"Wir können sparen"

Interview mit Claude Mandil, Exekutivdirektor der International Energieagentur (IEA)
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irtschaftsWoche (Gerhard Bläske) 26/2007
 

Frage: Herr Mandil, Sie kritisieren den deutschen Ausstieg aus der Kernenergie. Warum?

Antwort: Die IEA sieht auf längere Sicht für Deutschland keine tragfähige Energieversorgung ohne einen Anteil der Kernenergie, der noch nicht einmal groß sein muss. In unserem neuen Länderbericht, mit dem wir auf die deutsche Diskussion vor dem Energiegipfel am 3. Juli einwirken wollen, kritisieren wir drei Aspekte, einer davon ist die Haltung zur Kernenergie.

F: Wie hoch sollte denn der Anteil der Kernenergie sein?

A: Das kann ich nicht beantworten. Sie müssen nicht wie Frankreich 80 Prozent Ihres Stroms aus Kernkraftwerken beziehen. Im Prinzip gibt es keinen Mangel an Alternativen: Erdgas ist sehr gut, erneuerbare Energie hervorragend, und etwas Kohle im Energiemix ist auch gut, wenn es uns gelingt, den Austritt klimaschädlicher Stoffe in die Atmosphäre zu verhindern. Das müssen wir weltweit sowieso erreichen, denn Länder wie China, die USA und Australien können auf weitere Kohlekraftwerke überhaupt nicht verzichten. Auf jeden Fall aber ist Diversifizierung der Schlüssel zu gesicherter Energiever-sorgung.

F: Also sollten so viele verschiedene Energieträger wie möglich genutzt werden?

A: Ja, aber dazu kommen weitere Kriterien für eine gute Energiepolitik: Die Energieträger müssen wirtschaftlich sein – wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung, gleichzeitig aber ökonomisches Wachstum und Umweltverträglichkeit. Daraus ergibt sich keine exakte Formel für den Anteil der Energieträger. Es ist aber schlecht, irgend etwas von vornherein zu verwerfen.

F: Die Kernkraftgegner in Deutschland meinen, dass erneuerbare Energieträger immer mehr den Platz der Kernenergie bei der Stromerzeugung einnehmen können.

A: So geht das aber nicht. Wenn Sie heute Kernkraftwerke abschalten, wird die Versorgungslücke erst einmal vermutlich durch mehr Strom aus Kohlekraftwerken geschlossen – mit den bekannten massiven Umweltproblemen durch den Kohlendioxydausstoß. Die zweite Möglichkeit ist noch größere Abhängigkeit vom Erdgas und damit letztlich von einem einzigen Lieferanten, nämlich Gazprom. Das wäre genau das Gegenteil von Diversifizierung.

F: Aber die neuen Energieträger Windkraft, Sonnenwärme, pflanzliche Rohstoffe...

A: ...alles wichtig, keine Frage. Auf absehbare Zeit begrenzt aber der Kostenfaktor ihren Anteil am Energiemix. Außerdem gibt es da ganz unwirtschaftliche Phänomene, und das ist der zweite Punkt unserer Kritik an Deutschland: Ich sehe zum Beispiel überhaupt nicht ein, warum die deutschen Stromverbraucher für das durch Fotovoltaik erzeugte Kilowatt zehnmal so viel zahlen sollen wie für dieselbe Strommenge aus Windkraft.

F: Sind die deutschen Solarstrom-Subventionen falsch?

A: Ja. Staatliche Fördermaßnahmen müssen immer dem Ziel dienen, die zukünftige Produktion wirtschaftlicher zu machen. Sie sollten aufhören, den Produzenten für die heute verkauften Strommengen Geld zukommen zu lassen, und stattdessen die Forschung und Entwicklung massiv fördern, damit die entsprechende Energie in ein paar Jahren kostengünstiger produziert werden kann und keine Subventionen mehr braucht.

F: Brauchen wir überhaupt Subventionen?

A: Leider ja, weil generell und weltweit die Unternehmen dazu neigen, zu wenig in den Energiesektor zu investieren. Aber natürlich muss die Energieversorgung möglichst marktwirtschaftlich organisiert sein, und damit hängt auch der dritte Kritikpunkt in unserem Deutschland-Report zusammen: Trotz aller Fortschritte müssten der Strom- und der Gasmarkt noch weiter liberalisiert werden, Sie haben da viel zu wenig Wettbewerb.

F: Bedauern Sie das?

A: Nein. Kernkraft ist nur ein Teil der globalen Lösung. Wir sehen ja die Probleme und schlagen auch eine Lösung vor.

F: Nämlich?

A: Man muss die Sorgen der Menschen über die Sicherheit der Reaktoren ernst nehmen. Wichtig ist darum der Aufbau einer sehr starken und von den Politikern völlig unabhängigen Sicherheitsbehörde.

F: Was soll das sein?

A: Es muss jemanden geben, der jederzeit jede nukleare Einrichtung im Land abschalten kann, wenn er festgestellt hat, dass sie nicht sicher arbeitet. Und das auch, wenn in Frankreich der Staatspräsident oder bei Ihnen die Bundeskanzlerin anruft und gegen die Entscheidung protestiert.

F: Bei der Unsicherheit über den Gaslieferanten Russland hilft dagegen keine Aufsichtsbehörde.

A: Richtig. Wir können nicht ausschließen, dass Russland oder der Gazprom-Konzern irgendwann auf die Idee kommt, seine Marktmacht politisch zu nutzen. Gegenüber der Ukraine, Estland und anderen Nachbarländern ist das ja schon geschehen. Andererseits ist Russland von den Exporten abhängig. Deutschland importiert derzeit ungefähr 40 Prozent seines Erdgasbedarfs aus Russland, das wäre für sich allein kein Problem. Die Nachfrage nach Erdgas steigt aber, und für diese wachsende Nachfrage gibt es derzeit fast keine Alternative zu russischen Lieferungen. Das widerspricht dem Grundprinzip der Diversifizierung und ist gefährlich.

F: Die Gegenstrategie?

A: Die Alternative zu russischem Gas, das durch Pipelines zu Ihnen kommt, ist verflüssigtes Erdgas per Schiff, das prinzipiell weltweit handelbar ist.

F: Aber wenn Russland die anderen großen Gasproduzenten – Iran, Katar, Algerien – in einem Kartell zusammenfasst, haben wir auch nicht viel von dieser Möglichkeit.

A: Sollten sich die Gasproduzenten nach dem Vorbild der Opec organisieren, hätten sie immer noch Schwierigkeiten, wenn sie wie die Opec handeln wollten. Die Märkte für Erdöl und Erdgas sind sehr verschieden. Die Verträge auf dem Gasmarkt beinhalten im Wesentlichen feste Konditionen über sehr lange Zeiträume. Wie soll man so einen Markt mit Drosselung oder Ausweitung der Produktion manipulieren, solange der Gaspreis fast überall in Europa langfristig an den Ölpreis gebunden ist?

F: Finden Sie diese Preisbindung vernünftig?

A: Schon lange nicht mehr. Vor 20 Jahren, als Erdöl und Erdgas bei der Stromerzeugung miteinander konkurrierten, war das sinnvoll. Aber inzwischen wird kaum noch Erdöl in Europa für die Stromerzeugung verwendet. Wir haben hier und heute zwei fast völlig getrennte Märkte: Erdgas zum größten Teil für die Stromerzeugung, Erdöl für Energieträger, mit denen Verkehrsmittel angetrieben werden. Die Preisbindung für Gas ist darum heute schädlich.

F: Worin besteht der Schaden?

A: Die Verbraucher von Strom erhalten falsche Marktsignale, die eigentlich den Verkehrsteilnehmern gelten. Solange der Ölpreis hoch ist, profitieren die Energieversorger natürlich von diesem System. Was geschieht aber, wenn der Ölpreis sinkt? Dann bekommen die Gasverbraucher das sinnlose Signal zu stärkerem Verbrauch.

F: Aber sehen Sie den Ölpreis wirklich in naher Zukunft sinken?

A: Ich vermute, dass er gegen Ende des Jahres sinkt, wenn keine unvorhersehbaren Faktoren dazwischen kommen.

F: Was macht Sie so optimistisch?

A: Hauptsächlich, dass die Kapazität der Ölproduzenten bei der Förderung wie bei den Raffinerien in vielen Ländern deutlich angewachsen ist, vor allem im Nahen Osten, in Afrika und in Russland. Aber beim Gas bin ich gar nicht optimistisch.

F: Warum?

A: Weil beim Gas im Gegensatz zum Öl wenig investiert wird. Darum ist es denkbar, das der Ölpreis sinkt, während gleichzeitig die Lage bei der Versorgung mit Erdgas angespannt ist. Wir hätten dann die verrückte Situation, dass ein zunehmend knappes Gut immer billiger wird.

F: Wenn das so ist, müsste das Gros neuer Energie-Investitionen in den LNG-Sektor gehen, also in Terminals und Transportmittel für verflüssigtes Erdgas.

A: Entsprechende Schiffe und Hafenanlagen sind extrem wichtig. Massive Investitionen wünsche ich mir daneben aber vor allem in die Effizienz der Energienutzung. Da gibt es gewaltige Möglichkeiten. Ein Schwellenland wie China hat hier ein gewaltiges Potenzial, aber das gilt auch für entwickelte Industrieländer.

F: Was müssen wir denn vor allem ändern?

A: Energieeffiziente Geräte einsetzen. Die Verbraucher in den reichen Ländern schauen beim Kauf neuer Geräte nur auf den Ladenpreis, aber nicht auf den Energieverbrauch, der oft einen sehr großen Teil der Gesamtkosten des Geräts ausmacht. Wenn wir das ändern, etwa indem die Verbraucher über die jeweiligen Energiekosten informiert werden, lösen wir eine gewaltige Steigerung der Energieeffizienz aus. Wenn die Verbraucher in den OECD-Staaten heute schon immer nur die Geräte mit den niedrigsten Gesamtkosten kaufen würden, ginge der durchschnittliche Stromverbrauch dieser Geräte um ein Drittel zurück. Und das würde niemanden etwas kosten!

F: Also setzen Sie Ihre Hoffnung vor allem auf die privaten Stromverbraucher.

A: Auch auf die Unternehmen. Wir haben uns in diesem Zusammenhang nicht mit dem Stromverbrauch für die industrielle Produktion beschäftigt, wohl aber mit dem Stromverbrauch von Geräten, die in Unternehmen eingesetzt werden. Mit Strom sparenden Computern oder Klimaanlagen können Unternehmen ihre Kosten gewaltig reduzieren – sie wissen es nur oft nicht.

F: Wie ist das denn hier in der IEA-Zentrale? Während wir uns unterhalten, rauscht die Klimaanlage verdächtig laut.

A: Wir sind da leider kein Vorbild, die Energieeffizienz dieses Gebäudes ist so schlecht, wie es nur geht. Aber als Mieter können wir daran nichts ändern, solange der Hausbesitzer unter den hohen Energiekosten nicht leidet. Was wir daraus lernen: Wer die energiepolitisch wichtigen Entscheidungen fällt, sollte auch die Kosten für Fehlentscheidungen tragen.

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