"Europa sollte von russischem Gas nicht abhängig sein"

Interview mit Claude Mandil, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA)
Frankfurter Allgemeine Zeitung (Gerhard Schubert) 01.04.2006


Frage: Herr Mandil, warum sind Sie beunruhigt über die Zuverlässigkeit von Rußland als Gaslieferant?

Antwort: Rußland ist seit langem ein sehr zuverlässiger Gaslieferant für Europa. Doch die Vorfälle Anfang Januar haben gezeigt, daß es Unterbrechungen in der Gaslieferung geben kann. Wir sind nicht sicher, daß Gasprom ausreichend in die Ausbeutung seiner Reserven und in die Produktion investiert. Gasprom verfügt über drei große Erdgasvorkommen, die aber zunehmend ausgeschöpft werden. Die Arbeit an einem vierten Vorkommen wurde aufgenommen, das ist sehr gut, doch ich weiß nicht, ob dies die drei anderen ersetzen kann.

Das Unternehmen investiert nach eigenen Angaben, um die Bedürfnisse des amerikanischen und des chinesischen Marktes zu stillen. Nötig ist es aber auch, in Erdgasvorkommen zu investieren, um Europa zu beliefern. Wenn man die kommerziellen Verpflichtungen von Gasprom und seine Ressourcen einschließlich des zugekauften Gases aus Zentralasien gegenüberstellt, so ergibt sich nach unseren Schätzungen ein wachsendes Defizit, das 2020 mehrere Dutzend Milliarden Kubikmeter erreicht. Das ist sehr beunruhigend, und daher hoffen wir uns demnächst mit Gasprom treffen zu können, um das Thema zu besprechen. Wir würden gerne wissen, ob unsere Berechnungen stimmen.

F: Wie könnte man die Lage verbessern?

A: Erstens ist Rußland selbst ein enormer Gasverbraucher und könnte mehr Energiesparmaßnahmen treffen. Es wird noch zuviel Gas verschwendet, etwa durch Lecks in den Transportröhren oder allgemein rückständige Technologie. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) könnte bei der Finanzierung von Investitionen helfen. Auch müßten die niedrigen Gaspreise in Rußland nach und nach angehoben werden, damit die Verbraucher bewußter mit Energie umgehen.

Zweitens sollte unabhängigen Gasproduzenten in Rußland der Export von Gas gestattet werden. Heute hat Gasprom das Monopol. Auch den russischen Ölproduzenten sollte erlaubt werden, das Gas zu exportieren, das bei ihrer Ölförderungen entsteht. Statt dessen fackeln sie es ab, was eine schreckliche Verschwendung und große Umweltbelastung ist. Drittens können auch die Europäer mehr Energie sparen, gerade im Strombereich. Das würde ihre Abhängigkeit von Importen verringern.

Ich sage nicht, daß wir vom russischen Gas unabhängig werden sollen, denn es ist eine Chance für uns. Ich sage nur, Europa sollte nicht vom russischen Gas abhängig sein wie ein Drogensüchtiger. Mehr Umschlagstellen für Flüssiggas in Europa, die Gas aus entlegenen Gegenden aufnehmen können, würden dabei auch helfen.

F: Was halten Sie vom deutschen Energiemix und von der Entscheidung des Ausstiegs aus der Atomenergie?

A: Der Energiemix ist ziemlich gut. Es gibt mit Kohle, Gas, Atomenergie und erneuerbaren Energien eine Vielzahl von Energiequellen. Zum Atomausstieg: Ich respektiere jede demokratisch getroffene Entscheidung. Die Kernenergie ist nicht nur eine technische oder ökonomische Frage, sondern ist auch stark von der öffentlichen Meinung bestimmt. Ich verstehe das und will die deutsche Debatte nicht kommentieren. Global gesehen aber brauchen wir mehr Kernenergie, wenn wir unsere Versorgungssicherheit, die ökonomische Effizienz und den Klimaschutz steigern wollen.

Die Nuklearenergie ist billig, vor allem wenn man die Kosten für den Kohlendioxydausstoß einbezieht. Daher wird es hoffentlich nicht zu viele Länder geben, die aus der Atomenergie aussteigen. Zudem müssen die Konsequenzen eines Ausstieges besser analysiert werden. Was heißt das für die anderen Energiequellen? Braucht man dann mehr Kohle? Was bedeutet dies für den Klimawandel? Braucht man mehr alternative Energien, zu welchen Preisen? Kauft man mehr Energie bei den Nachbarn ein, vielleicht auch Atomstrom, und ist dann der Ausstieg nicht ein bißchen scheinheilig?

F: Wie beurteilen Sie Deutschlands Umgang mit alternativen Energien?

A: Grundsätzlich, nicht nur in bezug auf Deutschland, halte ich es für falsch, sich numerische Ziele für einen Anteil alternativer Energien zu setzen. Denn sie verführen Regierungen dazu, den leichten Weg der Subventionierung zu beschreiten. Doch das ist sehr teuer, entweder für den Steuerzahler oder für den Stromverbraucher. In Deutschland ist es teuer für den Stromverbraucher. Grundsätzlich muß mehr in Forschung und Entwicklung alternativer Energie investiert werden, damit sie billiger werden. Das gilt vor allem für die Sonnenenergie.

F: Wie kann der europäische Energiemarkt verbessert werden?

A: Wir brauchen mehr grenzüberschreitenden Energieaustausch. In der Praxis gibt es noch zu viele Hindernisse, etwa unterschiedliche Normen und Prozesse sowie mehrere Regulierungsbehörden, die zustimmen müssen. Außerdem brauchen wir mehr grenzüberschreitende Pipelines und Stromleitungen.

F: Sie haben einen Investitionsrückstand in der europäischen Energieindustrie beklagt. Brauchen wir mehr große Industriegruppen?

A: Ich glaube ja, denn sie können die notwendigen Investitionen, die sehr hoch sind, besser bewältigen. Dafür muß es aber einen echten europäischen Markt geben mit echtem Wettbewerb.

F: Dazu muß aber auch der grenzüberschreitende Kauf von Energiekonzernen möglich sein.

A: Das ist richtig. Wer dies blockiert, schützt nicht die Konsumenten, wie das oft behauptet wird. Nicht die Nationalität eines Unternehmens bestimmt den Schutz der Verbraucher, sondern die Regulierungsbehörde und der Gesetzgeber. Sie müssen darüber wachen, daß der Wettbewerb gut funktioniert.

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