"Nachgefragt: Andreas Schleicher"

Interview mit Andreas Schleicher, OECD-Direktorat Bildung
Handelsblatt (Barbara Gillmann), 01.11.2005


Frage: Die Abhängigkeit des Schulerfolges vom sozialen Status der Eltern ist laut Pisa noch gewachsen: Was macht Deutschland falsch? 

Antwort: In den im internationalen Vergleich erfolgreichen Bildungssystemen stehen die Schulen in der Verantwortung, die verschiedenen Fähigkeiten der Schüler innovativ und kreativ zu nutzen, anstatt die Probleme einfach auf Schulformen mit geringeren Anforderungen abzuschieben. Mit dieser Nivellierung des Horizontes vieler Schüler verschenkt das Bildungssystem in Deutschland wertvolles Potenzial und verstärkt die Chancenungerechtigkeit. 

F: Die Chancenungleichheit ist in den Ländern am höchsten, die die besten Ergebnisse aufweisen, etwa Bayern. Sind Elite und Qualität in der Breite doch nicht vereinbar? 

A: Länder wie Finnland, Japan oder Kanada zeigen, dass Spitzenleistungen und Qualität in der Breite gut vereinbar sind. Das, und nicht das Mittelmaß, ist der Maßstab an dem sich Bildungssysteme orientieren müssen. Ein Land wie Deutschland muss soviel besser sein wie es teurer ist. Chancenungerechtigkeit kann sich auf Dauer keine moderne Gesellschaft leisten. 

F: War der drohende Lehrermangel absehbar? 

A: Ja. Die Alterstruktur deutet seit Jahren auf das Problem hin. 

F: Wie ist unsere Versorgung mit Lehrern im internationalen Vergleich? 

A: Unterschiedlich: In den höheren Klassen ist die Versorgung in etwa durchschnittlich. Wo es in Deutschland schon heute hapert, ist die Versorgung in der Grundschule. Hier und im Kindergarten wird sich das Problem am ehesten verschärfen. 

F: Warum ist das Interesse am Lehrerberuf hier zu Lande so gering? 

A: Finanziell sind die Lehrer in Deutschland gut gestellt. Das reicht aber heute nicht mehr, um die Besten für diesen Beruf zu gewinnen. Finnland, Kanada oder Japan zahlen ihre Lehrer teilweise schlechter. Dafür ermöglichen sie ihnen Entwicklung und Kreativität. Dort sind Schulen nicht nur Vermittler von Lehrplänen sondern Lernorganisationen mit intensiver interner Kooperation und Kommunikation. 

F: Zum Beispiel? 

A: Ein deutscher Mathematiklehrer bleibt das 30 Jahre, es gibt kaum Differenzierung, kaum Karrierechancen, kaum Verbindung zu anderen Berufsfeldern, er sitzt sozusagen im goldenen Käfig. Anderswo könnte er sich nach einigen Jahren vielleicht der strategischen Planung, dem Qualitätsmanagement, der Weiterbildung anderer Lehrer oder auch Problemschülern zu widmen. Das deutsche System ist gekennzeichnet durch viele Kästchen, Fächer und Schulformen, aber wenig kreativen Umgang mit Vielfalt. All das bestimmt die Attraktivität des Berufes. 

F: In Finnland gibt es Hilfslehrer.Ist das ein Vorbild? 

A: Die Unterscheidung in Lehrer erster und zweiter Klasse ist nicht hilfreich.  Stattdessen brauchen wir viele Berufe in den Schulen: Lehrer, Psychologen und Sozialarbeiter müssen auf gleicher Augenhöhe miteinander arbeiten. Zugleich müssen wir Lehrer von Aufgaben entlasten, für die sie nicht qualifiziert sind. 

F: Woran krankt die Ausbildung? 

A: Hier sind viele Länder deutlich weiter. In Deutschland fehlt ein starkes pädagogisches Element. Die Lehramtsstudenten fangen mit ihrem Fach an und bauen später ein bisschen Pädagogik ein. In Finnland muss sich der künftige Lehrer zunächst einmal in Pädagogik bewähren, und wenn er zeigt, dass er mit Kindern umgehen kann, baut er seine Fachkompetenz darauf auf. Finnland hat auch damit ein attraktives Berufsfeld geschaffen - auf eine Stelle kommen dort trotz schlechter Bezahlung neun Bewerber. 
 

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