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Deutschlands traditionsreiche Berufsbildung braucht Digitalisierung und Modernisierung – dann bleibt sie auch im 21. Jahrhundert stark

 

Berlin/Paris, 8. September 2020 – Die Coronakrise hat weltweit viele Unzulänglichkeiten und soziale Ungleichheiten in der Bildung offengelegt – auch in Deutschland. Beim wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau nach der Krise müssen Regierungen sicherstellen, dass Bildungsausgaben langfristig Priorität haben. Dies ist entscheidend, damit alle jungen Menschen die gleiche Chance bekommen, auf ihrem Bildungsweg erfolgreich zu sein und sich die Fähigkeiten anzueignen, die sie brauchen, um ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Dies zeigt die OECD-Studie Bildung auf einen Blick 2020, deren Ergebnisse für Deutschland heute in Berlin vorgestellt wurden.

 

In Bildung auf einen Blick vergleicht die OECD jährlich Bildungssysteme, Bildungsausgaben und Bildungserfolge in den OECD-Mitgliedsländern und Partnerländern. Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe ist die berufliche Aus- und Weiterbildung. Dieser Bildungszweig hat in der Coronakrise gleich doppelt zu leiden, da Abstandsregeln einerseits und Unternehmensschließungen andererseits die Verbindung von Theorie und Praxis in vielen Ausbildungsgängen unmöglich machen.

 

Berufliche Bildung

Junge Menschen beginnen heute im Schnitt der OECD-Länder seltener eine Berufsausbildung und dafür häufiger ein akademisches Studium als ihre Elterngeneration. Zwar lässt sich dieser Trend auch in Deutschland beobachten, jedoch entscheiden sich hierzulande mit 46 Prozent aller Schülerinnen und Schüler des Sekundarbereichs II weiterhin recht viele für einen berufsbildenden Weg – vier Prozent mehr als im OECD-Schnitt. Fast alle von ihnen (89 Prozent) sind in dualen Ausbildungsgängen eingeschrieben, die ihnen ein Zusammenspiel von schulischem und betrieblichen Lernen ermöglichen – fast dreimal so viele wie im OECD-Mittel (34 Prozent).

 

„Viele der Berufe, die während des Lockdowns das Rückgrat unserer Wirtschaft bildeten, hängen von berufsbildenden Qualifikationen ab. Das bleibt Deutschlands große Stärke, denn insgesamt funktioniert die Abstimmung zwischen Bildung und Arbeitsmarkt gut und der Übergang ins Erwerbsleben klappt“, so OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Vorstellung der Studie in Berlin. „Jetzt geht es darum, diese Ausbildungswege fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Dazu gehört auch, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, um neue Lernangebote zu schaffen – nicht nur dann, wenn uns eine Krise dazu zwingt.“

 

Nach wie vor sind die Berufsaussichten für Absolventinnen und Absolventen von beruflichen Ausbildungsgängen gut. In 2019 waren 88 Prozent der 25- bis 34-Jährigen mit einem Berufsabschluss der Sekundarstufe II oder mit einer postsekundären Berufsausbildung beschäftigt. Ihr Beschäftigungsniveau ist damit genauso hoch wie das ihrer Altersgenossen mit einem tertiären Bildungsabschluss.

 

Deutschland hat die berufliche Bildung auch anschlussfähiger gemacht: Den meisten Absolventinnen und Absolventen steht der Übergang in höhere Bildungsgänge offen, im OECD-Vergleich gilt das nur für etwas mehr als zwei Drittel. Allerdings wird diese Möglichkeit noch nicht so oft genutzt wie in anderen Ländern, etwa der Schweiz. 

 

Tertiäre Bildung

Insgesamt hält auch in Deutschland der Trend hin zu akademischer oder höherer beruflicher Bildung an: In den letzten zehn Jahren hat sich der Anteil junger Menschen mit einem solchen Tertiärabschluss um acht Prozentpunkte erhöht. Bei der Anfängerquote für tertiäre Bildungsgänge liegt Deutschland mit 45 Prozent inzwischen nah am OECD-Mittel von 49 Prozent.

 

Ein Grund für die Attraktivität höherer Bildungsabschlüsse sind die Einkommensvorteile, die sich damit erzielen lassen. Ganzjährig Vollzeitbeschäftigte mit einem tertiären Abschluss verdienen in Deutschland etwa 61 Prozent mehr als solche, die nur eine Berufsausbildung oder Abitur als höchsten Bildungsabschluss vorweisen können. Im OECD-Mittel liegt der Gehaltsvorsprung bei 54 Prozent. Über das Gehalt hinaus legen die Zahlen für Menschen mit Tertiärabschluss einen weiteren Vorteil nahe. So teilen rund 61 Prozent der in Deutschland befragten Erwachsenen mit Tertiärabschluss die Einschätzung, dass sie bei dem, was die Regierung macht, mitreden können. Unter den Personen mit Bildungsstand unterhalb eines Sekundar-II-Abschlusses geben dies nur 36 Prozent an.

 

Bildungsausgaben

Bei den Bildungsausgaben befindet sich Deutschland mit etwa 13.500 US-Dollar pro Vollzeitbildungsteilnehmer über dem OECD-Durchschnitt von ca. 11.200 US-Dollar (jüngste Zahlen von 2017). Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt Deutschland mit 4,2 Prozent allerdings etwa 0,7 Prozentpunkte weniger aus (2017). Die Ausgaben pro Schülerin und Schüler fallen in Deutschland bei den berufsbildenden Bildungsgängen des Sekundarbereichs II besonders hoch aus, wo sie etwa 40 Prozent über dem OECD-Mittel liegen. Die Wirtschaft leistet hier einen wesentlichen Beitrag. Im Primarbereich entsprechen die Ausgaben pro Schülerin und Schüler etwa dem OECD-Durchschnitt, im Sekundar-I-Bereich liegen sie um 14 Prozent höher. Im Tertiärbereich liegt Deutschland über dem Durchschnitt, wenn die Ausgaben für Forschung- und Entwicklung mitgezählt werden. Werden sie ausgeklammert, sind die deutschen Ausgaben pro Bildungsteilnehmer im Tertiärbereich etwas unter dem Durchschnitt.

 

Die vollständige Studie auf Deutsch und Englisch sowie Ländernotizen für Deutschland, Österreich und die Schweiz finden Sie unter www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick.htm

 

Pressekontakt:
Nadja Nolting
Berlin.Centre@oecd.org
Tel: +49 (0)30  28 88 35 49

 

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