Österreich: Fortgesetzte Reformen wichtig für Qualität und Chancengleichheit in Bildung

 

(Paris/Berlin 9. Februar 2012)  Die Leistungen österreichischer Schüler hängen stärker von der sozialen Herkunft ab als in vielen anderen Industrieländern. Der heute veröffentlichte OECD-Bericht „Equity and Quality in Education” appelliert daher, bereits begonnene Reformen weiterzuverfolgen und Schulen mit vielen benachteiligten Schülern stärker zu unterstützen. Gezielte Maßnahmen für schwache Schüler oder Schulen, könnten die Zahl der Schulabbrecher senken sowie das Wirtschaftswachstum und eine gerechtere Gesellschaft fördern, argumentiert der Bericht. Österreich ist eines von neun OECD-Ländern, die an der Studie teilgenommen haben.

Die PISA-Tests belegen, dass vielen Schülern in der OECD grundlegende Fähigkeiten fehlen, um ihr Leben erfolgreich zu meistern. Im OECD-Schnitt verlässt zum Beispiel beinahe jeder fünfte Schüler die Schule ohne Sekundarabschluss. Österreich hat mit zwölf Prozent erfolgloser Schulabgänger in der Gruppe der 25-34-Jährigen zwar eine relativ gute Stellung, aber auch hier kommen die meisten Schulabbrecher aus armen oder bildungsfernen Familien oder haben einen Migrationshintergrund. Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen gehen zudem häufiger in Schulen, die nur über geringe Mittel verfügen. Hinzu kommt, dass sich die Eltern private Nachhilfe oft nicht leisten können.

Eine Reihe von Maßnahmen könnte zu mehr Gleichheit im Bildungssystem beitragen:

  • Das Wiederholen von Schuljahren ist kostenintensiv und führt häufig dazu, dass die sozio-ökonomischen Unterschiede noch stärker ins Gewicht fallen. 12,6 Prozent aller 15-Jährigen Österreicher haben mindestens eine Klassenstufe doppelt absolviert, etwa so viele wie im OECD-Schnitt. Vor einem Jahr kündigte die österreichische Regierung an, das Sitzenbleiben in der Oberstufe abzuschaffen. Diese Entwicklung ist vielversprechend und sollte auch auf andere Jahrgangsstufen ausgeweitet werden.
  • Eine frühe Einteilung der Schüler (in Österreich zu Haupt-, Sonderschule oder AHS) demotiviert Schüler, die einer weniger angesehenen Schulform zugeteilt werden. Diese Auswahl findet in Österreich schon bei 10-Jährigen statt – früher als in den meisten anderen OECD-Ländern. Ein erster Schritt in Richtung längeres gemeinsames Lernen ist die Gründung Neuer Mittelschulen, die in den kommenden Jahren die Hauptschule völlig ersetzen sollen. Die Reformen lassen allerdings die allgemein bildende höhere Schule außen vor, was die Chancengleichheit an österreichischen Schulen weiterhin beeinträchtigt.
  • Die Wahl der Schulen durch Eltern verstärkt die soziale Trennung. In Österreich schicken gerade Eltern in Großstädten ihre Kinder häufig zu Privatschulen. Auswahlverfahren, die Elternwünsche und soziale Aspekte miteinander vereinbaren, könnten helfen, die Chancengleichheit zu erhöhen. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, Anreize für Schulen zu schaffen, die benachteiligte Schüler aufnehmen und sozial schwache Familien besser über die schulischen Möglichkeiten ihrer Kinder zu informieren.
  • Finanzentscheidungen sollten so getroffen werden, dass eine qualitativ hochwertige Betreuung von frühster Kindheit an gewährleistet ist. Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass sich Österreich entschieden hat, den Kindergartenbesuch für Fünfjährige kostenfrei und verpflichtend zu gestalten. Auf der anderen Seite werden in Österreich nur vergleichsweise wenige Kinder unter drei Jahren außer Haus betreut – eine höhere Beteiligung gerade sozial schwacher Kinder wäre für die Familien und die Gesellschaft von Vorteil.
  • Der erfolgreiche Abschluss der Sekundarstufe gilt in der OECD als Grundlage für eine solide berufliche Laufbahn. Österreich hat, nicht zuletzt durch seine duale Berufsausbildung, eine verhältnismäßig hohe Abschlussquote – mit durchaus positiven Auswirkungen auf die Beschäftigungsschancen junger Menschen. Allerdings könnte eine strukturiertere Beratung Jugendlichen und jungen Erwachsenen dabei helfen, die vielfältigen Möglichkeiten der Sekundarstufe kennenzulernen und die passende (Berufs-)Ausbildung zu wählen.

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