Dauerhafte Zuwanderung nach Deutschland stark angestiegen – Bessere Arbeitsmarktintegration Hochqualifizierter wäre positiv für den Staatshaushalt

 

(Paris/Berlin, 13. Juni 2013) - Die dauerhafte Zuwanderung nach Deutschland ist zwischen 2010 und 2011 so stark angestiegen wie in kaum einem anderen OECD-Land. Knapp 300.000 Menschen kamen im letzten Jahr, für das harmonisierte Zahlen vorliegen – etwa 68.000 mehr als im Vorjahr. Wie die aktuelle Ausgabe des “Internationalen Migrationsausblicks” der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zeigt, steht Deutschland damit an fünfter Stelle unter den Zielländern der OECD. Die USA, Spanien, Großbritannien und Italien ziehen, trotz teils erheblicher Rückgänge seit Ausbruch der Krise, noch immer mehr Menschen an (Tabelle 1.1).

Insgesamt wanderten 2011 gut vier Millionen Menschen dauerhaft in die OECD-Staaten ein – ein Plus von zwei Prozent gegenüber 2010, aber noch unter Vorkrisenniveau (4,7 Mio.). Von diesen Migranten stammten 275.000 aus europäischen Krisenländern. Ein Drittel davon ging nach Großbritannien. Deutschland war für Migranten aus Südeuropa, Island und Irland die zweitwichtigste Destination, gut ein Viertel (78.000) ließ sich hier nieder. (Tabelle 1.4.)

Vorläufigen Zahlen für 2012 zufolge stieg die krisenbedingte Wanderung vor allem aus Griechenland und aus Spanien weiter an. In Deutschland hat sich der Zuzug aus diesen Ländern zwischen 2007 und 2011 um 73, beziehungsweise knapp 50 Prozent erhöht. Kräftige Zuwächse gab es auch bei den Portugiesen und den Italienern (+ 35% seit 2007). Dauerhaft ist die Zuwanderung aus Krisenländern jedoch häufig nicht: In den vergangenen Jahren blieb nur jeder zweite Grieche und sogar nur jeder dritte Spanier länger als ein Jahr in Deutschland.

Unabhängig von der Krise ist die sogenannte Freizügigkeit im Europäischen Wirtschaftsraum in Deutschland für den größten Teil der dauerhaften Zuwanderung verantwortlich (68%). Mit einigem Abstand folgt der Familiennachzug und in noch geringerem Umfang humanitär begründete Migration. Gemessen an der Gesamtbevölkerung liegt die Neuzuwanderung nach Deutschland mit knapp 0,4 Prozent trotz des Anstiegs noch immer unter dem OECD-Schnitt von 0,6 Prozent. (Abb.1.3.)


 

Zum ersten Mal enthält der Migrationsausblick in diesem Jahr Analysen zu den fiskalischen Folgen der Zuwanderung für die Zielländer. Für den OECD-Durchschnitt stellt sich heraus, dass Familien, deren Oberhaupt im Ausland geboren ist, zwar weniger an Steuern und Sozialabgaben in die Staatskasse einzahlen als inländische Familien, dass sie aber, wenn man die Rentenbeiträge und -zahlungen außen vor lässt, auch weniger oft Sozialleistungen beziehen. Auch in Deutschland erhalten Migranten weniger dieser Transfers als im Inland Geborene (Abb. 3.8). Besonders deutlich ist das beim Arbeitslosengeld und bei Familienzulagen. Wohngeld und Sozialhilfe beziehen zugewanderte Familien in Deutschland dagegen geringfügig häufiger als in Deutschland Geborene. Den stärksten Unterschied zwischen Zuwanderern und Nicht-Zuwanderern gibt es jedoch bei den Renten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in Deutschland anteilig mehr Migranten im Rentenalter leben als in allen anderen OECD-Ländern mit Ausnahme von Polen. (Tabelle 3.6.).

Unter den Zugewanderten im erwerbsfähigen Alter verzeichnet Deutschland eine außergewöhnlich positive Entwicklung: Die Beschäftigungsquote für Migranten stieg von 2008 bis 2012 um fünf Prozentpunkte. Im gleichen Zeitraum kam es unter den im Land Geborenen zu einem relativ moderaten Anstieg von 1,5 Prozentpunkten. Die weite Mehrzahl der anderen OECD-Länder hingegen erfährt seit 2008 teilweise erhebliche Rückschläge bei der Arbeitsmarktintegration von Migranten. (Tabelle 2.A1.1)

Wie wichtig diese Integration für die Volkswirtschaften der OECD ist, geht aus Schätzungen der Studienautoren hervor, die darlegen, welchen ökonomischen Mehrwert es hätte, wenn Zuwanderer im gleichen Maße erwerbstätig wären wie im Land Geborene. In Belgien etwa würde ein solcher Beschäftigungsgleichstand die Staatseinnahmen um etwa 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigern. Auch in Deutschland könnten die Nettoeinnahmen des Staats den Berechnungen zufolge erheblich wachsen, wenn in- und ausländisch Geborene gleichermaßen auf dem Arbeitsmarkt vertreten wären. (Abb. 3.A1.5.). Würden Bund, Länder und Kommunen, aber auch Wirtschaft und Gesellschaft die Arbeitsmarktintegration von hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten stärker fördern, lägen die potenziellen Mehreinnahmen für den Staat bei über 3,5 Milliarden Euro.

Die Chancen auf einen Job sind für viele zugewanderte Gruppen im Zielland allerdings signifikant geringer als für Personen ohne Migrationshintergrund. Der Bericht hält fest, dass beispielsweise im Lande geborene Nachfahren türkischer Zuwanderer in Belgien eine fünfmal so große Wahrscheinlichkeit haben, arbeitslos zu sein wie Belgier mit gleichem Alter, Bildung und familiären Status, aber ohne Migrationshintergrund. Für Deutschland existiert diese Berechnung für die Nachfahren der beiden größten Migrantengruppen: Türken und Ex-Jugoslawen. Während Männer mit türkischem Hintergrund knapp doppelt so häufig mit Arbeitslosigkeit rechnen müssen, ist der Unterschied für Kinder von Ex-Jugoslawen statistisch unbedeutend.

Bezeichnenderweise sind es in den europäischen OECD-Ländern auch die (männlichen) Nachfahren von Migranten, die sich am stärksten diskriminiert fühlen: Rund ein Viertel dieser Personengruppe rechnet sich selbst zu einem Kreis, der diskriminiert wird. Unter den Zuwanderern der ersten Generation sind es dagegen nur 15 Prozent. Laut Bericht ist das Ausmaß der Diskriminierung höher als gemeinhin angenommen. Deshalb sei es wichtig, Vorurteilen den Kampf anzusagen und eine ausgewogene, faktenbasierte Diskussion über Migrationsthemen zu führen.

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