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OECD-Bericht zur Stadtentwicklung analysiert ökonomische und ökologische Bilanz von Ballungszentren

 

(Berlin/Paris, 18. Februar 2015) - Städte mit vielen Einwohnern sind oft produktiver als kleinere urbane Zentren und erwirtschaften dadurch ein größeres Bruttoinlandsprodukt. Allerdings machen zersplitterte Verwaltungsstrukturen einen Teil dieses Wirtschaftsvorteils häufig wieder zunichte. Der jüngste OECD-Bericht zur Stadtentwicklung, „The Metropolitan Century“, nennt eine Reihe von Faktoren, die Produktivität und Wirtschaftswachstum in Städten positiv beeinflussen: So führt der stärkere Wettbewerb von Arbeitgebern und Arbeitnehmern dazu, dass Stellen mit den bestmöglichen Kandidaten besetzt werden. Zudem ist das intellektuelle und unternehmerische Umfeld vielfältiger, was wiederum dabei hilft, dass sich neue Ideen schneller verbreiten. Schließlich ist der Anteil hochqualifizierter Menschen in Großstädten verhältnismäßig hoch – das verbessert dem Bericht zufolge die Leistungsfähigkeit anderer Menschen mit hohem Kompetenzniveau, wirkt aber auch auf die Produktivität weniger Gebildeter.

„The Metropolitan Century“ analysiert den Einfluss großer Städte auf das Wohl der Bewohner sowie auf die ökonomische und ökologische Entwicklung der Länder, in denen sie sich befinden. Die Publikation erläutert, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit urbane Zentren gut funktionieren und welche Herausforderungen die Urbanisierungswelle des 21. Jahrhunderts für Planer und Politiker mit sich bringt.

Besonders attraktiv ist das Leben in Städten für qualifizierte Menschen im Erwerbsalter. Sie verdienen in Ballungsräumen deutlich mehr als auf dem Land und haben dort bessere Aussichten, einen Job zu finden, der ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht. Für Arbeitssuchende mit niedrigerer Qualifikation ist die Situation häufig schwieriger. Die Kehrseite guter Löhne und eines passgenauen Arbeitsmarktes ist Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit. Diese ist in Städten oft größer als im ländlichen Raum und wird dadurch verschärft, dass das höhere Lohnniveau von Ballungsräumen auch mit höheren Preisen einhergeht.

In vielen Städten verlaufen darüber hinaus klare geografische Grenzen zwischen arm und reich. Diese Grenzen verstärken die ohnehin schon vorhandene soziale Trennung und führen im schlechtesten Fall dazu, dass sich soziale Ungleichheit automatisch fortsetzt. Wo die Stadtverwaltung auf viele Gemeinden oder Bezirke aufgeteilt ist, erhöht sich die Gefahr für solche Automatismen: Ärmere Bezirke nehmen in der Regel weniger Steuern ein und haben dadurch auch weniger Mittel, mit denen sie Infrastruktur und öffentliche Dienste finanzieren könnten. Bewohner, die es sich leisten können, in Gebiete mit besseren Strukturen zu ziehen, verlassen die armen Nachbarschaften und setzen somit eine Abwärtsspirale in Gang.

Stadtübergreifende Verwaltungsmechanismen, die sicherstellen, dass öffentliche Dienste weithin verfügbar sind und dass ärmere Viertel durch ein gut funktionierendes öffentliches Nahverkehrsnetz an reichere Viertel angebunden sind, können verhindern, dass die soziale Spreizung in Metropolen weiter voranschreitet. Der öffentliche Nahverkehr spielt aber nicht nur in sozialer, sondern auch in ökologischer Hinsicht eine zentrale Rolle: Der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß in Ballungsgebieten kann niedriger sein als im ländlichen Raum – vorausgesetzt, das Nahverkehrssystem ist gut ausgebaut und die negativen Folgen von motorisiertem Individualverkehr (Luftverschmutzung, Stau, Lärm) werden mit einem angemessenen Preis versehen. Allzu häufig ist das nicht der Fall, Großstädte zersiedeln und die potenziell positive Umweltbilanz der urbanen Zentren leidet.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Bericht eine enge Zusammenarbeit zwischen städtischen Raum- und Verkehrsplanern, die sicherstellt, dass große Stadtgebiete durch das öffentliche Transportnetz erschlossen werden. Darüber hinaus muss gewährleistet sein, dass die gesetzlichen Regeln zur Bebauung abwägen zwischen dem Schutz historischer Viertel und Grünflächen auf der einen und dem Bedarf an neuem Bauland auf der anderen Seite.

Die meisten Industrieländer haben die großen Urbanisierungsphasen schon hinter sich. Hier geht es künftig vor allem darum, Großstädte auf die Bedürfnisse einer älter werdenden Bevölkerung auszurichten und insgesamt einen attraktives und sicheres Lebensumfeld zu schaffen. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern hingegen stehen in den kommenden Jahrzehnten enorme Veränderungen an. Sie kämpfen oft noch darum, grundlegende Infrastruktur wie Trink- und Abwasserversorgung oder Strom für alle Stadtbewohner zugänglich zu machen. Gleichzeitig können sie die Urbanisierung so bewusst gestalten wie kaum ein Land Europas oder Nordamerikas. Kluge Stadtpolitik, so der Bericht, kann ihnen dabei helfen, ihre Städte zu lebenswerten Orten zu machen und sie zu Wirtschafts-Zentren zu formen, die mehr ökonomische Stärke haben, als eine ganze Anzahl kleinerer OECD-Länder für sich genommen.

Mit der Frage, wie Großstädte am besten verwaltet werden, beschäftigt sich ein weiterer aktueller Bericht der OECD: „Governing the City“ schaut auf Verwaltungsformen rund um den Globus und beleuchtet anhand von sechs Fallstudien – unter anderem zu Frankfurt a.M. –, welche Ansätze und Probleme es in Metropolregionen der OECD gibt.

 

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