Share

Glenda Quintini, Arbeitsmarktökonomin - Meine Zahl ist 54

 

Ich arbeite seit 2002 im OECD Direktorat für Beschäftigung, Arbeit und Soziales und erforsche Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt wichtig sind. Davor habe ich Wirtschaftswissenschaften in Italien und Großbritannien studiert und im Bereich Arbeitsmarktökonomik promoviert. Bei der OECD betreue ich verschiedene Projekte, bei denen es darum geht, die Kompetenzen von Erwachsenen zu analysieren. Beispielsweise untersuchen wir für die PIAAC-Studie die Grundkompetenzen Erwachsener im Lesen, Rechnen und im Problemlösen am Computer. In einem weiteren Projekt, der OECD Skills for Jobs Database, analysieren wir für verschiedene Berufsgruppen in über 40 Ländern, an welchen Kompetenzen es derzeit in den einzelnen Berufen mangelt und welche Fähigkeiten zukünftig auf den Arbeitsmärkten gebraucht werden.

 

Meine Zahl: 54

2018 habe ich an einer Studie mitgearbeitet, in der wir untersucht haben, wie wahrscheinlich es ist, dass es bestimmte Berufe bald nicht mehr gibt, weil Maschinen die Arbeit übernehmen. Mithilfe der PIAAC-Studie haben wir typische Aufgabenbereiche der jeweiligen Berufe herausgearbeitet und untersucht, ob diese Aufgaben teilweise oder vollständig automatisiert werden können. Betrachtet man den bisherigen Forschungsstand zu künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Maschinen, ist der Mensch der Maschine vor allem beim Lösen komplexer Probleme, beim Beraten, Verhandeln und Lehren noch weit voraus. Wenn in Berufen diese Aufgaben besonders gefragt sind, ist das Automatisierungsrisiko geringer. In Deutschland ist das Automatisierungsrisiko für Tätigkeiten und Berufe, die wir international analysiert haben, höher als im OECD-Durchschnitt. Das kann daran liegen, dass der Gesamtanteil der Berufe in Deutschland höher ist, in denen Prozesse leichter automatisiert werden können. Aber auch der gleiche Beruf kann in verschiedenen Ländern einem unterschiedlich hohen Risiko ausgesetzt sein, automatisiert zu werden. Dabei spielt es auch eine Rolle, wie weit die Automatisierung in einzelnen Ländern schon fortgeschritten und sich Berufsbilder bereits gewandelt haben.

 

Meine Zahl, die 54, bezieht sich auf dieses Ergebnis für Deutschland: 54% aller Berufe in Deutschland werden sich durch Automatisierung stark verändern oder sogar vollständig verschwinden. Dieser Wert liegt über dem OECD-Durchschnitt von 46%. In mehr als der Hälfte aller Berufe in Deutschland werden sich die Menschen also an den Einsatz neuer Technologien anpassen müssen. Das erfordert für Arbeitnehmer entweder entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen im aktuellen Job oder Umschulungsmaßnahmen für einen neuen Arbeitsplatz. Leider erhält derzeit aber nur circa ein Drittel (36%) der Arbeitnehmer, deren Jobs einem hohes Automatisierungsrisiko ausgesetzt sind, regelmäßige Weiterbildungsmaßnahmen. Im Kontrast dazu steht die hohe Weiterbildungsquote von Arbeitnehmern, deren Jobs ein geringes Automatisierungsrisiko aufweisen: In dieser Gruppe bilden sich 72% der Arbeitnehmer jährlich weiter.


Darauf kommt es mir am meisten an:

Durch unsere Forschung können wir zeigen, dass sich Weiterbildung viel stärker an Arbeitnehmern ausrichten muss, deren Jobs besonders von Automatisierungsprozessen bedroht sind. Gerade sie brauchen Unterstützung, um sich auf neue Bedingungen im Arbeitsmarkt einzustellen. Hinzu kommt, dass die meisten neuen Jobs in Sektoren entstehen, in denen innovative Technologien eine wichtige Rolle spielen. Damit dieser Wandel der Arbeit gelingen kann, muss es eine nachhaltige Transformation in neue Berufsbilder geben.

Wirst du dich weiter mit der Zukunft der Arbeit beschäftigen?

2022 möchten wir mit PIAAC in die zweite Runde starten und herausfinden, welche Tätigkeiten und Kompetenzen besonders „menschlich“ sind und nicht so leicht von Maschinen übernommen werden können. Das können zum Beispiel Tätigkeiten in der Pflege und Betreuung oder bei kreativen Berufen sein. Außerdem wollen wir mehr darüber wissen, ob und inwieweit sich Arbeitsplätze schon jetzt durch Automatisierungsprozesse gewandelt haben und ob Arbeitnehmer entsprechend weitergebildet wurden, um sich diesen Veränderungen anzupassen.

Publikationen, an denen ich mitgearbeitet habe

» Automation, skills use and training (2018)

» Working and learning: A diversity of patterns (2015)

» Skills at Work: How Skills and their Use Matter in the Labour Market (2014)

» Zur Projektseite "Meine Zahl"

 

Related Documents