Hilfe nötig: Steigender Pflegebedarf für Senioren erfordert Umbau von Pflegesystemen

 

Deutschland ist in vielen Gebieten Vorreiter, hat aber auch größten Druck durch Alterspyramide


(Paris/Berlin 18. Mai 2011) Die Kosten für die Pflege älterer Menschen werden sich in der OECD bis zum Jahr 2050 mindestens verdoppeln. Das geht aus der Studie „Help Wanted? “ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zum Thema Langzeitpflege hervor. In Deutschland und Österreich etwa rechnen Prognosen mit einem Anstieg der Pflegekosten von derzeit 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf bis zu 2,7 Prozent in den kommenden vierzig Jahren. Schon heute ist in Österreich jeder zwanzigste Mensch auf dauerhafte Pflege im Alter angewiesen, in der Schweiz ist es jeder 25. und in Deutschland gut jeder dreißigste.

 

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Steigende Lebenserwartung, nachlassende familiäre Bindungen und eine stärkere Berufstätigkeit von Frauen führen dazu, dass Pflegekapazitäten in den kommenden Jahrzehnten knapp werden könnten. Besonders kritisch wird es für Deutschland, das im Jahr 2050 zu knapp 15 Prozent von Menschen bewohnt sein wird, die älter sind als 80. Nach Ansicht der Autoren von „Help Wanted?“ müssen aber alle OECD-Mitglieder größeres Augenmerk auf eine gezielte Pflegepolitik legen. Die Experten bemängeln, dass viele Länder auf den zunehmenden Pflegebedarf nur mit stückhaften Ausbesserungen reagierten, statt in nachhaltige Strategien zu investieren. Ihrer Meinung nach erfordert der demographische Wandel rasches Vorgehen in einer Reihe von Bereichen:

 

1) Unterstützung für Menschen, die Familienangehörige oder Freunde pflegen

Helfer aus der Familie bilden das Rückgrat eines jeden Pflegesystems. Mehr als einer von zehn Erwachsenen in der OECD unterstützt pflegebedürftige Angehörige oder Freunde. Beinahe zwei Drittel dieser Helfer sind weiblich. In den meisten Fällen erfolgt die Hilfe unbezahlt und für weniger als zehn Stunden pro Woche. In Südeuropa, Polen oder Korea aber erbringen die freiwilligen Pfleger oft mehr als zwanzig Wochenstunden. Schätzungen zufolge hatte die unentgeltliche Altenpflege in den USA im Jahr 2007 einen Gegenwert von etwa 375 Milliarden US-Dollar. Wenn der Staat solche Arrangements also fördert, hilft er nicht nur den Bedürftigen, die meist lieber von Nahestehenden versorgt werden als von Fremden, sondern auch seinen eigenen Finanzen.

Eine Möglichkeit der Unterstützung sind finanzielle Anreize, die allerdings vorsichtig eingesetzt werden müssen, damit sie die Helfer nicht dazu verleiten, für eine weitgehend ungeregelte Tätigkeit ihre ursprüngliche Arbeit aufzugeben. Mindestens ebenso wichtig wie Bares sind Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf fördern. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten oder ein Recht auf Pflegezeit. Und schließlich brauchen die familiären Helfer oft selbst jemanden, den sie um Rat fragen können. Psychologische Beratung oder auch Weiterbildungen können hier eine starke Entlastung bringen.

 

2) Rahmen für institutionalisierte Pflege in allen OECD-Ländern

So wichtig die familiäre Komponente ist, so gefährlich wäre es doch, ein ganzes Alterspflegesystem nur auf die Bereitwilligkeit von Angehörigen und Freunden zu gründen. Gerade bei schwerer Pflegebedürftigkeit sind den informellen Helfern einfach Grenzen gesetzt. Die Regierungen der OECD-Länder müssen also Systeme entwickeln, die sowohl familiäre als auch institutionelle Hilfe umfassen, unabhängig davon, ob letztere zuhause oder in einem Pflegeheim zum Einsatz kommt.

 

3) Ansprüche auf Langzeitpflege universell, aber trotzdem bedarfsgerecht

Die Kosten für Langzeitpflege bergen für finanziell schlechter gestellte Nutzer schon bei verhältnismäßig geringer Pflegeintensität die Gefahr einer Verarmung. Bei hohem Pflegebedarf gilt das sogar für einkunftsstarke Nutzer. Die Autoren der Studie empfehlen deshalb, zwar einen allgemeinen Anspruch auf Pflegeleistungen zu etablieren, die konkreten Zuschüsse aber nach Bedürftigkeit abzustufen. Positiv seien stringente Bewertungskriterien wie etwa in Deutschland. Auch müsse die Finanzierung der Langzeitpflege insgesamt auf eine breitere und zukunftsorientiertere Basis gestellt werden. Dazu könnte es hilfreich sein, die Zahlungen nicht nur aus den Abgaben der berufstätigen Bevölkerung zu finanzieren: In der Niederlande, Belgien und Luxemburg zum Beispiel fließen komplementär zu den Lohnsteuern auch andere Abgaben in das Pflegesystem. In Deutschland wiederum müssen auch Rentner Sozialbeiträge leisten, was die schrumpfende Anzahl der jungen Beitragszahler entlastet.

 

4) Neue Anreize für den Beruf Altenpfleger

Im dem Maße, in dem unsere Gesellschaft altert, verringert sich das Pro-Kopf-Pflegeangebot für Bedürftige. Bereits heute kommen in Deutschland auf hundert über 80-Jährige nur etwa elf Vollzeit-Altenpfleger, und dieses Verhältnis wird sich drastisch verschlechtern, wenn nicht mehr Menschen für den Beruf gewonnen werden können. In vielen Ländern hat die Branche zudem mit einer hohen Fluktuation zu kämpfen, denn Bezahlung und Arbeitsbedingungen sind selten attraktiv. Deutschland bildet da eine der wenigen Ausnahmen. Seit 2003 sind die Ausbildung und der Beruf Altenpfleger bundesweit geregelt. Dennoch sollte sich nach Ansicht der OECD-Experten jedes Land anstrengen, mehr Pflegepersonal zu rekrutieren. Das Bewerberfeld ließe sich zum Beispiel vergrößern, indem Kräfte aus dem Ausland angeworben werden oder durch den Versuch, die Geschlechterbarrieren aufzuweichen (siehe die deutsche Initiative „Neue Wege für Jungs“). Auch Frauen, die nach längerer Auszeit wieder ins Berufsleben einsteigen wollen, gelten als potenzielle Zielgruppe.

 

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5) Qualität und Produktivität in der Langzeitpflege prüfen und verbessern

Im Vergleich zu Gesundheits- oder Rentenkosten sind die Ausgaben für Langzeitpflege in den meisten Sozialsystemen moderat. Die Projektionen zeigen aber, dass diese Kosten bedeutend schneller anziehen können als jene der anderen altersrelevanten Sektoren. Es liegt daher nahe, auch in diesem Bereich nach Möglichkeiten der Effizienzsteigerung zu fragen. Daten dazu sind allerdings noch rar. Ein Weg, die Kosten überschaubar zu halten, besteht zweifelsohne darin, die Bedürftigen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden zu belassen. 2008 entfielen auf Altenbetreuung in Pflegeheimen knapp zwei Drittel aller Kosten, obwohl nur ein Drittel aller Pflegebezieher in Heimen oder Sanatorien untergebracht waren. Viele Länder versuchen dementsprechend, Anreize für eine möglichst langanhaltende häusliche Pflege zu setzen. Österreich und Deutschland beispielsweise fördern diese durch finanzielle Zuschüsse.

Ein anderes Mittel der Qualitätssteigerung in der Pflege ist bessere Koordination zwischen den beteiligten Stellen. Häufig ist die Langzeitpflege zwischen den Dienstleistern verschiedener Pflegeperioden zerstückelt – mit erheblichen Reibungsverlusten. Ein Pflegemanager (wie in Deutschland, Dänemark oder Japan), beziehungsweise ein Anlaufpunkt, der Informationen für alle Pflegesituationen bereitstellt, können die Situation für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen erleichtern.

Einen Überblick über die jeweiligen nationalen Pflegesysteme geben die Hintergrund-Flyer zu DeutschlandÖsterreich und der Schweiz. Sie enthalten auch weitere Zahlen für jedes der Länder.

 

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