Gesundheitsbericht: Umfassende Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch können tausende Leben retten

 

(Paris/Berlin, 12. Mai 2015) - Politische Maßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch könnten in Deutschland jährlich mehr als 44.000 Leben retten. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngste Gesundheitsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), „Tackling harmful alcohol use“, der heute in Paris veröffentlicht wurde. Strengere gesetzliche Regeln für Alkoholwerbung und -verkauf, höhere Steuern auf alkoholische Getränke, die konsequente Durchsetzung von Promillegrenzen im Straßenverkehr, aber auch eine frühe Ansprache durch den Hausarzt  bei Verdacht auf gesundheitsschädlichen Alkoholkonsum könnten demnach nicht nur verhindern, dass Menschen vorzeitig sterben, sie hätten auch positive Auswirkungen auf die Anzahl der gesund verbrachten Lebensjahre.

Nach Erkenntnissen des Berichts ist der Effekt solcher Maßnahmen gebündelt größer als isoliert. Ein Maßnahmenpaket aus einer 10-prozentigen Steuererhöhung für alkoholische Getränke sowie einer strengeren Gesetzgebung für Alkoholwerbung und -verkauf könnte es nach OECD-Kalkulationen in Deutschland ermöglichen, die Anzahl der alkoholbedingten Verletzungen  im Schnitt jährlich um 138.000 und die der Krebserkrankungen und Leberzirrhosen um etwa 4300 zu verringern. Gleichzeitig wären die Kosten für ein solches Paket mit sechs US-Dollar pro Person im Jahr verhältnismäßig gering. Dies umso mehr, als den Mehrausgaben für die Prävention ein finanzieller Vorteil von mehreren Hundertmillionen US-Dollar jährlich durch Ersparnisse bei den Gesundheitsausgaben gegenüber stünde.

Weltweit ist Alkohol inzwischen die fünfthäufigste Ursache für Tod und Behinderungen: Übermäßiger Alkoholkonsum tötet mehr Menschen als HIV/Aids, Gewalt und Tuberkulose zusammengenommen. Im Schnitt der 34 OECD-Länder ist der Alkoholkonsum in den vergangen 20 Jahren zwar leicht zurückgegangen, aber das Trinkverhalten gerade junger Menschen und auch von Frauen ist in vielen Ländern problematischer als in der Vergangenheit. In vielen Staaten ist Alkohol heute leichter verfügbar, preiswerter und effektiver beworben als noch vor einigen Jahrzehnten.

„Übermäßiger Alkoholkonsum verursacht weltweit massive Kosten für die Gesellschaft und die Wirtschaft“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurrìa bei der Vorstellung des Berichts. „Unsere Publikation liefert eindeutige Belege dafür, dass Präventionsmaßnahmen – selbst die teureren – sich langfristig auszahlen. Und sie unterstreicht, das Regierungen dringend handeln müssen.“

Im Durchschnitt trinkt jeder Mensch über 15 Jahre im OECD-Raum jährlich den Gegenwert von  9,1 Litern reinem Alkohol. Das entspricht mehr als 100 Flaschen Wein oder gut 200 Litern Bier. Rechnet man hinzu, dass ein Teil des Alkoholverkaufs nicht erfasst wird, steigt der Pro-Kopf-Konsum auf mehr als 10 Liter im Jahr. Der globale Durchschnitt liegt bei 6,2 Litern. Deutschland gehört mit einem Mittelwert von 11 Litern reinem Alkohol pro Kopf zu den Ländern mit dem höchsten Verbrauch.

Wie in anderen Ländern entfällt auch in Deutschland der größte Teil des Alkoholkonsums auf eine relativ kleine Gruppe von Vieltrinkern:  60 Prozent des Gesamtalkoholkonsums erfolgen hierzulande durch die 20 Prozent der Personen, die am stärksten trinken. Jugendliche und junge Erwachsene gehören OECD-weit immer häufiger dazu: Für das Jahr 2010 gaben 43 Prozent der 15-jährigen Jungen und 41 Prozent der Mädchen an, schon einmal betrunken gewesen zu sein. Im Jahr 2002 waren es nur 30, beziehungsweise 26 Prozent.

Und selbst unter all jenen, die Alkohol nur in Maßen zu sich nehmen, würden laut Bericht vier von fünf Menschen ihre Gesundheit stärken, wenn sie pro Woche auf eine Alkoholeinheit – also etwa ein kleines Bier – verzichten würden. Insgesamt aber sollten die Präventionsmaßnahmen nach Aussage des Berichts vor allem starke Trinker ins Visier nehmen. Vielversprechend, wenn auch finanziell verhältnismäßig aufwändig, ist in diesem Zusammenhang die Förderung von Allgemeinmedizinern, die Patienten mit sichtbarem oder vermutetem Alkoholproblem ansprechen und überzeugen, das Problem anzugehen.

 

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