"Die Größe einer Stadt ist kein Garant für Erfolg"

Interview mit Kamal-Chaoui, OECD-Direktorat Öffentliche Verwaltung und räumliche Entwicklung
Die Welt, 7. Dezember 2006

 

Frage: San Francisco schneidet im OECD-Ranking am besten ab. Was hat die US-Metropole allen anderen voraus?

Antwort: San Francisco liegt vorn, das heißt aber nicht, dass die Stadt perfekt ist. Die US-Metropole hat wie alle anderen Großstädte mit typischen Problemen wie Kriminalität und Umweltverschmutzung zu kämpfen. Allerdings profitiert die Stadt von ihrer guten Lage und dem hohen Einkommen ihrer Bewohner. Dieses Erfolgsmodell lässt sich jedoch nicht eins zu eins auf andere Städte übertragen. Die Unterschiede zwischen den Ballungszentren sind vielmehr so groß, dass es keine einheitliche Strategie zum Erfolg gibt.

F: Trotzdem fällt auf, dass US-Städte die Rangliste anführen.

A: Amerika ist in vielen Branchen weltweit führend. Davon profitieren natürlich auch die Ballungszentren des Landes als Lokomotive der US-Wirtschaft. Die USA sind international vor allem deshalb so wettbewerbsfähig, weil ihre Städte so stark sind. Auch weltweit übertreffen fast alle Städte bei Wachstum oder Produktivität ihren Landesdurchschnitt deutlich. Deshalb ist es so wichtig, dass nationale und lokale Regierungen das Potenzial dieser Regionen besser ausnutzen.

F: Wie wichtig ist die Größe einer Region für den wirtschaftlichen Erfolg?

A: Bis zu einer Einwohnerzahl von sechs Millionen ist die Größe einer Stadt enorm wichtig für den wachsenden wirtschaftlichen Erfolg. Doch ab sieben Millionen nimmt die Produktivität der Städte rasant ab. Beispiele hierfür sind Istanbul, Seoul oder Mexiko City. Diese Regionen kämpfen aufgrund ihrer Ausmaße mit so vielen Problemen, dass die Produktivität schrumpft. Die Größe einer Stadt ist kein Garant für wirtschaftlichen Erfolg.

F: Wie ist es dann zu erklären, dass gerade die im internationalen Vergleich eher kleinen deutschen Städte so weit abgeschlagen sind?

A: Unser Urteil über die deutschen Städte fällt doch gar nicht so schlecht aus. Wenn man die US-Metropolen herausrechnet, liegen Stuttgart und München sogar relativ weit vorn. Außergewöhnlich sind vor allem vielen kleinen Städte-Netzwerke in Deutschland.

F: Was heißt das konkret?

A: Die ländlichen Gebiete sind im internationalen Vergleich sehr gut mit den Städten verbunden, was ein großer Vorteil für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Regionen ist. Das gilt besonders für den deutschen Spitzenreiter Stuttgart, der die umliegenden Gemeinden eng an sich gebunden hat. München wiederum hat sich gezielt als Standort für innovative Branchen positioniert, was ebenfalls eine gute Strategie war.

F: Besonders schlecht steht Berlin da. Was muss geschehen, um die Hauptstadt voranzubringen?

A: Innerhalb Deutschlands spielt Berlin historisch gesehen sicher eine Sonderrolle. Das schlechte Abschneiden erklärt das allerdings nur zum Teil. Wir haben in unserer Studie auch viele osteuropäische Städte untersucht, die trotz ihrer schwierigen Geschichte mittlerweile sehr stark wachsen. Berlin muss sich daher in der Tat dringend die Frage stellen, wie die Stadt stärker wachsen kann.

F: Wie werden sich die deutschen Regionen künftig entwickeln?

A: Wir sind da zuversichtlich. Die deutsche Volkswirtschaft ist nicht so stark abhängig vom Erfolg einzelner Ballungsräume wie das in anderen Ländern der Fall ist. Das ist ein großer Vorteil. Zudem lebt es sich in deutschen Städten dank guter Infrastruktur und guten Umweltbedingungen recht gut. Wenn die deutschen Regionen geschickt vorgehen, können sie die gleiche Wirtschaftskraft entwickeln wie andere Metropolen - ohne dabei ihren hohen Lebensstandard zu verlieren.

 

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