tatsächlich keine Rolle spielen, wo Pflanzen das Kohlendioxid aus der Erdatmosphäre binden. Der Umstand, dass man durch Zollschutz dafür sorgt, dass die inländischen Preise für Biokraftstoff höher sind als auf dem Weltmarkt, deutet darauf hin, dass es der Politik nicht zuletzt um die heimischen Landwirte geht.
F: Sind Biokraftstoffe trotzdem ein probates Mittel gegen die Erderwärmung?
A: Nicht in dem Maße, wie viele glauben. Es wird nämlich gerne vergessen, dass für die landwirtschaftliche Produktion eine Menge fossiler Energie verwendet wird, für die Herstellung von Dünger und Pflanzenschutzmitteln zum Beispiel. Hinzu kommt die Energie zur Weiterverarbeitung der landwirtschaftlichen Rohstoffe. Unterm Strich werden in Europa oft rund 80 Prozent der gewonnenen Bioenergie vorher in Form fossiler Energie investiert. Diese Bilanz ist mehr als ernüchternd.
F: In der EU streitet man gerade darüber, ob die Autokonzerne angesichts der geplanten Grenzen für den CO2-Ausstoß einen höheren Verbrauch veranschlagen dürften, wenn viele ihrer Modelle von Biokraftstoffen befeuert würden. Das wäre dann ja absurd.
A: Wäre? Es ist absurd. Wenn Biokraftstoffe gegenüber herkömmlichem Diesel und Benzin nur ein Fünftel weniger Kohlendioxid entstehen lassen, müssten jedenfalls gewaltige Mengen davon verwendet werden, um spürbar CO2 einzusparen. Wesentliche Teile unserer Landwirtschaft müssten dann auf die Produktion von Biosprit umgestellt werden. Um 10 Prozent des gegenwärtigen europäischen Kraftstoffverbrauchs zu ersetzen, würde ein Drittel der europäischen landwirtschaftlichen Nutzfläche gebraucht. Wirklich klimaneutral können Biokraftstoffe nicht einmal in den Ländern des Südens erzeugt werden. Immerhin ist die CO2-Bilanz dort günstiger, weil weniger Düngemittel und weniger Maschinen eingesetzt werden.
F: Dafür kann in den tropischen Ländern der Regenwald ein Opfer der Spritproduktion werden.
A: Ausgeschlossen ist das nicht. Unsere Analysen zeigen, dass in Brasilien tatsächlich die Agrarproduktion den Regenwald weiter zu verdrängen droht. Allerdings ist der Zuckerrohranbau für Biosprit weniger bedrohlich als die wachsende Sojaproduktion, die mit unserem Fleischkonsum zusammenhängt.
F: In Mexiko sind die Tortillapreise gestiegen, was mit der Maisnachfrage amerikanischer Ethanolproduzenten zu tun haben soll. Treibt der Biosprit-Boom den Preis des Grundnahrungsmittels?
A: Zweifellos. Indem wir landwirtschaftliche Rohstoffe indirekt in die Tanks unserer Autos füllen, haben es die Menschen, die ohnehin arm dran sind, schwerer, ihre Nahrungsmittel zu kaufen. Die Situation in Mexiko, wo jetzt heftige Demonstrationen stattfinden, ist entstanden, weil in den USA mehr Mais gekauft wird, um Biosprit zu produzieren.
F: Je mehr Ethanol und Biodiesel produziert werden…
A: …desto unerfreulicher werden die Begleiterscheinungen. Wenn mehr landwirtschaftliche Rohstoffe nicht in die Nahrungsmittel-, sondern in die Energieherstellung geschleust werden, treibt das die Preise. Mehr Mais im Tank bedeutet mehr Hungernde in den Entwicklungsländern.
F: Bekommen auch hiesige Konsumenten die Rechnung präsentiert, wenn künftig mehr Kraftstoff vom Acker in die Tanks der Autos gefüllt wird?
A: Im Zweifel sind wir reich genug, um uns sowohl Biosprit als auch etwas teurere Nahrungsmittel leisten zu können. Gleichwohl, tatsächlich müssen die Verbraucher zwei Mal zahlen: mehr für den Sprit, dank Beimischungszwang – und obendrein mehr für Eier, Hühner- und Schweinefleisch.
F: Indirekt sagen Sie, Biosprit sei eher Fluch als Segen.
A: Jedenfalls der, der aus landwirtschaftlichen Rohstoffen gewonnen wird, die auch die Grundlage von Nahrungsmitteln sind. Diesen Biosprit zu subventionieren oder den Verbrauchern aufzuzwingen halte ich für einen Irrweg. Als sinnvoller könnte sich eines Tages erweisen, was Fachleute Biokraftstoff der zweiten Generation nennen. Er wird aus landwirtschaftlichen Abfallprodukten gewonnen – und ist in zehn Jahren konkurrenzfähig. Vielleicht.
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