Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler in Österreich unter Durchschnitt

 

Korea und Finnland liegen im internationalen Bildungsvergleich PISA an der Spitze aller OECD-Länder. Hier erzielten die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler beim Lesen die besten Ergebnisse. Für Österreich fallen die Resultate dagegen deutlich schwächer aus.


(Berlin/Paris - 7. Dezember 2010) Die im Jahr 2009 durchgeführte vierte PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beruht auf Schulleistungstests, an denen eine halbe Million 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in allen 34 OECD-Mitgliedstaaten sowie weiteren 31 Partnerländern und -volkswirtschaften teilgenommen haben. Der Schwerpunkt der PISA-Studie 2009 lag auf der Fähigkeit zu lesen.


Österreich liegt mit gemessenen 470 PISA-Punkten im unteren Mittelfeld des internationalen Vergleichs. (2000 entsprach der OECD-Durchschnitt 500 PISA-Punkten). Allerdings können die österreichischen Daten nur mit Vorbehalt gewertet werden. Die Tests für PISA 2009 wurden in Österreich in einer Zeit durchgeführt, die durch eine Auseinandersetzung zwischen der Lehrergewerkschaft und dem Unterrichtsministerium geprägt war. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurde auch zu einem Boykott der PISA-Tests aufgerufen, dieser Aufruf allerdings wenig später widerrufen. Dennoch haben einzelne Testteilnehmer an PISA 2009 diesen Boykott umgesetzt. Es mussten deshalb Testbögen, die erkennbar von diesem Boykott betroffen waren, aus dem Datensatz für Österreich entfernt werden.


Auch wenn der Datensatz für Österreich nach dieser Bereinigung den technischen Standards für PISA 2009 entspricht, kann die negative Atmosphäre während der Testphase die Motivation und Leistungen der Testteilnehmerinnen und -teilnehmer beeinflusst haben. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass die Testbedingungen, unter denen die Daten 2009 erhoben wurden, nicht uneingeschränkt mit den Testbedingungen früherer PISA Studien vergleichbar sind. Aus diesem Grund berichtet die OECD Ergebnisse für Österreich nur mit Vorbehalt und sieht von Vergleichen mit den Ergebnissen früherer PISA-Untersuchungen für Österreich ab.


Zwischen Mädchen und Jungen sind die Unterschiede in der Lesefähigkeit nach wie vor groß. Der Abstand entspricht in Österreich mit 41 PISA-Punkten (dem Lernfortschritt eines Schuljahres) in etwa dem OECD-Durchschnitt.


Insgesamt sind die Unterschiede in den Schulleistungen stark geprägt durch den sozio-ökonomischen Hintergrund der Familien, aber mehr noch der Schulen. Der Leistungsabstand zweier Schüler mit ähnlichem Hintergrund beträgt in Österreich mehr als 100 PISA-Punkte, je nach dem, ob er auf eine Schule mit günstigem oder ungünstigem Umfeld geht.


Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, also solche, bei denen beide Eltern nicht in Österrreich geboren wurden, schneiden um 67 PISA-Punkte schlechter ab als gleichaltrige Einheimische. Berücksichtigt man den Unterschied im sozio-ökonomischen Hintergrund, so reduziert sich dieser Abstand auf 37 PISA-Punkte.

 

Neben der Lesekompetenz wurden mit PISA 2009 – wenngleich weniger umfangreich – auch Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften abgefragt. Hier erreichten die österreichischen Schülerinnen und Schüler mit 496 PISA-Punkten den OECD-Durchschnitt, während die Leistungen in den Naturwissenschaften leicht unter dem Schnitt lagen (494 PISA-Punkte).


„Bessere Schulleistungen sind ein wichtiger Faktor für künftiges Wirtschaftswachstum”, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. „PISA zeigt allerdings auch, dass zwei Länder mit ähnlichem Wohlstandsniveau sehr unterschiedliche Ergebnisse bei den Schulerfolgen haben können. Das Bild einer klar geteilten Welt mit reichen, gut ausgebildeten Ländern auf der einen Seite und armen und schlecht ausgebildeten auf der anderen ist heute überholt.”


Die PISA-Studie zeigt auch, dass in einigen Ländern Fortschritte in Schulleistungen selbst in recht kurzer Zeit erreicht werden konnten. Dabei spielt der Wohlstand eines Landes offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Auch vergleichsweise weniger entwickelte Länder haben beachtliche schulische Leistungen vorzuweisen. Herausragende Ergebnisse erzielten Schülerinnen und Schüler in den chinesischen Regionen Shanghai und Hongkong. Für wohlhabende OECD-Länder ist es damit nicht mehr selbstverständlich, dass ihre Schulsysteme die besseren sind.


PISA 2009 erlaubt allerdings nicht nur Leistungsvergleiche. Die Studie liefert auch Anhaltspunkte für die Analyse von Erfolgsfaktoren, die Bildungsergebnisse maßgeblich beeinflussen.


So wird z.B. deutlich, dass erfolgreiche Schulsysteme, mit überdurchschnittlichen Leistungen und unterdurchschnittlichen sozio-ökonomischen Ungleichheiten, vor allem solche sind, die Schülerinnen und Schülern gleiche Bildungschancen bieten, unabhängig vom Status und Gehalt ihrer Eltern. In Ländern mit verschiedenen Bildungszweigen zeigt sich: Je früher die erste Aufteilung auf die jeweiligen Zweige erfolgt, desto größer sind bei den 15-jährigen die Leistungs-unterschiede nach sozio-ökonomischem Hintergrund - ohne dass deswegen die Gesamtleistung steigen würde.


Auch erscheint es grundsätzlich sinnvoll, den Schulen größere Autonomie bei der Gestaltung der Lehrpläne, der Auswahl der Lehrer und der Beurteilung der Schüler einzuräumen. Dazu gehört allerdings auch ein höheres Maß an Evaluierung, Rechenschaft und Transparenz.


Erfolgreiche Schulsysteme zeichnen sich zudem dadurch aus, dass die Leistungen von Lehrern in der gesellschaftlichen Einschätzung positiv gewürdigt werden. So deuten die PISA-Ergebnisse auch darauf hin, dass eine Erhöhung der Qualität und Entlohnung des Lehrpersonals wichtiger sein kann als eine Reduzierung der Klassengrößen.

 

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