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Interview mit Monika Queisser, OECD-Rentenexpertin im Direktorat Beschäftigung, Arbeit und Soziales
Weser Kurier (Hans-Ulrich Brandt), 8. Juni 2007
Frage: Um ein geflügeltes Wort des Ex-Sozialministers Norbert Blüm aufzugreifen: Sind die Renten in Deutschland sicher?
Antwort: Ja, sie sind sicher. Aber sie sind nicht hoch. Das ist das auffälligste Ergebnis der neuen OECD-Studie.
F: Woran liegt das?
A: Es liegt vor allem daran, dass in Deutschland – mehr als in anderen Ländern – die Beiträge und die Rentenhöhe stark gekoppelt sind. Und das bedeutet natürlich, dass jemand, der sehr wenig verdient, auch sehr wenig herausbekommt. Die meisten anderen OECD-Länder haben sich im Gegensatz dazu entschieden, den Armen stärker zu helfen. Sie haben Regulierungen eingeführt, wie zum Beispiel Großbritannien, die die Einkommen am unteren Ende stützen.
F: Sie sprechen es an: Am stärksten betroffen von den Rentenreformen sind Geringverdiener. Droht uns eine Altersarmut?
A: Im Moment noch nicht, denn die OECD-Studie schaut ja in die Zukunft. Wir zeigen die Rentenniveaus für Menschen, die jetzt anfangen zu arbeiten und nach 45 Jahren in Rente gehen. Das heißt, noch gibt es wenig Altersarmut – den deutschen Rentnern geht es noch nicht schlecht. Aber es wird ihnen in Zukunft, wenn sie nur von der gesetzlichen Rente leben müssen, schlecht gehen. Darüber ist sich übrigens die Bundesregierung durchaus im Klaren und hat deshalb die Riester-Rente eingeführt, um den Menschen klarzumachen: Ihr könnt Euch nicht mehr allein auf die gesetzliche Vorsorge verlassen.
F: Lässt man die private Vorsorge einmal außen vor, dann liegt das künftige durchschnittliche Rentenniveau fast 20 Prozent unter dem OECD-Schnitt. Dabei hat Deutschland mit die höchsten finanziellen Aufwendungen für die Altersversorgung. Was ist faul im System?
A: Die Probleme, die die deutsche Rentenversicherung heute hat, sind vor allem Probleme aus der Vergangenheit – in erster Linie ist hier die massive Praxis der Frühverrentung zu nennen. Das belastet die Rentenkassen weiterhin.
F: Ohne eine langjährige private Vorsorge wird die Altersrente nicht mehr reichen. Bleibt denn allen Versicherten genug Zeit, um sich privat abzusichern?
A: Allen Versicherten, gerade den Älteren, wird nicht genug Zeit bleiben. Sie werden sich schon ein bisschen mehr anstrengen müssen. Und die Jüngeren müssen schnell kapieren, dass sie sofort mit der Vorsorge anfangen müssen. Wichtig ist vor allem, kontinuierlich zu sparen, denn dann muss der Beitrag auch nicht so hoch sein.
F: Ist der Mix aus Umlageverfahren und Kapitalversicherung, den Deutschland gewählt hat, eine gute Entscheidung?
A: Das ist eine sehr gute Entscheidung, das sollten mehr OECD-Länder machen, weil so die Risiken und Lasten im System viel besser verteilt werden. Das Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung ist von der Lage auf dem Arbeitsmarkt und von der demographischen Entwicklung abhängig – vom Verhältnis Beitragszahler zu Rentner. Die private Zusatzversorgung hängt von der Entwicklung auf den Kapitalmärkten ab.
F: Im internationalen Vergleich betrachtet: Von welchen Ländern könnte Deutschland bei der Alterssicherung am meisten lernen?
A: Von Ländern, die relativ geringe gesetzliche Renten haben und, wie zum Beispiel Großbritannien, spezielle Fördermaßnahmen für den Bereich unterer Einkommen geschaffen haben. Aber auch von der Schweiz, wo alle in einem umlagefinanzierten System pflichtversichert sind und relativ geringe Renten erhalten, wo aber eine ergänzende Zusatzversicherung obligatorisch ist.
F: Die Riester-Rente ist freiwillig – müsste sie nicht obligatorisch werden?
A: Ja, das ist eine Überlegung wert. Allerdings muss man sich auch fragen, ob die Menschen im unteren Einkommensbereich überhaupt noch sparen können. Es müsste also vorher die Frage geklärt werden, ob denn eine obligatorische private Vorsorge wirklich die beste Alterssicherung für untere Einkommensbereiche ist oder nicht.
F: Welche Alternativen gäbe es?
A: Man könnte im System auch mehr Umverteilung für die Ärmeren machen und dafür die Bezieher mittlerer Einkommen stärker zur privaten Vorsorge animieren.
F: Im Bereich Gesundheit und Soziales galt Deutschland jahrelang als Vorbild für viele Länder. Ist das auch heute noch so?
A: Lernen können andere Länder sicherlich von der Nachhaltigkeit, die Deutschland bei der Rentenreform hinbekommen hat. Immer hing uns der Ruf an, wir seien nicht reformierbar. Doch die Art und Weise, wie die Reform diskutiert und umgesetzt wurde, ist vorzeigbar. Auch die Entscheidung, die Rentenhöhe an die Lebenserwartung zu koppeln, leiten mehrere andere Länder in die Wege.
F: Wenn Sie das deutsche Rentensystem benoten müssten, welche Note wäre das?
A: Betrachte ich die Versorgung für die unteren Einkommensbereiche, müsste ich eine schlechte Note geben. Wenn es umdie finanzielle Stabilität und die Reformfreudigkeit geht, müsste es eine gute Note sein.
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